Kleine Kant-Schriften III: Pflichten- oder Tierethik?

Joachim Landkammer

Kants 1793 in der „Berlinischen Monatsschrift“ (neun Jahre zuvor war dort auch „Was ist Aufklärung?“ erschienen) publizierte Abhandlung „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ ist Teil seiner sich länger hinziehenden Auseinandersetzung mit dem „Popularphilosophen“ Christian Garve. Weiterlesen

Trübe Tübinger Tütenwahrheiten. Zu Boris Palmers Auftritt bei „Seekult“*

Joachim Landkammer

*Der Kommentar nimmt Bezug auf eine als „Podiumsdiskussion“ (und zunächst mit anderen Gesprächspartnern) angekündigte Veranstaltung im Rahmen des studentisch organisierten Kulturfestivals „Seekult“ 13./14.10.2017 in der Kulturcaserne im Fallenbrunnen, Friedrichshafen.

Weiterlesen

Kleine Kant-Schriften II: Was ist das „Bedürfnis der Vernunft“?

Joachim Landkammer

In dem kurzen Essay „Was heißt: sich im Denken orientieren?“ (1786), der als Kants „Beitrag zum Pantheismus-Streit“ (1785ff.) geführt wird – in dem der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi nachweisen wollte, daß der Spinozismus aufgrund seines rationalistischen Pantheismus‘ zum Atheismus führen muß (was Spinoza-nahe Intellektuelle wie Lessing, Goethe, Herder, Mendelssohn hochgradig beunruhigen und diskreditieren sollte) – positioniert sich Kant, nach wiederholter Aufforderung, doch zu der Debatte Stellung zu nehmen, zwischen den beiden Fronten: Weiterlesen

Kleine Kant-Schriften I: Die anti-heroische Geschichtsphilosophie der Aufklärung

Joachim Landkammer

Es scheint durchaus sinnvoll, Kants Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht VOR der Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (beide aus dem Jahr 1784) zu lesen, wie im Spirituskreis geschehen. Denn auch die Aufklärungsschrift hat deutliche Bezüge zum optimistischen Fortschrittsglauben von Kants Geschichtsphilosophie. Weiterlesen

Die Zeitung von gestern (11)

Wie die Fruchtfliegen (3.8.2017)

Gestern im Wissenschaftsteil der FAZ diese kleine Meldung am Rande:

Fruchtfliegen

Wissenschaftliche Arbeit scheint ja vor allem dann interessant, wenn sie dazu führt, daß auf ersten Blick erstaunliche, unerwartete Ergebnisse dann trotzdem plausibel erklärt werden können; wenn man also zwar mit dem schon von den alten Griechen verlangten „Staunen“ anfängt, aber aus ihm eben auch wieder herauskommt. Daß Männchen sexualtrieblich nicht permanent in Allzeit-Bereitschaft stehen, und das Weibchen nicht nur in raren, sorgsam vorzubereitenden special moments paarungsbereit ist, wie man nur allzu anthropomorph vermutet hätte, scheint hier erstmal widerlegt. Aber die kleine Drosophila-Dame bestätigt gerade mit ihrem hier festgestellten Verhalten die allgemein-animalisch unterstellte, feminine Sexual-Minder-Affinität: sie kann immer, weil ihr Schlafen, Fressen, Nichtstun oder eben Sich-um-die-Fortpflanzung-Kümmern völlig einerlei und dasselbe sind. Der Mann, der nach Georg Simmel „seine Kraft eher [als eine Frau] in eine einseitig festgelegte Richtung fliessen lassen“ kann, muß in dieser Einseitigkeit auch vollständig präsent und auf der Höhe der Aufgabe sein: dann ist die sexuelle Null-Performanz des Schlafs freilich viel besser als die Schmach, mittendrin aus Müdigkeit zu underperformen – sei es auch sonst der „perfekte Partner“. Wenn schon, denn schon, meint Mann. Für frau gilt hingegen: wer eigentlich sowieso nie wirklich will, kann dann ja auch immer wollen. Männlich handeln heißt, meint Simmel, „die Leistung in die Distanz der Objektivität“ zu stellen; die holde Weiblichkeit kennzeichne hingegen „mangelnde Differenziertheit, geschlossene Einheitlichkeit des seelischen Wesens“. Höhere Einheitlichkeit ist denn auch die Chiffre, mit der Simmel den genannten „Mangel“ als nicht abwertend gemeinte, dem männlichen Leistungs-Syndrom positiv gegenüberstellte weibliche Andersheit schönreden will.

