Adventskalender

5

Wie klingt Sprachverlust? Über Thomas Klings Actaeon 5.

 

funde von bildchen am rand, die ramponierten idole.
verlautbarungen aus der idyllenanstalt. bildfunken eines
angeschlagenen römischen reliefs, gewaltdarstellung.

hier hat natur in abgelegenem gelände ein kunstwerk
hingeklotzt. Dianas täuschend echte badegrotte, aus der,
durchsichtig bis zum grund, die quelle klingelt, plot.

wo D., nackt, von A. ertappt, nicht lange fackelt, wenig
worte macht: was mit tabubruch, poren, haarigem tod.
rasant führt das zu sprachverlust, hirschzellen, hornschwer

wird sein kopf. ein röhren-echo, keine stille, da bis zum
schluß ja dieser hirschprojektor schnurrt. dann riß. antike,
beschleunigt, als jagdstück. wie schlafstörungen das licht.

 

(Hier von ihm gelesen: https://www.lyrikline.org/de/gedichte/actaeon-5-115)

 

Der am 5. Juni 1957 in Bingen geborene Thomas Kling (K-L-I-N-G, man merke fünf[1] Buchstaben), der auch als ›Hardcore Lyriker‹ oder ›Enfant Terrible‹ der deutschen Lyrikszene beschrieben wurde und sich selbst als ›Sprachinstallateur‹[2] verstand, wurde in den 90er Jahren dafür bekannt Gedichte zu schreien oder sie zu flüstern (beides hier[3] zu hören und hier[4] auch zu sehen). Vor dem »Marsch in die neue Innerlichkeit nach 68«, den er »denkbar unerträglich« fand, flüchtete er aus dem Rheinland  (Düsseldorf und Köln) nach Wien, studierte Germanistik und Geschichte, um die Klassiker, sowohl der deutschsprachigen (österreichischen) Moderne[5] als auch der Antike und im Grunde alles was dazwischen lag, zu lesen, denn: »ein bisschen Schädelgymnastik muss schon sein. Worte sind ja das Material für ein Gedicht, es sind ja nicht Gefühle.«[6] Weniger Empfindsamkeit und Ehrfurcht, dafür mehr Arbeit am Wort: »Ein Gedicht ist gar nicht unbedingt ein Gebilde, […] zu dessen Lektüre man eine Kerze entzünden muss. Es kann ja auch als Sprachfeuerwerk stattfinden«[7], sagt Kling. Um ein solches Sprachfeuerwerk, das nicht nur mythologisch, sondern auch poetologisch gelesen werden kann, soll es nun gehen. 1999 im Band Fernhandel erschienen, lesen wir das letzte (und fünfte) Gedicht im Zyklus um die Mythe des Jägers Actaeons, wie könnte es anders sein, in fünf Punkten.

Bildstörung. Kling verdichtet ein Bild, genau ein ›angeschlagene[s] römische[s] relief[]‹, das er aus einer piktoralen in eine neue sprachliche Ordnung übersetzt, die der Dichtung. Verdichtet aber auch im Sinne einer erhöhten Konzentration. Aniela Knoblich erinnert uns an die Etymologie des Idols: »Die Wörter »bildchen« (1) und »idole« (1) verweisen auf das griechische eidyllion, das sich mit ›Bildchen‹ übersetzen lässt und zugleich der Ursprung für die Gattungsbezeichnung ›Idylle‹ ist.«[8] Aus einer solchen, lakonisch gewendeten ›idyllenanstalt‹, der abrupt gestörten (›was mit tabubruch‹) Idylle, ›Dianas […] badegrotte‹, sprühen die Funken, wenn auch ›ramponiert‹. Was passiert?

Erzählen. (A.), der Jäger Actaeon stolpert gewissermaßen über (D.), die Göttin Diana, beim Bade im heiligen Hain und erblickt sie, trotz aller Bemühungen der sie umgebenden Nymphen, nackt. Dianas göttliche Sanktion ist die Verwandlung Actaeons. Ihr Fluch, so steht es in den Metamorphosen, ist in ›wenig Worten‹ ausgesprochen: »Jetzt darfst du gern erzählen, daß du mich unverhüllt gesehen hast – wenn du es dann noch erzählen kannst«[9]. Doch das Erzählen wird dem Jäger unmöglich gemacht. Wie Actaeon erzählt auch Kling nicht mehr, sondern reiht das Geschehen in Stichworten neu auf, bringt die ›quelle‹ zum ›klingel[n]‹.

›Sprachverlust‹. Actaeon, nun Hirsch, sich dessen aber nicht bewusst, will sprechen, auf die suchenden Rufe seiner Begleiter antworten und kann es nicht mehr. Vom 9. zum 10. Vers ist die Verwandlung vollbracht: ›hirschzellen, hornschwer / wird sein kopf.‹. Die Zeilenumbrüche (/) zeigen den wortwörtlichen Bruch an und markieren das Ende des Mensch-Seins, denn Kling setzt sie dann, wenn »Trennungen stattfinden, die nicht vom Dudeninstitut vorgesehen sind, um eine innersprachliche Aggressivität oder auch Brutalität optisch zu machen« (12:58).

