Die Zeitung von gestern (2)

Ring und Rad, Ringlein und Rädchen (2.7.2017)
von Joachim Landkammer

Es ist sicher keine geplante Ironie, daß die FAZ am Tag der euphorischen Verkündigung der „Ehe für alle“ auf ihrer ersten Seite mit ihrer letzten lesenswerten Seite (S. 18, „Literarisches Leben“) der nüchternen Politikprosa implizit einen emotionalen Lyrik-Kommentar entgegenstellt: Norbert Hummelt bespricht in der „Frankfurter Anthologie“ Joseph von Eichendorffs Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“. Wahrscheinlich darf man auch nur mit dem Freibrief des lyrischen Sentimentalismus daran erinnern, daß die vielen „Ringlein“, die nun – um im romantischen Diminuitiv-Euphemismus zu bleiben –  zwischen „Männlein und Weiblein“ getauscht werden sollen, keine Garantie auf Beständigkeit haben müssen – auch wenn sie nun per Gesetz eine staatliche Garantie und eine ordnungsgemäße bürokratisch-legalisierte Genehmigung vorweisen können.

Aber Eichendorff wäre nicht der hochreflektierte Romantiker, der er ist, wenn sein Gedicht nur ein konventionelles Klagelied über Flüchtigkeit und begrenzte Haltbarkeit von „Liebe“ wäre. Er stellt in der Tat – und das kommt in Hummelts Kommentar zu kurz – neben das eine Kreissymbol des Rings noch ein anderes, und zwar auf eigentlich viel prominentere Weise: während vom besagten Ring nur in der zweiten Strophe und im Titel die Rede ist, beginnt und endet das Gedicht mit dem „Mühlenrad“, das „geht“. Dieses in sich kehrende, in sich geschlossene Ewigkeitssymbol „bricht“ offenbar nicht:  es kann nicht in Verbindung gebracht werden mit dem als persönliche Schuldzuschreibung vorwerfbaren Versagen einer angeblich „treulosen“ Geliebten. Sondern Mühlräder „gehen“ immer, überall, unaufhörlich – und deswegen „hört“ man sie auch immer und überall (wie es in der letzten Strophe heißt). Mühlräder stehen für – eigentlich: sie gehen für – all das nicht und nie Aufhaltbare, das jeden Einzelnen übersteigende „große Ganze“, die Maschine der Welt: nenne man es nun Gesellschaft, Bürokratie, Gesetz oder Produktion. Also eben jene Maschine „für alle“, in die jetzt auch, dem Bundestag sei Dank, die „Ehe für alle“ feinsäuberlich eingegliedert ist; jenes nimmer stillstehende „eherne Gehäuse“ der Produktion, dem jetzt auch die Lebensgemeinschaften angehören dürfen, die einmal als Gegner und Gegenmodell von biologisch-geschlechtlicher Produktivität angetreten waren (der unter dem Pseudonym „Johannes Gabriel“ schreibende Autor des mittlerweile stark kritisierten „Fremde Federn“-Appells in der FAZ vom 30.6. hat immerhin versucht, auch daran noch einmal zu erinnern).

Man ist versucht, zu denken, daß Eichendorffs mehr als 200 Jahre altes Gedicht versucht, von einer tieferen Einsicht poetisch Laut zu geben: wer sich von einem „zerbrochenen Ringlein“ irritieren läßt und es mit so zweifelhaften Trauerbewältigungs-Ergotherapien wie Kunst (3. Strophe) oder Krieg (4. Strophe) versucht, wird immer und überall wieder nur auf Ringe, Kreise, Räder stoßen, die gerade durch ihrer dröhnend-monotone Unzerbrechbarkeit und Unaufhaltbarkeit das verzweifelt-gesuchte Beständigkeitsideal desavouieren. Wenn das die Alternativen sind, dann muß das lyrische Ich ganz zu Recht zugeben: „Ich weiß nicht, was ich will“ (5. und letzte Strophe).

Ob die Verfechter der „Ehe für alle“ wissen, was sie woll(t)en? Wollen sie nicht vielleicht Rädchen sein, ewig klappernde Mühlräder in der Paragrahen-Welt des BGB, nur damit die auch künftig unweigerlich zerbrechenden „Ringlein“ vor ihrem Bruch eine amtliche Segnung und damit vielleicht eine höhere Haltbarkeitsgarantie erfahren?

Die letzte Gedichtzeile evoziert eine plötzliche radikal andere Umkippsituation, die der Lyriker sich nur im eigenen Jenseits vorstellen kann:

Ich möcht‘ am liebsten sterben,
da wär´s auf einmal still!

Aber vielleicht gibt es ja auch noch Orte für eine Stille vor dem Tod: wo mit allen hämmernden Rädern auch die Zeit stillsteht, wo daher auch keine Treue und keine Versprechen und keine Ringe und keine Ehe für niemand notwendig, sondern alles nur möglich ist: vielleicht sogar – Liebe.