Man kann für heute die gendertheoretisch hochproblematische Unterscheidung auf sich beruhen und sich von den Naturwissenschaftlern dahingehend trösten lassen, daß beide Verhaltensweisen gleichermaßen biologisch sinnvoll und funktional sind: „It appears that whichever behavior has the highest biological drive suppresses the other behavior“, wird ein beteiligter Forscher zitiert. Männliches sexualabstinentes Schlafen oder weibliches sexuell aktives Wachbleiben, Mutter Natur ist beides recht. Aber man(n) könnte von den Fruchtfliegenweibchen lernen, daß nichts im Leben so hoch gehängt werden darf, daß ein bißchen Müdigkeit ein Grund wäre,  es nicht auch halb im Schlaf zu tun bzw. über sich ergehen zu lassen: Büro, Haushalt, Kultur, Kunst, Sport, Sex. Nichts davon verdient übermäßige wache Aufmerksamkeit. Dem Perfektionisten mag einiges Weniges gelingen: dafür verschläft er alles Andere. Lernen wir von den cleveren Fruchtflieginnen die Vorzüge der Halbwachheit. Mehr Sex bedeutet es allemal.

Die Zeitung von gestern (10)

Internationale Eliten? Wo denn bitte? (2.8.2017)

Thomas Thiel rezensiert in seinem FAZ-Feuilleton-Aufmacher vom 1.8.2017 das bereits im September 2016 erschienene Buch von Michael Hartmann Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende. Der Soziologe und Elitenforscher, der bis 2014 an der TU Darmstadt unterrichtet und bspw. schon 2002 den Mythos von den Leistungseliten aufs Korn genommen hatte, stellt vor allem die vermeintliche internationale Herkunft, Erfahrung und Haltung heutiger Wirtschaftsbosse in Frage. Das Bild eines postmodern-nomadisch kreuz und quer und hin und her über den gesamten Globus operierenden Wirtschaftsführertums wird, so zeigt Hartmann, durch nüchterne Zahlen und Statistiken als Chimäre entlarvt. „Die meisten Unternehmensführer“, schreibt Thiel, „durchliefen Hauskarrieren, und wenn sie längere Zeit im Ausland verbrachten, war das nur in den wenigsten Fällen mit einem Wechsel des Unternehmens verbunden“. Und nur 23 von 1000 der „mächtigsten CEOs“ haben im Ausland studiert. „Wenn es deutsche Vorstandsmitglieder zum Studium in die Ferne zog“ (nur 3,5 %), „dann kamen sie kaum über die Schweiz hinaus“. Dementsprechend bieder, hausbacken-heimisch und national orientiert seien die „Unternehmensführer“ generell, eine „kosmopolitische Mentalität in diesen Kreisen“ sei kaum zu vermuten.

Das klingt so verlockend wahr und richtig, daß man es sich nur mit Mühe verkneifen kann, es mit eigenen Eindrücken, auch wenn sie nur auf wenigen und sporadischen eigenen Kontakten mit der sog. „Wirtschaftselite“ vor Ort beruhen, umfassend zu bestätigen. Wie bei allen Entmythisierungs-Offenbarungen sollte man sich wahrscheinlich vor der Hurra-Zustimmung in Acht nehmen, die sofort „Endlich sagt es mal einer!“ ausruft. Denn das würde ja auf unverzeihliche Weise dem allzu nahekommen, was es ja, auf wissenschaftliche Fakten und Zahlen gestützt, genau zu vermeiden gilt: dem Populismus.

