Die Zeitung von gestern (4)

Denker unter der Kuppel: furchtlos (6.7.2017)
von Joachim Landkammer

Nachdem bereits im Mai in der FAZ eine Reportage aus London, Amsterdam und Trier zum „Marx-Business“, also zur erinnerungsindustriellen Vermarktung seines Werks und Andenkens erschienen war, legt nun am 5.7. einer der schon vor zwei Monaten beteiligten vier FAZ-Autoren, Stephan Finsterbusch, auf einer ganzen Seite der Beilage „Die 100 Größten“ nach. Er berichtet in kurzen aneinandergereihten Schlaglichtern über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der „Bibel der Arbeiterklasse“, von der vor 150 Jahren nach mehr als 10-jähriger Arbeit der erste Band unter dem Titel „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ erstmalig aufgelegt wurde. Über dem Artikel prangt in voller Zeitungsseitenbreite ein heutiges Photo des mythischen Entstehungsorts: die große Kuppel des Lesesaals in Londons British Museum. Im Einklang mit dem Artikel-Titel „Kathedrale des Kapitals“ wird damit ein quasi-religiöser Entstehungskontext evoziert; Mönch Karl erschafft in langen einsamen Bibliotheksstunden, -tagen, -nächten und -jahren ein Jahrhunderwerk, unter dem Schutz der Göttin Wissenschaft und zu höherem Ruhm einer menschheitserlösenden Theorie-Einsicht. In der Tat ensteht Marx´ opus magnum, wie nach alter Kirchenväter-Sitte, aus einer Form höherer Glossierung der bekannten kanonisch-klassischen Werke (Smith, Mill, Ricardo). Weit weg von modernen „research design“-Forderungen nach „Feldforschung“, „teilnehmender Beobachtung“ und „empirischen Datenerhebungen“ findet Marx offenbar fast alles, was er für seine „Enthüllung des ökonomischen Bewegungsgesetzes der modernen Gesellschaft“ braucht, in verschrifteter Form unter der weitgespannten Kathedralenkuppel, wo das damalige Weltwissen – auch in tagesaktueller Form – zusammenlief.

Und wo es, das ist nicht zu vergessen, dem stets geldklammen Exilanten kostenlos zur Verfügung stand. Was dort (noch) nicht zu haben war, mußte, wenn es wichtig war, durch ad-hoc-Sponsoring eben angeschafft werden. So hat Marx 1858 durch eine Rezension im „Economist“ von James Maclarens Abhandlung „A sketch of the history of the currency“ (Groombridge 1858) erfahren, die er für „first rate“ hält (und in den sog. Ökonomischen Manuskripten zitiert). Aber, wie er am 31.5.1858 an Engels schreibt: „Das Buch ist noch nicht in der Bibliothek, wie überhaupt die Sachen dort erst Monate nach ihrem Erscheinen auftreten“. Der Text ist aber für Marx unverzichtbar: „Ich muß es natürlich lesen vor meiner Darstellung“. Denn, mit einer bis heute durchaus üblichen, zwischen Arroganz und Vorsicht schwankenden Gelehrteneinstellung:

„Es ist wahrscheinlich, daß für mich nichts Neues in dem Buch steht, allein nach dem Wesen, was der Economist damit macht, und nach den Auszügen, die ich selbst gelesen, erlaubt mein theoretisches Gewissen nicht, voranzugehen, ohne es zu kennen“.

Und deswegen muß der Mäzen „Dear Frederick“ nun um den Betrag per „Post Office Ordre“ angehauen werden, den das Buch kostet, nämlich für Marx und seine von ihm so benannte „Kriegskasse“ unerreichbare „9 sh. 6 d.“.  Laut den Berechnungen, die man heute etwa auf MeasuringWorth.com durchführen lassen kann, entspricht das einem heutigen Warenwert von ca. 50 € (daß diese Angabe relativiert wird durch zahlreiche andere mögliche Bewertungskriterien – Ertragswert, Projektwert und nicht zuletzt „labour value“ – die die gleiche Summe dann einem bis zu 30 mal höheren Wert entsprechen lassen, hätte Marx vermutlich genauso verwirrt wie uns heute). Aber daß nichts ungelesen bleiben darf, was zum Thema gehört, das man selbst beackert, gehört bis heute zum „theoretischen Gewissen“ (und manche sagen: auch zur Prokrastinationstaktik) all derer, die unter der großen Glaskuppel der Wissenschaft arbeiten.

