Adventskalender

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Mit wenigen Pinselstrichen soll hier ein Phänomen der abweichenden Wiederholung skizziert werden, das mir erst kürzlich erneut anschaulich begegnete, als ich einige Tage in Madrid verbringen durfte, um Theater zu sehen. Natürlich kann man eine abweichende Wiederholung auch in einem einfachen Vergleich (zweier Dinge) benennen; interessant aber wird es erst, wenn Positionen rotieren können. Die Beobachtung stützt sich wie gesagt, und das sei — angesichts der gegenwärtigen Weihnachtsmärchen (etwa The Princess Switch) mit allerlei albernen Spielereien  — angemerkt, nicht auf einen Hollywoodstreifen. Deshalb geht es auch nicht um eine Prinzessin, sondern um einen König: In “Alfonso el Africano” auf einer der Studiobühnen des spanischen Zentrums für Neue Dramatik erscheint unvermittelt ein Topos, der kurioserweise zum populären Wissen in Spanien gehört: Wirklich Mächtige haben Doppelgänger. Mehrere. In einer kurzen Szene üben (Tripplegänger mag man nicht sagen) drei Ebenbilder (der König ist auch darunter, oder?) ihre Rolle. Wer lernt hier von wem? Die Klarstellung des Königs, er sei Alfonso XIII, wiederholen die beiden anderen in einer solchen Überzeugung, das nicht klar sein kann, ob sie einfach alle Impulse aufgreifen, um üben zu können, oder ob sie sich schon längst anverwandelt haben. „Wer zuvor Gast war, wird nun zum Unterbrecher; was Rauschen war, wird Gesprächspartner; was zum Kanal gehörte, wird zum Hindernis, und umgekehrt“ (Serres 1987, 85). Das Trio übt, bis sie selbst nicht mehr wissen, wer der „echte“ König ist. Freilich wäre das bei einem einzelnen Doppelgänger gefährlich, würde rasch als Anmaßung und Provokation enttarnt werden. Die auf Dauer gestellte Rotation der Dreier-Konstellation scheint hier nicht nur komödiantisch reizvoll zu sein, sondern stellt auch sozial den Figuren mehr Möglichkeiten zur Verfügung. Immerhin kann der König, so zumindest im Stück, sich seiner Passion hingeben, statt zu regieren: Pornos drehen, statt die konstitutionelle Demokratie zu verteidigen (freilich wurden die Kolonien in Marokko eisern verteidigt…zu einer Figur, die dies wiederum hervorgebracht hat gleich mehr). Bekannter noch ist die Erzählung von Francos Doppelgängern; besonders einprägsam in der überaus unterhaltsamen Serie “Ministerio del Tiempo” (das Ministerium der Zeit), die nicht nur spielerisch Geschichtswissen vermittelt, sondern vor allem Darstellungsmuster aus Jahrzehnten des Geschichtsunterrichts in der Diktatur (und einer patriarchalen Machtordnung) zu ergänzen und zu ersetzen versucht. Auch darin nun gibt es die surreale Szene der drei Diktatoren. Eine absolute Überforderung. Es ist unmöglich zu erkennen, wer der „echte“ Diktator ist („groß“ waren sie freilich nie).

(Clever wäre, drei Abschnitte, zu drei Themen zu schreiben. Dann müsste ich jetzt vielleicht über die Drei als Symbolzahl sprechen und davon, wie unser Religionslehrer – 300 Mal und nicht nur 3 – davon sprach, dass Drei die göttliche Ebene markiert.) Figuren des Dritten sind mannigfaltig. Sie ermöglichen komplexere Formen der Relation: Figuren des Dritten ermöglichen es „Fragen von Vermittlung und Störung, Einschluss und Ausschluss“ (Eßlinger et al. 2010, 8) aufzuwerfen. Dritte sind dabei stets produktiv und prekär zugleich, zumal sie „zwischen Struktur und Antistruktur, Bindung und Auflösung auf eigentümliche Art oszillieren“ (Koschorke 2010, 28). Sie sind zugleich Vermittler und Unruhestifter, trennen und verbinden, setzen ins Verhältnis. Sie führen eine Differenz ein, asymmetrieren dadurch Verhältnisse und symmetrieren sie zugleich: Der Dritte stellt „die Form der Wechselwirkung auf Dauer“ (Bedorf 2010, 128). Dritte stabilisieren und destabilisieren. Werden Dritte geleugnet, so verschaffen sie sich Gehör. Krach. Ein Dritter wechselt als Parasit „die Münzart“ (Serres 1987, 58).

