Adventskalender

10

Zehnsucht

 

Ok, wir haben normalerweise 10 Finger und 10 Zehen, und Ersteres ist beim (klassischen) Klavierspielen insofern sinnvoll, weil auch bei vollsten Akkordgriffen immer noch ein paar Reserve-Finger übrig sind (Akkorde mit mehr als acht gleichzeitig gespielten Tönen wird man außer bei Rachmaninov kaum finden, meistens sind es nur vier oder fünf) – und auch beim Tastaturtippen am Computer ist das „Zehnfingersystem“ nur eine „Over-Achiever“-Option für Angeber. Und wenn man noch mehr Finger hätte, bekäme man wahrscheinlich die Koordinationsprobleme des Tausendfüßlers. Trotzdem gehört die Zehn eher zur Kultur als zur Natur, eher zur Hierarchie als zur Biologie, denn die Zehn ist eine angeberische, protzende Zahl; ihre Zweistelligkeit verleiht ihr einen Sonderstatus, obwohl sie der Zahlenreihe nichts Eigenes und Neues hinzufügt: sie besteht ja nur aus Zahlen, die schon „da waren“. Sie fühlt sich als etwas Besseres, weil sie eine second-order-Zahl, eine Meta-Zahl ist, erhaben über diese einstelligen Pöbel-Nummern eins bis neun (die ersten vier davon hat sie ja einfach in ihrem Tetraktys-Rachen verschluckt: sie ist deren Summe). Sie ist die erste Zahl, die weiterführt, die das Prinzip des „Darüberhinausgehens“ vorführt, sie zeigt den Weg ins Unendliche, in die Transzendenz. Wer verstanden hat, wie man die Neun („9“) durch eine einfache Eins-Null („1+0“) überschreiten kann, wie man also die eigentlich größte aller Zahlen durch die Kombination der zwei niedrigsten Zahlzeichen überholen kann, hat das Prinzip der numerischen Überschreitung im Ganzen verstanden. Denn wer die 10 verstehen und schreiben kann, kann dann auch die 100, die die 1000 und die 39.849.083.092.453 schreiben. So gesehen ist die 10 die erste Zahl, mit der man wirklich zählen und nicht nur Anzahlen benennen kann. Sie ist die Zahl, die das nächste Level anzeigt, den Eintritt in die höhere Mathematik, ins Zählen als Zählen.

Sie ist die digitale Zahl, die aus den beiden Ur-Atomen des digitalen Universums besteht, aus einer Eins und einer Null. In der binären Schreibweise des Digitalen steht sie für die zwei und stellt auch dort die erste Zahl dar, die aus der Kombination zweier anderer Zahlzeichen entsteht (auch die römischen Zahlzeichen machen für die 10 aus den beiden einfachen senkrechten Strichen der II ein Kreuz, also: eine etwas andere Zwei). Auch außerhalb der zweiwertigen Digitalwelt steht die 10 für einen (fiktiven) Neuanfang; es ist vielleicht kein Zufall, daß gerade die „Zeit“ in Niklas Luhmanns „Themenplan der Systemtheorie“ von 1980 (!) unter der Nummer 10 erscheint (s. oben). Wer zehn Jahre alt ist, darf nochmal zurück auf die Zwei, darf (fast) nochmal von vorn, eben bei der Zwei wiederbeginnen, denn er tritt ja jetzt ins „zweite Lebensjahrzehnt“. Und so, wie wir Hundejahre multiplizieren, damit sie Menschenjahren „entsprechen“ (mit Sieben, bekanntlich), so tendieren wir dazu, Menschenjahre durch zehn zu teilen, und sprechen dann vom Teenager, vom Twen, vom „Thirty-Something“ (hier ganz manifest die Verachtung für die „normalen Zahlen“ eins bis neun), vom flotten „Mittvierziger“, vom rüstigen „Spätsechziger“. Die Vielfachen der Zehn versammeln und begründen Kollektive, konstituieren Kohorten von Quasi-Gleichaltrigen, rubrizieren sie wenn nicht als Zeit-, doch als Dezenniums-Genossen. Und wie uns der Monatsname ja noch verrät, befinden wir uns im letzten Monat des Jahres, eben jetzt im Advent, eigentlich in seinem zehnten. So suggeriert die Zehn jene Vollständigkeit und Geschlossenheit, wie sie etwa Boccaccio in seinem Lockdown-Blog aus dem 14. Jahrhundert, seinem schon im Titel als Hommage an die 10 erkenntlichen „Decameron“ mit seinen 100 Novellen (je 10 Geschichten für 10 Tage) vorgeführt hat. Jeder „Dekan“, jedes „Dekanat“ und jeder „Stiftsdechant“ zeugt bis heute vom 10-er-Rhythmus altehrwürdiger, ursprünglich militärischer Hierarchieordnungen (noch in der DDR gab es sog. „Zehnergruppenleiter“). Und jeder weiß um die Manie der sog. „runden“ Zahlen, mit der Jubiläen und „große“ 10-im-Quadrat-Zahlen (Centennarien, Millenials, usw.) begangen werden: der ganze Dezimalzahlenfetischismus des kulturellen Gedenk- und Recycle-Betriebs. (Und jeder anständige Kaufmann kultiviert offenbar eine ehrfürchtige Scheu davor, die Zehn in den Mund oder in die Kasse zu nehmen, und malt darum statt der heiligen 10 lieber ein umständliches „9,99 €“ aufs Preisschild…).