Sound und ›keine Stille‹. Auch bei Ovid: Bereits ins Tier verwandelt, im Bewusstsein aber noch Mensch und auf der Flucht vor den eigenen Hunden gibt Actaeon »einen Laut von sich, der zwar kein Menschenlaut ist, doch ein Laut, wie ihn kein Hirsch ausstoßen könnte«[10]. Was bei Kling bleibt ist ein ›ein röhren-echo, da bis zum / schluß ja dieser hirschprojektor schnurrt. dann riß.‹ Der Film ist gerissen und ein Körper auch, es geht schließlich um einen ›haarige[n] Tod‹.

›Gewaltdarstellung‹. Actaeon wird von seinen Freunden verkannt und von den eigenen Hunden erlegt. Dabei läuft der »hirninterne Satzautomat«[11] – eine Wendung Rainald Goetz’- bis zum Schluss. Liegt die Gewalt im Blick, im Entzug der Sprache oder im Tod? Oder im sprachlichen Zerteilen und neu aneinanderreihen des Geschehens? Mensch / Tier / zerlegtes Tier von der Sprache geteilt, untrennbar jedoch Actaeons Schicksal und Klings Poetologie. Das Schreiben, sagt Kling an einer anderen, für unsere Zwecke sehr passenden Stelle: »dieses Zerlegen, um zu rekonstruieren, ist das brennstabmhafte der Sprache, von der ich rede. Es ist eine Art Wildzerlegen, -teilen, ist Arbeit des Zerteilens, konzentriertes Zergliederungswerk, kunstreiche Öffnung von Körpern, Ausübung des Pathologenberufs am Körper Geschichte«.[12]

 

[1] Die Abbildung ist ein Ausschnitt Tizians Diana und Actaeon, 1556-59,  184.5 × 202.2 cm, National Galerie Schottland.

[2] Mehr zur Autorfigur Thomas Kling (und ihrem Mythos) sowie der in diesem Jahr erschienenen Gesamtausgabe im Suhrkamp Verlag u.a. hier: https://www.youtube.com/watch?v=6xbjE1K5u3o.

[3] https://www.dichterlesen.net/veranstaltungen/veranstaltung/detail/studio-lcb-mit-ginka-steinwachs-und-thomas-kling-1033/.

[4] https://www.youtube.com/watch?v=hqEPRB7mEtQ, ab 06:15 oder ab 13:48.

[5] Beide vorhergehenden Zitate sowie mehr Ausführungen Klings über seine Lektüre sind wieder hier nachzuhören: https://www.dichterlesen.net/veranstaltungen/veranstaltung/detail/studio-lcb-mit-ginka-steinwachs-und-thomas-kling-1033/.

[6] Die folgenden Zitate Klings stammen aus Detlev F. Neuferts Dokumentation brennstabm&rauchmelder. Ein Dichter aus Deutschland: https://www.youtube.com/watch?v=hqEPRB7mEtQ, hier: 13:27.

[7] Ebd. 08:16.

[8] Aniela Knoblich (2012): Fragmentieren und Heilung. Zu Thomas Klings »Actaeon 5«, S. 375, in: Das Gellen der Tinte. Hrsg. v. Frieder von Ammon, Peer Tricke, Alena Scharfschwert, V&R unipress Verlag.

[9] Metamorphosen, 3. Buch, Vers 192f, zit. nach: Friedmann Harzer (2000): Erzählte Verwandlung. Eine Poetik epischer Metamorphosen. Max Niemeyer Verlag, Tübingen, S. 42. Harzer selbst zitiert die Übersetzung aus P. Ovidius Naso, Metamorphosen. Lateinisch und Deutsch. Übers. Und hg. Von Michael von Albrecht, 1994.

[10] Vgl. Fußnote 9, hier Vers 237-239.

[11] Der Begriff fällt in der sehr empfehlenswerten Antrittsvorlesung leben und schreiben. der existenzauftrag schrift, der Heiner Müller-Gastprofessur an der FU Berlin vom 10.05.2012. Hier nachzuhören/-sehen: https://www.youtube.com/watch?v=tJk2_Yopxcw, 12:20).

[12] Thomas Kling (1997): SPRACHINSTALLATION 2 aus dem Band Itinerar. Suhrkamp Verlag, hier online zu lesen: http://www.planetlyrik.de/thomas-kling-itinerar/2011/04/.

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Über Lena Kasten

Lena Kasten studierte an der Zeppelin Universität CCM und einen inoffiziellen S-Minor. Aktuell arbeitet sie an einer Masterarbeit zum Irren in Becketts "Molloy" im Studiengang Geschichte und Kultur der Wissenschaft und Technik an der TU Berlin.

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