Um so unverständlicher ist es, wenn Thiel gerade meint, die Erkenntnisse von Hartmann seien „natürlich Wasser auf die Mühlen der populistischen Proteste gegen einen kosmopolitischen Liberalismus“ und einen Artikel des Schweizer Historikers Caspar Hirschi in der NZZ vom 19.6. zitiert, in dem dieser behauptet hatte, der europäische Populismus habe einen Realgrund in der tatsächlich anzuprangernden Existenz einer „kulturell offenen“ globalen Elite, die überall auf der Welt (so etwa auch in „halbparlamentarischen Diktaturen wie Singapur“) leben könne, weil für sie sowieso nur „Komfort und Konsum, Stabilität und Steuerprivilegien“ zähle. Die von Hirschi geschilderten Zustände gäben, schreibt wiederum Thiel, „dem Protest gegen das Establishment ein nicht zu entkräftendes Argument an die Hand“.

Bitte? Thiel selbst hat doch gerade ein Buch gelesen und eben vorgestellt, das genau das tut: es „entkräftet“ dieses „Argument“. Die von den Populisten imaginierte internationalisierte Elite gibt es gar nicht, sondern ist – hier ziemlich präzise gut erprobten antisemitischen Propaganda-Strategien folgend („Weltjudentum“) – ein künstlich aufgebauschter Popanz, den man mächtig macht, nur um auf ihn um so heftiger einschlagen zu können. Hartmann, weiß Thiel selbst im nächsten Satz plötzlich wieder, sei dafür, „daß man einer Klasse, die es nicht gibt, keinen vorauseilenden Gehorsam leisten sollte“. Und man darf hinzufügen: man könnte es dann ja vielleicht auch unterlassen, von einer nicht existierenden „Klasse“ zu sprechen und denen, die das tun, deutlich machen, daß sie gegen nichts „protestieren“, sondern schlicht Unsinn reden.

Und das erledigt keinesfalls die nach wie vor notwendige und legitime Kritik an den „Unternehmereliten“: es erschwert sie nur, weil sie sich nicht mit Pauschalisierungen, Personalisierungen und vorschnellen Verortungen (und auch eine „im Ortlosen“ ist eine) zufriedengeben kann. Auch wenn – und gerade wenn – man statt mit jetsettenden, vielsprachigen, multikulturell-kosmopolitischen Tausendsassas mit bodenständigen, einheimischen, unternehmenstreuen, kulturell konservativen, braven deutschen Durchschnittsunternehmern ohne Auslandserfahrung zu rechnen hat, die sich leicht unter den realitätsfernen Anti-„Establishment“-Parolen von AfD & Co. wegducken können, handelt es sich ja um eines nicht: um harmlose Eliten. Die hämische Frage, die man laut Thiel dem „nächsten Unternehmensführer“ stellen soll, „der den unaufhaltsamen Aufstieg des globalen Nomadentums beschwört“, nämlich die nach seinem Wohnort, ist dann selbst viel zu harmlos.

Die Zeitung von gestern (9)

Chill mit Churchill (30.7.2017)

Der Sportteil der gestrigen Samstags-FAZ (29.7.) bringt – wie immer – auf der letzten Seite Christian Eichlers Doppelkolumne („Chapeau“/“Attaque“). Sie öffnet mit dem Zitat der Antwort, die Churchill angeblich einmal auf die Frage nach dem Grund seines hohen Alters (trotz Zigarre und Whisky) gegeben haben soll: „First of all, no sports“. Zwar hat Christoph Drösser 2005 in seiner „Stimmt´s?“-Reihe in der ZEIT behauptet, die nur im deutschen Sprachraum bekannte Äußerung sei „mit ziemlicher Sicherheit“  erfunden, nicht nur weil sie nicht nachweisbar ist, sondern weil sie kaum zu einem Mann passe, der zumindest in seiner Jugend „Fechter, Schütze, Reiter und Polospieler“ gewesen ist, wie wiederum die Wikipedia weiß. Daß es mit der historischen Authentizität der Langlebigkeitsgarantieformel nicht weit her ist, braucht allerdings den tieferen Sinn der Sport-Abstinenz nicht zu schmälern, den man gern der souveränen, unaufgeregten Gelassenheit des englischen Welt-Politikers zugeschrieben hätte. Eichler spielt in seiner Glosse in der Tat nicht auf den im Zitatzusammenhang gemeinten gesundheitlichen Benefit an, sondern nutzt das Kurz-Motto als Kontrast für das Gebaren heutiger Politiker, die meinen sich auch als Sportler in der Öffentlichkeit zeigen zu müssen: Putin, Trump und jüngst der 46-jährige kanadische Premierminister Justin Trudeau.