Da nun bereits zwei Empfehlungen ausgesprochen wurden (eine nur auf Spanisch verfügbare Serie und ein nur auf Spanisch in Madrid gespieltes Theaterstück) zuletzt noch der Blick auf einen kurzen Text, der vermutlich zugänglich sein wird. Kurz, weil unvollendet, fragmentarisch. Nun sind Dreiakter eine übliche theatrale Textform mit naheliegender dramaturgischer Struktur. Der zu erwähnende Text entstand zwischen der Regentschaft von Alfonso XIII und der Diktatur Francos, als nicht nur nur eine Republik wirkte, sondern auch ein Bürgerkrieg wütete. Der Titel sollte also nicht als Gattungseinordnung missverstanden werden: “Comedia sin titulo”. Der erste Akt liegt vor, der zweite ist verschollen und der dritte wurde nie geschrieben. Dieser Text ohne Titel stammt von Federico García Lorca, hingerichtet, verscharrt und bis heute ohne Grabstätte. Die Neuinszenierung des spanischen Zentrums für Neue Dramatik in Madrid folgt diesem Pfad. Nach der Ansprache an das Publikum gleich zu Beginn verstummt es zunehmend, wird zur Choreographie bis schließlich nur noch die Bühnenmaschinerie selbst in einem wilden Tanz einen stummen Text liefert. Lorcas Überreste liegen wie die vieler Anderer irgendwo ohne letzte Würde. Es gibt sie, die Bitten, keine Massengräber zu öffnen und so alte Wunden aufzureißen – zumindest vergessen wird dabei, dass andere seit nunmehr über 80 Jahren auf einen Ort warten, um ihre Verwandten zu betrauern. Es gibt aber auch diejenigen, die über die 1930er Jahre sagen, dass nun eben die Einen “Demokratie ohne Gesetz und die Anderen Gesetz ohne Demokratie” wollten. Rechtfertigt das einen militärisch-faschistischen Staatsstreich und knapp 40 Jahre Diktatur? Jedenfalls ist es die auf den Punkt gebrachte, spanische Hufeisentheorie – direkt vom Oppositionsführer aus der konservativen Volkspartei. Heute sorgen mich nicht die Doppelgänger, sondern die Wiedergänger. Und es sind mehr als drei.

 

Literatur

Bedorf, Thomas (2010): Der Dritte als Scharnierfigur. Die Funktion des Dritten
in sozialphilosophischer und ethischer Perspektive, in: Eva Eßlinger/ Tobias Schlechtriemen/ Doris Schweitzer/ Alexander Zons (Hg.), Die Figur des Dritten. Berlin: Suhrkamp, S. 125-136.

Eßlinger, Eva/ Schlechtriemen, Tobias/ Schweitzer, Doris/ Zons, Alexander (2010): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma. Berlin: Suhrkamp.

Koschorke, Albrecht (2010): Ein neues Paradigma der Kulturwissenschaften, in: Eva Eßlinger/ Tobias Schlechtriemen/ Doris Schweitzer/ Alexander Zons (Hg.), Die Figur des Dritten. Berlin: Suhrkamp, S. 9-31.

Serres, Michel (1987): Der Parasit [1980 französisches Original]. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 5. Auflage (2014).

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Über Martin Valdés-Stauber

Martin Valdés-Stauber ist Soziologe und Dramaturg. Gegenwärtig leitet er an den Münchner Kammerspielen den künstlerischen Forschungsbereich “Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart” und wirkt in seiner Heimatstadt Kaufbeuren als Beauftragter für Offene Gesellschaft.

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