Spiritusblog

»… daß euer Geist nicht mit euerer Lage verarme« (Jean Paul)

Blumenberg I, Schiffbruch mit Zuschauer

Zur Sitzung am 11.9.

Dissens bestand über die Frage, ob die von Blumenberg referierte, in verschiedenen Epochen aufgerufene Grund-Unterscheidung zwischen dem festen, sicheren Land und dem ungewissen, gefährlichen, unkontrollierbaren Meer auf heutige Vorstellungen überhaupt noch übertragbar ist, da uns, als den „modernen Menschen“, die Existenz einer solchen unvertrauten Sphäre des Unheimlichen, Abweisenden und Unbewohnbaren gar nicht mehr plausibel erscheint – wir sind mittlerweile, um ebenfalls eine nautisch-aquatische Redewendung zu bemühen, schon „mit allen Wassern gewaschen“. Daß es „Schiffbrüche“ gibt, und daß wir auch immer noch die Position des unbetroffenen Zuschauers annehmen können, hat sich – über die moralisch rasch diskreditierten Phänomene des Unfall-Gaffers oder des Katastrophen-Touristen hinaus – in einem Maße normalisiert, daß die von Blumenberg in ihren metaphorischen und realen Verwendungen verfolgte Konstellation vielleicht kaum mehr zur prägnanten, folgereichen „Daseinsmetapher“ taugt: wir sind beim täglichen Blick in Medienberichte und v.a. -bilder kalt-nüchterne „Zuschauer“ von „Schiffbrüchen“ anderer, vom realen Geschehen durch die mediale „Vermittlung“ unendlich weiter getrennt und entfernt als es je ein früherer Schiffsbruch-Beobachter auf seiner Felsenklippe sein konnte. Man könnte behaupten, fast unser ganzes mediales Alltags-Setting lebe davon, uns in unserer heimelig-sicheren Position als Medienbild-Rezipienten täglich zu versichern, daß alles, was an „Schrecklichem“ passiert, immer nur anderen passiert. Wir sind täglich Über- und Weiterlebende.

Dazu gehört auch, daß das Meer seinen Menschheits-Schrecken heute weitgehend verloren hat (es braucht Filme wie All is lost, um uns mit viel Aufwand das mit ihm verbundene Risiko der völligen Einsamkeit und Hilflosigkeit in Erinnerung zu rufen – und selbst da gibt es natürlich ein happy end). Das Meer ist heute meist eine nur noch für Senioren-Vergnügungsfahrten tolerabel langsame Verkehrsoberfläche, über die man bei Bedarf per Flugzeug bequem und rasch „hinwegspringt“ – wenn man sie nicht gerade demonstrativ für ökologische Alternativ-Propagandazwecke nutzt (Greta Thunberg). Die aktuelle Flüchtlings-Tragödie im Mittelmeer läßt sich wahrscheinlich viel zu leicht auf die Naivität in der Verwendung unzureichender Transportmittel oder auf die zynisch ausgenutzten Zwänge hilfloser Menschen zurechnen, als daß sie uns – als absolut neue Ausnahmesituation – wirklich ein verallgemeinerungsfähiges neues Horrorbild von den „Gefahren der Seefahrt“ vermitteln könnte.

Im Übrigen zeigen ja auch die von Blumenberg genannten Weiterentwicklungen und Umdeutungen der Seefahrts- und Schiffsbruchmetapher für menschliche Unternehmungen überhaupt, wie die menschenfeindliche Gefahrenzone sich langsam verwandelt in eine dann doch mit ausreichender Erfolgswahrscheinlichkeit zu beherrschende Expansionsfläche, die nicht zu nutzen irgendwie feige und spießig ist. Dabei ist gerade die Nähe zum angeblich „sicheren“ Land das Gefährliche (denn nur dort gibt es Untiefen, und Felsklippen, an denen das Schiff „scheitert“: „man suche die hohe See, wenn man nicht scheitern will“, Galiani, zit. S. 45), und auch im Hafen kann man noch untergehen (Montaigne, zit. S. 19), ja selbst in einem lieblichen Bächlein („On fait partout naufrage dans un ruisseau“, Voltaire, zit. S. 37). Das Ubiquitäre der Untergänge, ihre Nicht-Mehr-Verortbarkeit in einer bestimmten „Todeszone“ relativiert deren Droh- und Angstpotential.

All das macht Blumenbergs ideengeschichtliche Metaphern-Nachverfolgung natürlich nicht obsolet, es stellt sich nur die Frage, ob und wo wir heute vergleichbare Schreckensszenarien noch zur Verfügung haben, die uns, metaphorisch oder existentiell, vor unseren Unternehmungen und Existenzplänen warnen (oder gerade zu ihnen als „Abenteuer“ ermuntern) können. Wo nehmen wir heute unsere „Daseinsmetaphern“ her?

