Adventskalender

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Das Haus war und trug die Nummer 1; dass es auch anders sein könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen. Sie hatte die Eins immer wie eine Auszeichnung verstanden, so wie die Eins das Haus identifizierte, identifizierte sie sich mit der Eins. Hier begann etwas, hier war etwas mitten im Zentrum, von hier aus führten die drei Verkehrsachsen des Dorfes in die umliegenden Gemeinden (und die anderen Straßen und Wege ins Dorf hinein). Der Bus zur Schule und zum Bahnhof im Nachbarort fuhr – in seinen besten Jahren fast stündlich, von 6 – 18 Uhr – vor der Haustür, die Filialen der beiden Banken blickten sich über den Dorfkern hinweg an, für das Aufstellen des Maibaums versammelten sich die Männer und Kinder des Dorfes in der Hofauffahrt des Hauses. Die beiden Wirtshäuser, von denen im Verlauf ihrer Kindheit nur noch eines blieb und von denen auch das zweite inzwischen nur noch Sonntag morgens für den Frühschoppen, bei dem schon lange kein Schafkopf mehr gespielt wurde, öffnete, thronten hochgeschossig um den Platz. Seit einigen Monaten wurde das eine, das mit der Fachwerk-Fassade, als Lager von einem Online-Versandhändler genutzt. Von der Schmiede im Ortskern, die auf dem Grundstück gewesen war und die schon ihre Eltern nicht mehr gekannt hatten, war nichts mehr übrig, aber dort, wo früher die Viehwaage der Gemeinde gestanden hatte, stand in ihrer Kindheit und Jugend die Sparkasse. Manche Dinge ändern sich nie, hatte sie gedacht, als sie davon zum ersten Mal hörte. Nur die Holzwände waren Mauern gewichen, der kahle Erdboden Fliesen. Inzwischen stand das Gebäude leer.

 

Dass das Haus die einzige Eins der Wohnhäuser des Dorfplatzes war, fiel ihr erst Jahre später auf. Unschlüssig, wie man mit den Scheunen und Schuppen verfahren sollte, die den Dorfkern umrundeten, aber keine Adressierung benötigten, hatte man die Einsen der anderen Straßen offenbar zurückgehalten; Ziffern, die nun, wo die Gebäude nicht mehr standen oder als Garagen genutzt wurden und die Bodenflächen in die bepflanzten Streifen des Dorfplatzes integriert worden waren, überflüssig – vielleicht auch eher: unterflüssig – geworden waren. Weil die Häuser, als sie gebaut wurden, sich (noch) nicht für Straßennamen und -zuordnungen, geschweige denn Zufahrten interessiert hatten, hatten sich über die Jahre auch Aktenordner mit Unterlagen zur Einräumung von Wegerechten und Zusammenlegung von Grundstücken gefüllt; manche Häuser trugen zwei Adressen mit unterschiedlichen Straßennamen und Hausnummern, weil das Haus zwar einer Straße zugehörig schien, das Grundstück aber nur von der anderen aus befahrbar war. Ortsfremden war auch in Zeiten von Online-Kartendiensten gut damit geraten, auf der Suche nach entfernten Verwandten oder Bekannten Einheimischen deren Namen zu nennen; wirklich durchgesetzt hatten sich die Straßennamen und Hausnummern zur Orientierung weder digital noch analog. Zur Besichtigung von Baugrundstücken, die seit einigen Jahren wieder nachgefragt waren, traf man sich am besten in der Ortsmitte.

 

Dass das Haus nicht immer eine Eins, sondern vor der Einführung der Straßennamen in der Gemeinde in den 60er Jahren eine 119 gewesen war, darüber gaben ihr ein Grundbucheintrag und eine sogenannte Übergabevertragsurkunde Auskunft, unterschrieben von dem Notarassesor, der Übergeberin und der Übernehmerin, versehen mit dem Siegel des Landratsamtes und nachträglich ergänzt um die eheherrliche Zustimmung. Auf einer einzelnen Seite ohne Titel und Datum, auf der eines der wenigen Fotos des Hauses 119 angebracht und die nachträglich den anderen Dokumenten angeheftet worden war, hatte nur der Bürgermeister unterschrieben, aber fünf Stempel beglaubigten die Echtheit der Signatur und des Fotos, das das dargestellte Gebäude mit der Hausnummer 119 und das Grundstück, auf dem es stand, mit den Flurstücken 186, 185, 187a, 187b und 188 identifizierte. Genau genommen handelte es sich bei Haus Nummer 119 aber nicht einmal um ein Haus. Der Übergabevertrag von Haus Nummer 119 und den dazugehörigen Grundstücken unterschied ein Wohnhaus Hs.Nr. 36 auf Pl.Nr. 186 und ein Wohnhaus Hs.Nr. 37 auf Pl.Nr. 187a.

 

 

Dass das letzte Haus am südöstlichen Rande der Gemeinde keine Hausnummer trug, hatte sie, obwohl dort regelmäßiger Gast, nie bemerkt. Die fortlaufende Nummerierung der Straße brach hinter dem nur 150 Meter entfernten Nachbarhaus ab und ließ das darauf folgende Haus nummernlos. Das Haus befand sich zwar in der selben Straße, die auch unter diesem Namen fortlief, die es aber – zumindest was dessen Adresse betrifft – nicht erschloss. Das Feld „Straßenname“ wäre mit dem Namen des Gebäudes – dem baurechtlichen „Aussiedlerhof“ – vollständig und korrekt ausgefüllt. Kein „Straße“, kein „Weg“, kein „Am“; damit auch kein Pfad, dem sich auf dem Weg zum Haus hätte folgen lassen. Keine Nummer. Der Hof identifizierte sich und das Haus darauf selbst. Nur manchmal, wenn ein Formular nicht ohne den Eintrag der Hausnummer auskam, griffen die Bewohner:innen oder Adressant:innen notgedrungen zur 1. Sie identifizierte hier keinen Beginn, kein Zentrum, kein Mittendrin. Genau genommen identifizierte sie nicht einmal den Hof; jede andere Zahl hätte den Zweck genauso, wenn auch irritierender erfüllt. Für die, die das Formular auszufüllen oder zu bearbeiten hatten, war die Eins nur die nächstbeste Alternative  dazu, ein Feld leer zu lassen.

 

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Über Anna Staab

Anna Staab ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für soziologische Theorie der Zeppelin Universität.

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