Die unmittelbare Verwandtschaft zum Binären demonstriert die Zehn auch durch ihre Unteilbarkeit durch drei. Am Bruch 10/3 kann man sich zu Tode rechnen, die Zehn wird die Drei nie los: dreikommadreidreidreidreidreidreidrei… Daher wird es rühren, daß wir mit dritten Möglichkeiten, mit Drei-Einig- und -faltigkeiten, mit Dreier-Beziehungen solche emotionalen und intellektuellen Schwierigkeiten haben; der Mensch denkt biologisch-natürlich immer eher dezimal und binär: ja/nein, null/eins, rechts/links, und der dritte Finger, der genau in der Mitte, taugt nur als „Stinkefinger“… Das Dritte, das Mittlere, die Körpermitte ist das Unanständige, Obszöne, Animalische. Die 10 steht hingegen für vorbildhafte, teilbare Ordnung, sichtbare Fülle, höhere Idealität, für die ewig-unumstößliche Du-Sollst-Nicht-Wahrheit des in Stein gemeißelten Dekalogs – „…und Zehn ist keins“ darf nur das blasphemische „Hexeneinmaleins“ aus Goethes Faust wissen. Stobaios überliefert die pythagoreische Auffassung des Philolaos zur metaphysischen Potenz des dekados, der „Zehnzahl“, in der die Zehn schlicht „die Zahl“ ist: „Man muß die Leistungen und das Wesen der Zahl [τῶ ἀριθμῶ] nach der Kraft bemessen, die in der Zehnzahl [ἐν τᾷ δεκάδι] liegt. Denn groß und vollkommen vollendet und alles bewirkend und göttlichen und himmlischen sowie menschlichen Lebens Anfang sowie Anteil nehmende Führerin ist die Kraft der Zahl und der Zehn [δύναμις ἁ τᾶς δεκάδος]. Denn ohne diese (Kraft) ist alles unbegrenzt und undeutlich und unklar“ (so die Übersetzung von W.H.Pleger [1]).

Dazu paßt dann auch die schöne Anekdote von der „Super-Zehn“, die mal ein Kollege aus Italien zum Besten gegeben hat (wo ja sowieso schon immer galt: se non é vero, é ben trovato – wenn´s nicht wahr ist, ist´s gut erfunden). Er habe, so erzählte er, mal eine mündliche Prüfung abgenommen, in der es um die Psychoanalyse gehen sollte, in der der Prüfling aber immer wieder Freuds so wichtige „Super-Zehn“ („super-dieci“) ins Spiel gebracht hätte. Es habe eine lange Weile des unverständigen Kopfschüttelns gebraucht, bis er endlich verstanden habe: der Kandidat, der seine Freud-Kenntnisse offenbar nur aus dem häuslichen Eigenstudium bezogen hatte, hatte in dem von ihm vorbereiteten Text Freuds Begriff des Über-Ichs kennengelernt, der auf italienisch „Super-Io“ heißt („Io“ wie in „(io) ti amo“). Wenn man da das I als eine Eins liest und das O als eine Null, hat man aus Freuds moralischem Dominanz-Psycho-Organ des Über-Ichs mit einer super-freudschen Fehlleistung exakt jene Überzahl Zehn gemacht, die diese so gern sein will. Forget Clark Kent: the Super-Ten rules (and yes, that´s ME)!

[1] Wolfgang H. Pleger, Die Vorsokratiker, Stuttgart 1991, S. 72.

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Über Joachim Landkammer

Joachim Landkammer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis der Zeppelin Universität.

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