Kategorien:Allgemein

  1. Wir sollten vielleicht einmal darüber sprechen, inwieweit sich das Zuschauen in dieser Metapher nicht grundlegend geändert hat, nämlich insofern, als es im geschilderten Beispiel kein grundlegendes Mit-Gemeint-Sein mehr bedeutet und damit viel von seinem Schrecken verliert. Der Medienrezipient unterscheidet sich ja mindestens insofern von der Zuschauerin am Ufer, als dass Letztere unmittelbar die Möglichkeit des Selbst-Betroffen-Seins und/oder des Eingreifen-Könnens vor Augen hat. Ersterer kann sich dieser Unmittelbarkeit entziehen – und schaut statt aufs Meer lieber in Parlamentsdebatten, Gesetzestexte oder auf Crowdfundingplattformen und verweist auf die Notwendigkeit der Bekämpfung von Fluchtursachen, die Kriminalität der Schlepper oder die Unabdingbarkeit der privaten Seenotrettung, während er die eigenen Reisen im Flugzeug antritt.

    Mit Blick auf dieses Mit-Gemeint-Sein sind es vielleicht Terroranschläge, die in ähnlichem Ausmaß ihre Zuschauerïnnen involvieren. Das Risiko der überschrittenen Grenze von sicherem Land auf gefährliches, dafür verheißungsvolles Meer ist dabei ungleich unberechenbarer, diffuser und vor allem keine individuelle Entscheidung mehr. Nach Utøya, Bataclan, Brüsseler Flughafen und Breitscheidplatz wurde sie mehrfach als Grenze zwischen liberaler Gesellschaft/Kultur/Werten und ihrem autoritärem Gegenbild gezeichnet: Stoltenberg parierte, „Wir müssen jetzt standhaft sein und weiterhin für unsere Werte eintreten. Die Antwort von Norwegen auf Gewalt ist immer mehr Offenheit, mehr Demokratie“. Und Claudius Seidl schrieb nach den Pariser Attentaten: „Es geht also, wenn Bars, Cafés, Restaurants angegriffen werden, wenn ein Konzert gestürmt und die Besucher ermordet werden, nicht nur um unsere Art zu leben. Es geht um unsere Kultur. […] Das ist, worum es geht, was behauptet und gerettet werden muss.“. Als „sicheren Boden“ scheinen das beide allerdings nicht zu begreifen, sonst müsste ja nicht so vehement verteidigt, behauptet, gerettet und standhaft geblieben werden – das ist dann vielleicht Pascals „Vous êtes embarqué“.

  2. Man wird aber vielleicht doch darauf hinweisen müssen, daß zumindest in Lukrez` Urform der Metapher vom Zuschauer beim Schiffbruch, so wie Blumenberg das zu Beginn von Kap. III referiert, wirklich eine „Metapher“ (für das menschliche Verhältnis zur Welt) genutzt und geprägt wird, und die geht tatsächlich von der Möglichkeit der radikalen Unbetroffenheit und „Unbetreffbarkeit“ des Zuschauers aus: eines Zuschauers, der ja auch nicht „der Mensch“ schlechthin ist, sondern der epikureisch inspirierte Philosoph in seiner Gemütsruhe, der unbeteiligt eine im Grunde sinnlose, zufällige, chaotische Welt „betrachtet“, angesichts der er sich und „seinen eigenen unbetroffenen Standort“ tatsächlich „genießen“ kann. Wenn wir, wie wir das ja auch in der Sitzung getan haben, gleich wieder anfangen uns vorzustellen, die Uferfelsen samt Beobachter könnten ja auch ins wilde Meer kippen usw., haben wir uns durch die konkrete Anschaulichkeit und „Weiterdenkbarkeit“ der Metapher schon dazu verleiten lassen, ihren eigentlichen Sinn – zumindest den von Lukrez‘ Verwendungsweise – auszuhebeln. Die Frage wäre also auch, ob und wo eine solch extreme Weltabgewandtheit, Weltunberührtheit, wie die hier gemeinte, heute noch denkbar wäre. Eigentlich fällt einem nur ein Mensch im Koma ein, oder? (Und der „genießt“ es kaum).

    • Na ja, ja. Aber er verweist ja auf alle möglichen Involviertheitsgrade (von Unbetroffenheit über Gleichgültigkeit, Genuss und Neugierde bis hin zu „mehr sehen = mehr Last“). Die jeweiligen Einzelzustände sind ja nicht das interessante daran, oder? Sondern, dass mit dem „Schiffbruch mit Zuschauer“ eine „Daseinsmetapher“ gefunden ist, die sich ja wahrscheinlich auch deshalb durchsetzt, weil sie in unterschiedlichen Epochen unterschiedliche Zuschreibungen zulässt, und mal als Selbstbewusstsein über die Beobachterposition, mal als volupté maligne interpretierbar ist, je nach Welt- und Selbstverständnis.

      • Genau, aber insofern kann man ja gar nicht sagen, daß sie sich „durchsetzt“, sondern nur, daß auf eine gewisse als Metapher brauchbare Konstellation (ein Schiffbruch, ein Zuschauer) auf verschiedene Weise immer wieder, allerdings mit verschiedensten Verwendungsweisen und Aussageabsichten, zurückgegriffen wird. Um zu verstehen, welche epochen- und ideengeschichtliche Distanz zwischen diesen Momenten des Rückgriffs auf die Metapher liegt, finde ich die „jeweiligen Einzelzustände“ schon „interessant“: sie müssen als jeweils eigene Neu- und Anders-Interpretationen ernst genommen werden.

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