Adventskalender

9

Die Neunte. Seit Beethoven haben alle Angst vor ihr. Also alle, die meinten sich im Genre der Sinfonik zu vertun. Einerseits, weil die Beethoven’sche Neunte wie die Vollendung des Genres herausragte, aber auch, weil die neunte Sinfonie einige Male das Letzte war, was ein Komponist vollbrachte. Brahms vernichtete vorsorglich so viele seiner Versuche, dass es schlichtweg nie bis zu einer Neunten kommen konnte. Im Genre, von dem ich spreche, ist die 9 eine hohe Zahl. Wer acht Sinfonien komponierte und dann sogar noch eine weitere und diese vor dem Tod zu Aufführung und Verlegung brachte, ist in der kompositorischen Todeszone angekommen – wer es bis hierhin schafft, hat quasi Master-Status erreicht, oder eben auch: fast das Jenseits.

Neun Grad sind dagegen wenig – noch recht kühl, noch kaum steil. Neun Jahre sind auch recht wenig, was traut man schon Neunjährigen zu. Neun Monate verbringen Menschen in Mutters Bauch, bevor sie raus in die Welt müssen. Die 9 ist im Zehnersystem eine Kurz-vor-dem-Ziel-Zahl. Die doppelte Neun soll immer und überall suggerieren, die Ware sei preiswert. Durch diese Funktion im Preisdesign hat die Neun leider einen sehr miesen Ruf. Sie ist so gesehen zum Knecht des Marktes geworden, zum Knecht des psychologischen Designs von Supermärkten. Die 9 legt die Leute rein. Im Englischen gibt es dieses schöne Adjektiv: penultimate. Vorletzte. Die 9 ist das Vorletzte. Zumindest in unserem beschränkten Zehnersystem. Anders betrachtet ist sie genau in diesem aber auch das Letzte, die 10 ist bereits ein Ziffernpaar. Für die Formbeobachtung ist sie als Ziffern-Gestalt eine Umkehrung. Eine fehlerhafte Kopie, eine Wiederverwendung. Eine recycelte 6. Eigentlich irritierend, da doch die arabischen Ziffern sich genau durch das Gegenteil auszeichnen, jede Ziffer eine neue Form.

Eine gewisse phänomenale Freundschaft scheint die 9 im 20. Jahrhundert mit der 11 zu pflegen – sie kommen gerne zusammen zum Ereignis. 9-11. Der Terroranschlag auf das World Trade Center. Eine fetischisierte Porsche Reihe, „der Neunelfer“. Und dann auch noch der 9. November, deutsche Geschichte hat dieses Datum gefressen. Das lateinische Neun, novem, erinnert sogar daran, dass der November vor langer Zeit auch mal der neunte Monat war.

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Die Menge Neun sieht auf eine Art vollständig aus. Die instruktivste Erfahrung der Menge 9 müsste ich eigentlich als ein Teil von ihr erlebt haben. Natürlich ist die soziale Menge 9 eine komplexe Menge und damit kaum noch mit der Zahl 9 zu beschreiben, aber sei es drum. Zurück zu den 9 Sinfonien.

Für Komponisten bis Gustav Mahler (vor allem auch für Franz Schubert) bedeutete die 9. Sinfonie den Tod beziehungsweise das Ankommen im Vorletzten, das noch, dann Ende. (Wenn Texte Soundtracks haben könnten, würde jetzt der 1. Satz Mahlers 9. Sinfonie erklingen). Beethoven, Dvořák und Bruckner schafften es genau bis zur 9. – dann kam der Tod. Ein Komponistenleben dauerte ungefähr 9 Sinfonien, könnte man schrecklich ungenau ableiten. Das spürte Mahler ängstlich und nicht wenig abergläubisch und war doch gleichzeitig beim Schreiben seiner 9. in einem seiner letzten, glücklichen und produktiven Sommer in Toblach.

Wie ließe sich so ein rhapsodischer Aufschrieb für den dunklen 9. Dezember 2021 besser abschließen als mit ein paar Worten zu eben jener Sinfonie, die so viel vom Tod weiß. Zu Beginn des letzten Satzes zitiert Gustav Mahler den englischen Choral „Abide with me“ in dessen beiden letzten Strophen es heißt:

 

I fear no foe, with Thee at hand to bless;

Ills have no weight, and tears no bitterness.

Where is death’s sting? Where, grave, thy victory?

I triumph still, if Thou abide with me.

 

Hold Thou Thy cross before my closing eyes;

Shine through the gloom and point me to the skies.

Heaven’s morning breaks, and earth’s vain shadows flee;

In life, in death, O Lord, abide with me.

 

Auch wenn das wie die letzten Worte eines trotzig Ungeimpften klingt, sie stammen vom schwer lungenkranken Henry Francis Lyte, der sich dabei an Lukas 24, 29 orientiert und rein gar nichts gegen seine Tuberkulose ausrichten konnte. Er komponierte die dazugehörige Hymne an seinen letzten Tagen und bekommt sie nicht mehr selbst zu hören. Erst bei seiner Beerdigung im November 1847 in Nizza kommt sie zur Aufführung.

Viele Lungenkranke heute werden es nicht bis zu diesem 9. Dezember schaffen, das weiß die Statistik grausam genau und dank benutzerorientierter Digitalisierung wird das vor unseren Augen mitgezählt. Der dahinter stattfindenden Realität zu begegnen ist schwer.

Auch wenn heute zuvorderst Mahlers Musik zu hören ist, ist es kein Geheimnis oder Biographismus, dass er anders der Tatsache des Todes ausgesetzt war – seine Musik spricht davon. Sie bietet mir, insbesondere mit der 9. Sinfonie, eine Reaktion auf das sich wiederholende, winterliche Sterben.

Sie spendet Trost.

(Vgl. bzw. Empfehlg.: Hanna Engelmeier, „Trost: Vier Übungen“, Matthes & Seitz Berlin, 2021)

Der letzte Satz der Sinfonie endet mit einem Zitat aus den Kindertotenliedern, in diesem schreibt Friedrich Rückert:

 

Oft denk‘ ich, sie sind nur ausgegangen,

Bald werden sie wieder nach Hause gelangen,

Der Tag ist schön, o sei nicht bang,

Sie machen nur einen weiten Gang.

 

Jawohl, sie sind nur ausgegangen

Und werden jetzt nach Hause gelangen!

O, sei nicht bang, der Tag is schön!

Sie machen nur einen Gang zu jenen Höh’n!

 

Sie sind uns nur vorausgegangen

Und werden nicht wieder nach Hause gelangen!

Wir holen sie ein auf jenen Höh’n

Im Sonnenschein! Der Tag ist schön auf jenen Höh’n!

 

 

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