Die Zeitung von gestern (11)

Wie die Fruchtfliegen (3.8.2017)

Gestern im Wissenschaftsteil der FAZ diese kleine Meldung am Rande:

Fruchtfliegen

Wissenschaftliche Arbeit scheint ja vor allem dann interessant, wenn sie dazu führt, daß auf ersten Blick erstaunliche, unerwartete Ergebnisse dann trotzdem plausibel erklärt werden können; wenn man also zwar mit dem schon von den alten Griechen verlangten „Staunen“ anfängt, aber aus ihm eben auch wieder herauskommt. Daß Männchen sexualtrieblich nicht permanent in Allzeit-Bereitschaft stehen, und das Weibchen nicht nur in raren, sorgsam vorzubereitenden special moments paarungsbereit ist, wie man nur allzu anthropomorph vermutet hätte, scheint hier erstmal widerlegt. Aber die kleine Drosophila-Dame bestätigt gerade mit ihrem hier festgestellten Verhalten die allgemein-animalisch unterstellte, feminine Sexual-Minder-Affinität: sie kann immer, weil ihr Schlafen, Fressen, Nichtstun oder eben Sich-um-die-Fortpflanzung-Kümmern völlig einerlei und dasselbe sind. Der Mann, der nach Georg Simmel „seine Kraft eher [als eine Frau] in eine einseitig festgelegte Richtung fliessen lassen“ kann, muß in dieser Einseitigkeit auch vollständig präsent und auf der Höhe der Aufgabe sein: dann ist die sexuelle Null-Performanz des Schlafs freilich viel besser als die Schmach, mittendrin aus Müdigkeit zu underperformen – sei es auch sonst der „perfekte Partner“. Wenn schon, denn schon, meint Mann. Für frau gilt hingegen: wer eigentlich sowieso nie wirklich will, kann dann ja auch immer wollen. Männlich handeln heißt, meint Simmel, „die Leistung in die Distanz der Objektivität“ zu stellen; die holde Weiblichkeit kennzeichne hingegen „mangelnde Differenziertheit, geschlossene Einheitlichkeit des seelischen Wesens“. Höhere Einheitlichkeit ist denn auch die Chiffre, mit der Simmel den genannten „Mangel“ als nicht abwertend gemeinte, dem männlichen Leistungs-Syndrom positiv gegenüberstellte weibliche Andersheit schönreden will.

Man kann für heute die gendertheoretisch hochproblematische Unterscheidung auf sich beruhen und sich von den Naturwissenschaftlern dahingehend trösten lassen, daß beide Verhaltensweisen gleichermaßen biologisch sinnvoll und funktional sind: „It appears that whichever behavior has the highest biological drive suppresses the other behavior“, wird ein beteiligter Forscher zitiert. Männliches sexualabstinentes Schlafen oder weibliches sexuell aktives Wachbleiben, Mutter Natur ist beides recht. Aber man(n) könnte von den Fruchtfliegenweibchen lernen, daß nichts im Leben so hoch gehängt werden darf, daß ein bißchen Müdigkeit ein Grund wäre,  es nicht auch halb im Schlaf zu tun bzw. über sich ergehen zu lassen: Büro, Haushalt, Kultur, Kunst, Sport, Sex. Nichts davon verdient übermäßige wache Aufmerksamkeit. Dem Perfektionisten mag einiges Weniges gelingen: dafür verschläft er alles Andere. Lernen wir von den cleveren Fruchtflieginnen die Vorzüge der Halbwachheit. Mehr Sex bedeutet es allemal.