Man könnte sich in der Tat fragen, welchen Politikstil und insbesondere welche Vorstellung von seinem „Wahlvolk“ ein Politiker pflegt, der ihm auch in den Kleidungsstücken (bzw. ohne solche wie Putin) und mit den Ausrüstungsgegenständen des Sportlers gegenübertreten will. Nun ist sicher auch einmal das Szepter eines Kaisers oder Königs nichts als ein symbolisierter Schlagstock gewesen; trotzdem macht es einen Unterschied, wenn ein Regierender tatsächlich mit Boxhandschuhen oder im Wrestling-Ring auf- und antritt. Denn symbolische bzw. symbolisch darstellbare Zusammenhänge werden zu gefährlichen Realitäten, wenn sie den Bereich des Zeichenhaft-Symbolischen überschreiten. Gerade weil das Politische immer auch potentielle Gewaltwirkung und Gewaltbereitschaft bedeutet, könnten Politiker es sensiblerweise für angebracht halten, das, was ihr Beruf an Durchsetzungskraft, Stärke, Mut, Ausdauer usw. an den vielen konfliktreichen Verhandlungstischen unweigerlich von ihnen fordert, nicht auch noch in platter pseudo-sportlicher Realform öffentlich zu inszenieren. Die mediale Versportlichung von Politik führt gleichzeitig zu ihrer Verharmlosung und zu ihrer Brutalisierung.

Aber daß Churchills vermutliche Nicht-Aussage trotzdem ihren eigentlichen Sinn wieder auf dem Gebiet der lebensverlängernden Vermeidungsstrategien erhält, zeigt ein Artikel, den man zwei Sportteil-Seiten vorher findet: die Nachricht über das (sportliche) Karriereende des „vermutlich schlauesten Football-Profis“ John Urschel (26), der nun doch lieber seine offenbar vielversprechende akademische Laufbahn am MIT weiterverfolgt, wird unterfüttert mit medizinischen Untersuchungen, die Gehirnschäden als Folgen von Football- und Eishockeyspiel nachweisen (daß ein Eishockey-Puck auch sichtbare Körperschäden anrichtet, kann man schon länger wissen – und sehen). Der fachmännische Begriff der „Dementia pugilistica“ weist auf die Herkunft des Syndroms aus dem Boxring hin; beim Mannschaftssport genügen offenbar „die durch ständige Kollisionen ausgelösten subkonkussiven Schläge“ für Gehirnablagerungen der „lähmenden Substanz Tau“. Kann also der enge Zusammenhang zwischen Sport und Intelligenzmangel, den man als leidenschaftlicher Nichtsportler schon immer gern vermutet hat, nun als wissenschaftlich nachgewiesen gelten? Vermutlich nicht so ohne weiteres und nicht für alle Sportarten; trotzdem wird man die straffe Verzahnung von Sport und Ausbildung, wie sie an amerikanischen Universitäten mit ihren Football-, Basketball-, Baseballmannschaften betrieben wird, für eine nicht-nachahmenswerte Praxis halten; und man wird trotzdem die römische (und dann nationalsozialistische) Sentenz der „mens sana in …“ für eine nicht unbedingt zu sportlicher Betätigung zwingende Maxime halten, genauso wie man heutigen europäischen Studenten wünschen wird, daß sie sich „ständige Kollisionen“ und „subkonkussive Schläge“ nur ganz metaphorisch durch die harte gedankliche Auseinandersetzung mit komplizierten Texten, steilen Thesen und scharfer professoraler Kritik einfangen. „No sports“, in der Tat: aber nicht (nur) aus Trägheit, sondern weil „lähmende Substanzen“ im Gehirn sicher das sind, was wir über den nicht aufhaltbaren biologischen Verfall hinaus sicher am wenigsten brauchen. Oder besser: das, was wir uns im Bedarfsfall dann doch lieber selbstbestimmt und wohldosiert zuführen: mit Zigarren, Whisky und Zeitunglesen.