Was heute frappiert, ist neben Marx‘ aufwendiger Forschungsmethode die sehr widersprüchlich erscheinende Art, wie heute mit dem Resultat dieses so langwierig-bedächtig er-schriebenen Lebenswerks umgegangen wird. Da arbeiten zum Einen weltweit Forscher und Editoren daran, jedes Wort, jeden Buchstaben, den Marx irgendwohin gekritzelt hat, peinlich genau zu dokumentieren und zu kommentieren;  die marxsche Scholastik des Texte-Ab- und Weiterschreibens geht also munter weiter und ernährt auch heute noch ganze Wissenschaftler-Cluster. Zum Anderen ist man aber mit dem gewaltigen Werk-Ungetüm auch ganz schnell fertig: der Artikel zitiert kurz einschlägige Aussagen des Talkshow-erprobten Starökonomen Hans-Werner Sinn (die Arbeitswerttheorie sei „eine der größten wissenschaftlichen Fehlleistungen“ und „schlichtweg falsch“ – dabei stammt sie gar nicht von Marx selbst) sowie aus einem von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Text der taz-Journalistin und Buch-Autorin Ulrike Herrmann („Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ lautet die Einsicht eines kürzlich erschienenen Buchs von ihr): im hier zitierten, durchaus reflektierten und informierten Essay listet sie drei Marxsche „Irrtümer“ römisch 1 bis 3 auf und klopft Marx dann begütigend-bilanzierend auf die Schulter: „Auch ein Genie darf irren“.

Dafür sitzt man also über 10 Jahre lang in klösterlicher Einzelhaft in der Bibliothek, liest und exzerpiert Tausende von Büchern und beschreibt Abertausende von Seiten – um 150 Jahre später mit wenigen Federstrichen von mit der Gnade sehr später Geburt gesegneten Epigonen rasch abgefertigt zu werden: Irrtümer, Fehlleistungen, falsche Prognosen. Selbst der bekannte Spruch, den man gern wohlwollend zitiert, um ihn in Schutz zu nehmen und den auch Finsterbusch sich als Schlußpointe nicht sparen kann („Alles, was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin“), ist ja eigentlich eine nur halbherzig verdeckte Denunziation seines Denkens: denn so wird er als harmloses und irrbares Privat-Individuum vor jeder Verwechslung mit all jenen Vertretern und Verfechtern seiner Theorie bewahrt, die sie (auch politisch) ernst nehmen und damit ihre objektive Richtigkeit erweisen könnten.

Neben der nüchternen „Abrechnung“ mit dem groben Oberlehrer-Rotstift, der trennscharf Richtiges und Falsches sortiert, darf man sich aber vielleicht auch eine anders orientierte Beschäftigung mit dieser intellektuellen Gelehrten-Lebens-Leistung denken und wünschen: eine, die darauf hinausläuft, „nur“ lesen und wiederlesen, verstehen und besserverstehen zu wollen. Als die „Zwerge auf den Schultern von Riesen“, die wir ja alle nach einer ebenfalls schon im Mittelalter geläufigen Formel sind, dürfte eigentlich kaum jemand sich berufen fühlen, mit leichtfertigen „Thumbs up“ bzw. „Thumps down“ über Aktualität und Überholtheit eines vielschichtig-komplex gewobenen Texts zu urteilen. Die Vermutung besteht, daß das, was in 10 Jahre langer Arbeit unter einer mächtigen Bibliotheks-Kuppel entstanden und gereift ist, auch 150 Jahre später mehr verdient hat als die publizistisch so wirksame Primitiv-Binärlogik „stimmt“/“stimmt nicht“. Die Kathedralenkuppel des lesend-schreibenden Denkens bildet einen virtuell in sich geschlossenen intellektuellen Resonanzraum eigener Art, einen Bannkreis der Theorie, der so schnell nicht zu kompromittieren ist. Wer sich mit und nach Marx in solche Kuppelräume begibt, wird auch 150 Jahre später sich mit der simplen Feststellung von „Irrtümern“ kaum zufrieden geben.