Adventskalender

13

Dreizehn Thesen zu „Dreizehn Thesen…“

 

  1. These
    „Thesen“, also Positions-Posituren, Aufstellungen von mehr oder weniger apodiktisch formulierten Behauptungen kommen meist im festen Verbund daher, als abgeschlossene Serie und überschau- und zählbares Ensemble. Während Argumente sich horizontal miteinander verknüpft und verkettet wie ein ausfransender Teppich präsentieren, treten Thesen auf wie senkrechte Stelen, wie eine Ansammlung von nebeneinander aufragenden Gedanken-Säulen.
  2. These
    Damit simulieren sie (auch in der scheinbar bescheiden zurückgenommenen Gestalt von Hypo-Thesen) Wohlüberlegtheit und optimierte Denk-Leistung, indem sie intellektuelle Resultate als deutlich identifizierbare, numerierbare Einzeleinsichten („findings“) artikulieren.
  3. These
    Die Anzahl einer solchen zusammengehörenden und aufeinander aufbauenden Thesen-Reihe ist oftmals als alles andere als zufällig. Die wohlüberlegte Quantität soll eine bestimmte Qualität eines in sich integrierten Ganzen signifizieren.
  4. These
    Neben der elementaren klassisch-metaphysischen Dreier-Anzahl (These, Antithese, Synthese), neben der magisch-marx(ist)schen 11-er-Menge (die tendenziell blasphemisch die mythische Abgeschlossenheit des Dekalogs überbieten soll), gehört die Zielzahl der dreizehn Thesen, so wie sie etwa Walter Benjamin immerhin gleich zweimal verwendet hat („Die Technik des Kritikers in dreizehn Thesen“, „Die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen“, 1928) eher in den Umkreis spätmoderner Befindlichkeiten (vgl. Gundolf S. Freyermuth, „Dreizehn Thesen zur Zukunft des Buchs“, von 2009; Peter L. Oesterreichs dreizehn „Thesen zum homo rhetoricus und zur Neugestaltung der Philosophie im 21. Jahrhundert“, von 2002; Frigga Haugs „13 Thesen zu Marxismus-Feminismus“ von 2020 oder Michael Löwys „13 Thesen zur drohenden ökologischen Katastrophe und den revolutionären Massnahmen dagegen“ aus dem gleichen Jahr). Und wer keine „Thesen“ schreiben will, schreibt „Dreizehn alltägliche Phantasiestücke“ (so der Untertitel zu Karl Heinz Bohrers kürzlich erschienenem posthumen Band „Was alles so vorkommt“).
  5. These
    Was die 13 hier zur ikonisch anzustrebenden Gesamtzahl von thesenhaften Kernaussagen qualifiziert, wird just das sein, was sie andernorts disqualifiziert („wilde 13“), ihre bekannte negative Reputation in anderen Kontexten wird hier zum entscheidenden frech-positiv ausgestellten Charakteristikum.
  6. These
    Die 13 gilt üblicherweise als negativ besetzte Unglückszahl durch ihr frivoles Überschießen über die „heilige“ Zahl 12. Damit verbinden sich Vorstellungen von Chaos, Hybris und Unglück: „Jetzt schlägt´s 13!“. Besonders, wenn es auch Freitag ist.
  7. These
    Der dreizehnte, der das Dutzend überschreitet ist einer zuviel, und daher einer, der die perfekte Harmonie empfindlich stört, einer, dessen Überzähligkeit nicht ertragen werden kann und der daher unschädlich gemacht werden muß. Die entsprechenden Auswüchse (niemand soll im Flugzeug in der 13. Reihe sitzen oder im Hochhaus im 13. Stock wohnen usw.) werden rubriziert unter dem gut zum Eindruck-Schinden bei Cocktailparty-Konversationen einsetzbaren Namen der Triskaidekaphobie (alles Wesentliche dazu natürlich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Triskaidekaphobie).
  8. These
    Wo Gruppen nicht durch aufeinanderfolgende Reihung zustandekommen, so daß einem Mitglied eindeutig die ordinale Position des Dreizehnten zukommt, sondern – viel schlimmer – jedes Mitglied einer 13-er Gruppe sich als das dreizehnte fühlen muß, ist Abhilfe zu schaffen durch die Erhöhung der Kardinalzahl, also durch die artifizielle Hinzufügung eines willkürlichen Vierzehnten. Georg Simmel hat darin ein Indiz der absurd weit gefächerten Bandbreite an Erwerbsmöglichkeiten gesehen, die eine Großstadt toleriert: „Die Städte sind […] die Sitze der höchsten wirtschaftlichen Arbeitsteilung; sie erzeugen darin so extreme Erscheinungen, wie in Paris den einträglichen Beruf des Quatorzième: Personen, durch Schilder an ihren Wohnungen kenntlich, die sich zur Dinerstunde in angemessenem Kostüm bereit halten, um schnell herangeholt zu werden, wo sich in einer Gesellschaft 13 am Tisch befinden“[1]. Daß vor 2000 Jahren beim berühmtesten Abendessen der Christenheit Jahren 12+1 Personen anwesend waren, führt unter den Bedingungen der Säkularisierung nicht mehr zum imitatio-Appell, sondern wird zum abergläubischen Schreckensbild.
  9. These
    Wenn diese eigentlich mit Unglück und Ungemach assozierte Zahl nun affirmativ die ausdrücklich so bestimmte Menge von Thesen bestimmen darf, könnte vermutet werden, daß die 13 dem Thesenbündel zum Einen jeden Anschein von Kanon-Anspruch, von in Stein gemeißelter Gesetzestafel-Monumentalität nehmen soll, ohne aber zum Anderen in das Gegenteil des beliebigen Sammelsuriums zu verfallen. Die Dreizehn ist keine beliebige Zahl größer als 10, sie ist zur heiligen Zwölf pointiert transgressiv, gezielt eins „zu viel“, auf den Punkt genau exzessiv, genau der eine Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt.
  10. These
    Die 13 ist keine Zahl, sie ist ein Ereignis. Sie ist schon per se ein Manifest, zumindest: die Manifestation einer Übertreibung, einer Übertretung, eines Übermuts. „13 Thesen“ sind eine auch in ihrer Zahlform Ausdruck gewordene Provokation – wollen es zumindest gern sein.
  11. These
    Die Philosophen haben ihre Thesen nur verschieden numeriert; es kömmt aber darauf an, sie anders zu zählen. (Manchmal wird eine vollkommen überflüssige und sinnlose These einfach eingeschoben, um am Ende die gewünschte Gesamtzahl von 13 zu erreichen.)
  12. These
    Die Abfolge der dreizehn Thesen soll trotz ihrer separaten jeweils eigenen Leuchtturmhaftigkeit auch einen axiomatischen Aufbau suggerieren; sie sollen sich gegenseitig stützen und jedenfalls auf eine Klimax zulaufen, auf eine besonders scharfe, besonders provokante, besonders unerhörte letzte These.
  13. These
    Die 13. These präsentiert sich zum krönenden Abschluß meist mit einer gewollt prägnanten Formulierung. Walter Benjamins 13. These zur „Technik des Schriftstellers“ lautet etwa lapidar: „Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption“. Meine 13. These lautet: Thesen sind Totenmasken des Denkens. Was spricht eigentlich gegen Fließtext?

 

 

[1] „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903), GA, Bd. 7, Frankfurt a.M. 1995, 116-131, hier S. 127

 

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Über Joachim Landkammer

Joachim Landkammer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis der Zeppelin Universität.

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