Adventskalender

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Der Tag seiner Geburt sei ein Ostermontag gewesen, berichtet George Spencer-Brown[1] in der für ihn typischen Mischung aus Eitelkeit und Depression; ein Feiertag also, an dem so leicht kein Arzt aufzutreiben gewesen sei. Daher sei seine Mutter bei der Geburt mit ihm allein gewesen – wie sein Vater, wer immer das war, es bei der Zeugung mit ihr gewesen war. Man mag diesen Triumph einer ödipalen Verdrängung schon als Konstellation einer Zweiheit betrachten, und man mag eine Asymmetrie in dieser Konstellation sehen, weil nur die Männer wechseln. ›Zwei‹, das hieße dann ›1+ n‹, eine Frau und einander sukzessiv abwechselnde, einander nachfolgende Andere. Man mag dann diese anderen in eine Rivalität verstrickt sehen, die ihrerseits keine Zweiheit sein kann, weil ihr Sinn in der Reduktion auf einen der Beteiligten liegt. Man könnte auch bemerken, daß in dieser Heiratswelt offenbar eine Frau immer allein ist mit jemanden, mit einem nach dem anderen; ein Alleinsein, das die rivalisierenden Anderen nicht sehen oder nicht ernstnehmen können oder das sie sogar voraussetzen müssen, um in das ›mit jemandem‹ sich selbst anstelle eines Vorgängers eintragen zu können. Dieser begehrte Triumph schärft die Sinne für die Spielzüge und die Kraftreserven der rivalisierenden Seiten, aber er macht blind für die Einsamkeit, oder sagen wir vorsichtiger: für das Alleinsein der Frau. Sie liebt ja, hört man[2], sowieso immer.

In Spencer-Browns Skizze »Only Two Can Play This Game«[3] wird dieses Alleinsein auf eine irritierend hochmütige, man könnte sagen: auf diabolische Weise glorifiziert, für alle Beteiligten; eben: als Liebe. Der Gestalt nach ist dieser Text eine Folge von 12 Gedichten, die den Bruch mit der Familie zugunsten des nur so möglichen Einzugs in den ›tiefen Raum‹ der Zweierbeziehung fordern, und von 20 Lektüren, die die ›Fenster‹ dieses ›tiefen Raums‹ zu öffnen versprechen; darunter finden sich Spencer-Browns eigene »Laws of Form«. Es ist eine merkwürdig asoziale Zwei, die hier als ›only two‹ Raum greift; eine öde Zwei, vollgestopft mit Fundstücken der okzidentalen und der orientalen Geistesgeschichte (Fundstücke, die man behält, weil man es nicht schafft, sie aus dem Fenster – im Russischen sagt man: ins Fenster – zu werfen). Dieser Raum ist eine faustische Studierstube, in der die Liebe den Platz des Mephistopheles einnimmt: jene Kreidespur, die ›eine Unterscheidung trifft‹, nur um fortan aus dem Raum dieser Unterscheidung nicht mehr heraus zu können. Wer die Unterscheidung trifft, triumphiert zwar, weil er drin ist, in seiner Unterscheidung. Aber die Wirklichkeit, heißt es abschließend (irgendwie verbittert, irgendwie aber auch erleichtert) mit der Meeressandmetapher Foucaults, sickert ein und spült alles fort. Mit diesem Ende zu rechnen, das sei das Spiel der Zwei, und es sei ein gutes Spiel.

(Johannes F.K. Schmidt[4] hat Spencer-Browns Titel zur Beschreibung von Niklas Luhmanns Zettelkastenpraxis verwendet; eine gerade mit Blick auf dieses Einsickern der Realität – Das Spiel ist aus! aus! aus![5] – geglückte Formulierung, die Schmidt der Bielefelder Soziologiefakultät zum 50. Geburtstag widmet.)

