Die Zeitung von gestern

Die kurzen Glossen und Kommentare greifen Text-Anregungen auf, die in mehrfachem Sinn „von gestern“ sein können. Anlaß der Beiträge ist hingegen die Vermutung, daß die angerissenen Fragen und dargestellten Probleme in keinem Sinn wirklich „von gestern“ sind.

30.06.2017
Doppelstandards bei Spaß und Ernst
von Joachim Landkammer

Man kommt praktisch gar nicht umhin, zwei verschiedene Feuilleton-Beiträge der gestrigen FAZ (29.6.2017) gegen- oder wenigstens nebeneinander zu halten. Patrick Bahners kritisiert das Vorgehen der „Aktionskünstler vom Zentrum für politische Schönheit“, weil deren „gesinnungsethischer Maximalismus“ dazu führe, die Teilnehmenden an ihren Aktionen mit Risiken zu konfrontieren, die angesichts deren jugendlichem Alter („Unmündige“) unverantwortbar seien. Die Künstlergruppe lebe davon, daß sie keinerlei Ironie zulasse oder zugebe, und sie sei daher gefährlich, weil sie an keiner Stelle in der Lage sei, zu sagen: „Hier hört der Spaß auf“. („Im Gegenteil“).

Drei Seiten später berichtet Mark Siemons über die Uraufführung eines Films an der Berliner Volksbühne im Rahmen von deren Castorf-Abschiedszeremonien. Der Film zeigte „Videoschnipsel Christoph Schlingensiefs zu seiner Aktion ‚Chance 2000‘“. Siemons meint feststellen zu können, daß das offenbar sehr zahlreiche Film-Publikum sehr „bewegt“ war, was an der „Einsicht“ liege, „daß das, was oberflächlich wie Radau oder Persiflage wirkt, eine diskrete Form dafür war, etwas Reales, wenn nicht sogar Inneres jenseits der üblichen Distinktionen auszudrücken“. Und der Artikel schließt mit Direktzitaten aus dem Film:

„‘Ich werde immer gefragt, woher ich die Kraft nehme‘“, sagt Schlingensief fröhlich am Ende des Films im typischen Wahlkämpfermodus, und das wirkt erst mal natürlich sehr ironisch: ‚Weil ich an die Sache glaube. Und die Sache bin ich. Und du und du und du. Das Leben, das Leben, das Leben‘“.

Und auch die letzten zwei Sätze, obwohl nicht als Zitat markiert, geben offenbar Schlingensiefs O-Ton wieder: „Ein andermal fragt er in die Menge, warum wir so viel Spaß haben. Weil es uns so ernst ist.“

So auf Seite 9 und 12 des FAZ-Feuilletons. Darf man hier vergleichen? Und was vergleicht man? Die beiden journalistischen Texte oder die beiden Phänomene? Daß Schlingensief heute die Rolle eines Vorläufers und geistigen Vaters für das Zentrum für politische Schönheit zugeschrieben werden kann, ist kaum zu leugnen. Ist dann die konträr gegenläufige Einschätzung im FAZ-Feuilleton Ausdruck der Tatsache, daß man in einem Fall eine zeitgenössische Veranstaltung, im anderen aber eine heute nostalgisch-posthum gefeierte, 20 Jahre alte Aktion eines fast schon märtyrerhaft kanonisierten Künstlers zu bewerten hatte? Hätte die FAZ vor 20 Jahren über Schlingensief nicht ähnlich geschrieben wie heute über Ruch? Oder geht es nur um ganz normalen Meinungspluralismus der FAZ-Feuilletonisten?

Ganz offensichtlich wird in beiden Fällen das Verhältnis von Fiktion und Realität, von Theater und Politik, von „Spaß“ und „Ernst“ anders bewertet. Während dem Zentrum für politische Schönheit seine mangelnde Ironie(bereitschaft) zum Vorwurf gemacht wird („Sie nehmen die Sache tierisch ernst“) und Ruchs quasi-militärische „Entschiedenheit“ und „Schneidigkeit“ („Stur wie die Panzer“) vor dem Hintergrund möglicher Gefahren für Leib und Leben abgelehnt wird, wird die ernste Dimension von Schlingensiefs Aktionismus als „flatterhafte Unmittelbarkeit“ und als eine „diskrete Form“ gewürdigt, die für etwas „Reales“, „Inneres“, für die „Sache“, für das „Leben“ stehe. Diese Interpretation ist aber offenbar Zutat des Zuschauers, denn Schlingensief selbst – und gerade das bereitet Mark Siemons „ein großes Vergnügen“ –  hält „ständig die Spannung aufrecht […], was hier Quatsch, was Ironie und was Ernst ist“. Aber wie kann aus Schlingensiefs Unentschiedenheit dann jene Kausalverknüpfung werden, die der zitierte Schluß des Artikels behauptet: man hat Spaß, gerade weil es so ernst ist? (Und wäre das nicht auch ebenso triftig umkehrbar: es ist ernst, weil es so viel Spaß macht?)

Vermutlich soll hier nicht nur jene höhere Form von Ernst- wie Spaßhaftigkeit bemüht werden, wie sie Hochkultur-Spaßfabrikanten schon immer als ästhetisches Distinktionskriterium bemüht haben: die Spielarten von Humor, Witz, und Ironie mit „ernsthaftem“ Hintergrund werden bürgerlicherseits gern abgegrenzt von populärem Scherz-, Ulk-, Possenwesen ohne „tieferen Sinn“ (man muß nur an die kulturindustrielle Standard-Frontstellung „Kabarett vs. Comedy“ denken). Die nachholende FAZ-Idolatrisierung einer Figur wie Schlingensief, die den 2010 einen quasi öffentlich angekündigten Tod gestorbenen Künstler heute dreimal pathetisch „Das Leben, das Leben, das Leben“ rezitieren läßt (während sie gleichzeitig um eben das angeblich gefährdete „Leben“ der vom ZPS verführten „Unmündigen“ bangt), will noch mehr, eben „jenseits der üblichen Distinktionen“: sie will politische Kunst essenzialisieren, indem sie sie existenzialisiert. Sie will politisch-künstlerischen Aktionismus mit der Persönlichkeit, dem Charisma, dem Schicksal eines auratischen Ausnahme-Individuums verknüpfen und auf diese Weise bewegt-gerührt im Erinnerungsalbum einer glorreichen (Theater-) Vergangenheit festschreiben.

Man muß das Zentrum für politische Schönheit und seine gewaltverliebte Selbstermächtigungs-Rhetorik überhaupt nicht mögen. Aber warum die eine politisch agierende Kunst aufgrund ihres Ernst-Seins trotz allem „Spaß“ und aufgrund ihres „Glauben an die Sache“ heiliggesprochen, bei der anderen aber wegen allzu großer Ernsthaftigkeit das Ende jeden „Spaßes“ dekretiert wird, leuchtet erst einmal nicht ein. Daß es „so Spaß macht“, gerade „weil es uns ernst ist“, könnten jedenfalls auch die „Schönheitsapostel“ (Bahners) sagen. Und sie könnten damit genauso Fragwürdiges meinen wie Schlingensief.