Adventskalender

8

Acht

Zählt nicht nicht nur das Zählen, zählt nicht auch das Wort, der Signifikant?

Ich schreibe sie, die Acht. Als 8, als acht, als Acht… und höre sie, das Kratzen der Feder auf dem Papier, die Bewegung der Hand, die den Stift führt; höre sie, wie ich sie leise mitspreche, ganz leise zu mir [axt], die Bewegung der Zunge, gewölbt zum Rachen hin die Bewegung zur Zungenspitze, wie sie fast an meinen Zähnen schnippt, wie die Laute verfliessen zur homophonen Homonymie, wie sie kratzt, die [axt]/8/Acht in der Kehle und auf dem Papier.

Sie spricht zu mir, wie ich sie spreche. Im Zählen bringt der Körper, die »Rauheit der Stimme« (Barthes 2015) den Überschuss des Sinns der Sinnlichkeit im Spiel der Signifikanten hervor, unwillkürlich. Die 8 zählt nicht, sie erzählt.

Die Acht, als Aufmerksamkeit, Bedeutung »heute vornehmlich in Wendungen wie (sich) in acht nehmen, ausser acht lassen, achtgeben, achthaben« (Pfeifer 1993), ist in ihrem substantiven Charakter (ihrer Substanz?) verblasst (vgl. ebd.).

Sie flüstert nur noch, von ihren Vorfahren ahta (Ahd.), der Überlegung, der Meinung, erinnert nur noch zart an ihre Wurzeln denken, meinen. Wie schön, denke ich, dass das Etymologische Wörterbuch nach Wolfgang Pfeifer hier von einem Verblassen spricht… vorsichtig richtet sich die Aufmerksamkeit auf jenes Verschwinden und spürt der Spur der Signifikanten nach, tastet nach den Rillen im Palimpsest…

»Ob sich die germ. Gruppe mit aussergerm. Formen wie griech. óknos (ὄκνος) ›Bedenklichkeit, Zaudern‹, okné͞in (ὀκνεῖν) ›zögern, Bedenken tragen‹, toch. B āks- ›wach sein‹ verbinden und der Wurzel ie. *ok- ›überlegen‹ zuordnen lässt, ist nicht mit Sicherheit zu erweisen [Hervorhebung M.K.].« (Pfeifer 1993)

Pfeifer zögert, die Sicherheit der Verbindung zum Zögern ist nicht mit Sicherheit zu erweisen. Bedenklich, denke ich, die Acht als jenes Zaudern, frage mich, wer hält mich ab, diese Ungewissheit zur Gewissheit zu machen, wäre sie doch Gewissheit des Zögerns (also eine immer verblassende). Die Acht wacht darüber, das Denken als Zögern, als Zaudern zu bewahren,… ich folge den Schleifen der Feder, Schwung um Bogen, wie sie wie um zwei Pole kreist, ruhelos, ohne sich festzulegen…

»Im Zaudern verdichtet sich ein kritisches, krisenhaftes von Tat und Hemmung, Gesetz und Vollzug; und dabei wird zwangsläufig der Boden aufgewühlt, auf dem sich überhaupt eine Welt, ein Weltverhältnis konstituiert.« (Vogl 2014, 33f.)

Siehst du die zwei Pole? Tat und Hemmung, Gesetz und Vollzug, der Boden aufgewühlt, vielleicht sä(h)e ich hier den Samen eines vorsichtigen Gedankens, – das Seminar – doch zögere ich…

 

 

Im so lauten Sprechen von der Mode gewordenen ›Achtsamkeit‹ als sehnsuchtsvoller Ausdruck nach verlorener Stille vielleicht, ist dieses Zögern, die Verschiebung, die Ruhelosigkeit, die Bewegung der Abstossung von jenen Extremen in belangloser Wellness-Ideologie vergessen, verschluckt; zu schnell verstanden stirbt die angehaltene Bewegung, diese Spannung des Zauderns, durch die Vernichtung der Bewegung in der Gewissheit. Die Acht steckt mir ärgerlich im Hals, macht mich räuspern, kratzt beim Aussprechen wie beim Schlucken. Gut so, denke ich.

Die Schleifen zwischen Tat und Hemmung, ist es nicht diese Dialektik der Bewegung des Denkens, die mich das Spiel der Zeichen lehrt? Erachten als ein »Wofür Halten, Ansehen« setzt den Distanzgewinn, die Abstossung voraus. Im Moment des Ergreifens (oder Ergriffenwerdens?) zwingt mich der Signifikant zur Unterbrechung, ich verliere mich in der »Lust am Text«.

»Weder die Kultur noch ihre Zerstörung sind erotisch; erst die Kluft zwischen beiden wird es (…) aber nicht die Gewalt imponiert der Lust; die Zerstörung interessiert sie nicht; was sie will, ist ein Ort des Sichverlierens, der Riss, der Bruch, die Deflation, das fading, das das Subjekt mitten in der Wollust ergreift« (Barthes 2006, 13f.)

Sichverlieren, verblassen, der Riss, das Denken als Abstand nehmen zeigt sich als jene kreisende Bewegung um zwei sich abstossende Pole. Die Acht ist jenes Zögern, welches ein echtes (Schwiizerdiitsch: »ächt«) Ansehen als denkendes Erkennen ermöglicht. Die Acht ist damit zugleich Unterbrechung und Bewegung, Unterbrechung einer Bewegung, nicht ihre Vernichtung; ein Anhalten, das Aushalten der Spannung und die erzwungene Ausweichbewegung und Fluchtversuche, angezogen und abgestossen zugleich – Achtung und die Schleifen der Acht werden in der Zeit entfaltet, verlaufen zu Schlaufen, verlieren sich zur Spur.

So flüstert die Acht zu mir, und ich zu ihr, im Dunkeln der Nacht, die die Sinne schärft, schon müde, doch noch wach, im kratzenden Tasten der Bewegung, und dem Lauschen auf das Rauschen der Sprache.

 

 

Literatur

Barthes, Roland. 2006. Die Lust am Text. Bibliothek Suhrkamp 378. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Barthes, Roland. 2015. Die Rauheit der Stimme. In: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Kritische Essays III, übers. von Dieter Hornig, 269–278. 9. Auflage. edition suhrkamp 1367. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Pfeifer, Wolfgang et al., 1993. Acht. In: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen in der digitalisierten und von Wolfgang Pfeifer überarbeiteten Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin: Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. https://www.dwds.de/wb/Achtung (zugegriffen: 30. November 2021).

Vogl, Joseph. 2014. Über das Zaudern. Neuaufl. TransPositionen. Zürich: Diaphanes.

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Über Moritz Klenk

Prof. Dr. Moritz Klenk (Hochschule Mannheim), ist Professor für Kulturwissenschaften an der Hochschule Mannheim. Seine Arbeits- und Interessensschwerpunkte sind «experimentelle Kulturwissenschaft», kritische Theorie, Medien- und Designgeschichte, Erkenntnistheorie und -praxis der Geisteswissenschaften. Website: https://experimentality.org

Eine Antwort zu 8

  1. Können Gabriele sagt:

    Ein be acht licher Text! Er weist sowohl auf den Mittelpunkt der 8 hin als auch auf die beiden gleichen Schlaufen, die sich um denselben drehen, gleich aussehen und doch so unterschiedliche Intonation beinhalten. Danke für deine Ge danke n zum Tag!

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