Von einem Spiel spricht auch Talcott Parsons, wenn er die Komplexität solcher Zweiheiten zu analysieren versucht. Paare müßten Freunde, Eltern, Nachbarn haben, vor allem aber müßten sie Kinder haben, damit sie spielen können, oder genauer: weil sie sonst nicht spielten; und sie müßten Kinder haben, um zu verstehen, daß dieses Spiel kein regressives Kinderspiel sei, sondern eines, das sich um Verantwortlichkeiten dreht. Parsons behauptet nicht, daß die Rivalitäten der Generationen gegenüber den Exklusivansprüchen der Intimität nachrangig seien; und er behauptet ebenso wenig, daß die Elternrolle nicht ebenfalls zu solchen Ansprüchen führen würde. Stattdessen nimmt er an, daß – »the functions as parents reinforce the functions in relation to each other as spouses«[6] – die beiden Zweiheiten gegeneinander eingewandt werden müßten, so daß jede der jeweils anderen Drittes sein könne. Und dies wiederum sei unausweichlich, wenn eine Liebe dauern solle; entweder sie zerfalle, weil der Stress zu groß würde, der aus den Exklusivitätsansprüchen der Intimität entstünde – oder sie lerne, Dritte in ihren Raum zu lassen. Dritte mildern die Spannungen, die sich aus diesen Ansprüchen ergeben und die ja noch dichter und erdrückender werden, wenn eine ›romantische‹ Semantik des Glücks und eben der Intimität diese Spannungen nicht beim Namen zu nennen erlaubt.

Auch Luhmann schließt zunächst an dieses – wenn man so will – bürgerliche Stressmanagement an. Liebe sei eine Sache für »verheiratete Personen und außereheliche Beziehungen« (er sagt: gewesen), sie werde also als eine Möglichkeit verstanden, die sich mit der Heirat ergibt: »Mit der Ehe beginnt die Freiheit«.[7] Der Sinn dieser Freiheit mag sich darin erschöpfen, daß die Ehe als ihr Anderes erscheint, so daß die Zweiheit der Intimität und die Zweiheit der Ehe einander kreuzen und aneinander Form gewinnen; beide übrigens (man lese dazu Wolfgang Matz[8]) können sich dadurch radikalisieren, eher emotional die eine, eher normativ die andere. Eine andere Pointe an Luhmanns Überlegung könnte aber verstörender, aufwühlender, also schmerzlicher und zugleich beglückender sein: denn in einer so verstandenen, existentiell auf eine Zweiheit reduzierten Intimität wird alle Sozialität zur Umgebung. Intimität in diesem Sinne verlangt keine Personalisierung, sie bildet keine Rollenerwartungen, sie ist keine Integrationsform und kein Inklusionsmedium. Die Zwei ermöglicht die Eins. Liebe ist nur möglich, wo Alleinsein nicht unmöglich ist.

 

 

 

[1] George Spencer-Brown, Autobiography 1: Infancy and Childhood, Leipzig 2004.

[2] Niklas Luhmann, Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität. Frankfurt am Main 1982, hier 204.

[3] George Spencer-Brown (James Keys), Only Two Can Play This Game, Cambridge 1971.

[4] Johannes F. K. Schmidt, Only two can play this game. Die Fakultät, Niklas Luhmann und sein stiller Begleiter, in: Volker Kruse/Torsten Strulik (Hg.), Hochschulexperimentierplatz Bielefeld. 50 Jahre Fakultät für Soziologie, Bielefeld 2019, S. 185-199.

[5] Herbert Zimmermann moderiert das Endspiel Ungarn-Deutschland der Fußball-WM in Bern 1954; vgl. dazu Bernhard Siegert, Ein höheres Walten des Wortes. Sportreportagen im deutschen Radio 1923–1933, in: Neue Rundschau 112, 4/2001, S. 65-80.

[6] Vgl. Talcott Parsons/Robert F. Bales, Family, Socialization and Interaction Process, Glencoe, Ill. 1955, hier 21f.

[7] Luhmann, Liebe als Passion, a.a.O., hier 59.

[8] Wolfgang Matz, Die Kunst des Ehebruchs. Emma, Anna, Effi und ihre Männer. Göttingen 2014.

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