Herbst 21: Schüchternheit

Schüchternheit beherrschen

Schüchternheit, wie Stäheli, nicht als individuellen, psychologischen, zu therapierenden Charakterzug sondern als soziales Phänomen zu diskutieren erlaubt auch den Verdacht, dass die Zuschreibung eines Unvermögens (zur Kommunikation, zur Selbstdarstellung, sich in Geselligkeit einzubringen, …), das dann auch verzeihbar wäre – weil da ja jemand schon gerne würde, aber halt nicht kann, sich nicht traut –, für den, dem die Schüchternheit attribuiert wird, nicht nur zum Problem werden, sondern durchaus attraktiv sein könnte. Man könnte es, anders gesagt, in allen möglichen sozialen Situationen für erstrebenswert halten, für schüchtern (und nicht für unhöflich, uninteressant, maulfaul, …) gehalten zu werden, und das würde auch heißen, dass es ein Interesse daran gäbe, die Zuschreibung von Schüchternheit auf sich zu ziehen, also Schüchternheit performen zu können. Schüchternheit wäre gerade deshalb attraktiv, weil sie dem Schüchternen nicht als Handlung zugeschrieben werden kann; der Schüchterne unterläuft quasi den Inklusionsimperativ moderner Gesellschaften, ohne, dass er etwas dafür kann. Schüchternheitsperformanz stellt sich dann als das Paradox einer Fähigkeit dar, die darin besteht, eine Unfähigkeitszuschreibung auf sich zu ziehen; das Phänomen gerät also zum einen in die Nähe von Inszenierungen von Unabsichtlichkeit und zum anderen von Ökonomien der Zurückhaltung. Gleichzeitig geraten die leiblichen Affekte Erröten, Zittern, Stammeln, Augen senken, … als vermeintliche Nachweise der Authentizität der Schüchternheit unter den Verdacht von Kommunikation und Inszenierung. Schüchternheit ließe sich dann für das Individuum im doppelten Sinne beherrschen: Nicht nur in Form einer gelungenen Überwindung von Schüchternheit, sondern auch in Form einer gelungenen Darstellung von Schüchternheit. Und erst der Verdacht, dass Letztere möglich ist, erlaubt, den Schüchternen für einen „arrogante[n] Verächter des Gemeinschaftslebens“ (Stäheli 2013: 928) zu halten; also der oder dem Schüchternen eine Verächtlichkeit gegenüber der Geselligkeit, gegenüber von Kommunikation um der Kommunikation willen oder gegenüber bestimmten Formen von Selbstdarstellungen, vorzuwerfen.

Diesem individuellen Interesse am Beherrschen von Schüchternheit steht, anders gesagt, ein gesellschaftliches zu deren Beherrschung gegenüber, das Schüchternheit als Sozialitätsentzug scharf sanktionieren muss. Mit Blick auf die umfangreiche Selbsthilfeliteratur zum Thema Schüchternheit, auf die auch Stäheli verweist, scheint weniger plausibel, dass dies die Form von Unterstellungen von Arroganz und nicht vielmehr die von Pathologisierung – mit der Behauptung, Schüchternheit wäre vor allem in dem Sinne zu beherrschen, dass sie überwindbar ist und überwunden werden muss – annimmt: Die vernetzte Gesellschaft, so auch Peter Fuchs reagiert auf die Schüchternheit als Verhalten, das sich ihr entzieht, mit der Unterstellung einer unplausiblen Anti-Sozialität, die psychotherapeutisch behandelbar ist und deshalb, wo sie auftritt, als individuelles Versagen oder individuelle Verweigerung vorwerfbar ist (vgl. Fuchs 2009). Das kann insofern auffallen, als dass ja auch denkbar wäre, die Schüchternheit selbst als Selbstdarstellungsform (und eben nicht als Unfähigkeit zu einer solchen) zu diskreditieren; offenbar fällt auch das schwerer als ihre Pathologisierung. Wahrscheinlich ist der Verdacht eines Versagens schlicht effektiver und auch effizienter als der Nachweis von Inszenierung; aber es wären ja schon soziale Situationen oder Rollen denkbar, in denen man Schüchternheit quasi immer für unplausibel hält (kann man den eigenen Eltern, der Partnerin, dem Partner gegenüber, innerhalb von Organisationen, kann man als Schauspieler:in im Moment des Auftritts schüchtern sein?) und also immer Kalkül und Inszenierung von Schüchternheit unterstellt, wenn sie vermeintlich doch auftritt; und das wären die Situationen, in denen sich, wenn das überhaupt möglich ist, beobachten ließe, was eine Performanz von Schüchternheit ausmacht und wie sie sich von „echter“ Schüchternheit unterscheidet. Man könnte ja aber auch annehmen, dass das Entlarven einer inszenierten Schüchternheit für beide Seiten einen Gesichtsverlust bedeutet und deshalb so unattraktiv ist: Die Inszenierung und Zuschreibung von Schüchternheit könnte insofern eine gesichtswahrende Maßnahme sein, als dass man einem Gegenüber seinen Entzug nicht nur nicht übel nimmt, sondern sie oder ihn auch nicht zum Sprechen zwingt; Inszenierung und Zuschreibung von Schüchternheit könnte taktvolles Verhalten im Sinne aller Beteiligten bedeuten, wenn befürchtet werden muss: Wenn es jetzt zum Zwang einer sozialen Interaktion oder Äußerung kommt, kommt es auch zu einer Beleidigung (ich denke an verhaltene Reaktionen auf Heiratsanträge oder zurückhaltende Schweigsamkeit in und schnelle Abgänge aus der Geselligkeit nach Theaterpremieren).

Schüchternheit ließe sich, Stäheli weist darauf mit Tarde hin, aber auch in einem anderen Sinne als Fähigkeit verstehen, nämlich als Fähigkeit zur Reflexion und damit Distanzierung gegenüber Formen von Gemeinschaft und Geselligkeit, in denen sich die Teilnehmer:innen in Nachahmung und uferlosem Gerede verlieren. Bei Tarde, so Stäheli, wird der Schüchterne als „heroische Figur gesehen, die sich der beständigen Vernetzung entgegenstellt“ (Stäheli 2013: 934). Anti-Sozialität wird für eine Möglichkeit zur Bewahrung von Idiosynkrasien, des Authentischen, des Genies … gehalten; Geselligkeit für eine Verlusterzählung: Man gibt sich, so Tarde, darin dem Geplapper, den allgemeinen Moden, dem „Jargon“, den austauschbaren Gesten der Gesellschaft hin und sich selbst dafür auf, ohne es dann überhaupt noch bemerken zu können (im Original: „si bien qu’on a perdu toute conscience de cet abandon“; Tarde 1890: 95). Schüchternheit ist insofern Fähigkeit, als dass sie Reflexion und Zaudern erlaubt; Verhaltensweisen, die eine bewusste, und deshalb nie vollständige, „magnétisation“ (ebd.) ermöglichen (und ließe sich in diesem Sinne sogar für überlegen und gerade überlegt halten). Es ist dann die Geselligkeit, die als Unfähigkeit verstanden wird: Die „world that can’t stop talking“ (vgl. den von Stäheli zitierten Buchtitel Susanne Cains in FN12) und nicht der Schüchterne, der nicht damit anfangen kann, ist das Problem. Der oder die Schüchterne kann dann als Widerständigkeitsfigur als Korrektiv zur Geselligkeit und zur Vernetzung verstanden werden, weil sie die Möglichkeit eines Bedenkens, Abwägens und Zurücknehmens verkörpert, an deren Ende auch Bartlebys „I would prefer rather not to“ stehen kann, das den anderen schon gar nicht mehr offen steht.

 

___________________________________________

Fuchs, Peter. 2009. Einschüchternde Schüchternheit – Essay zur sozialen Bedeutung von ‚Selbstexklusion’. Manuskript.

 

Stäheli, Urs. 2013. Die Angst vor der Gemeinschaft – Figuren des Schüchternen. Merkur 67 (773): 928–940

 

Tarde, Gabriel. 1890. Les lois de L’imitation: étude sociologique. Paris: Félix Alcan.

 

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.