Adventskalender

18

„Writing about Music is like dancing about architecture“: ein Zitat, das so schön ist, dass man es gleich ganz vielen Stars und Kontexten zugeschrieben hat. Den Satz „Über Zahlen schreiben ist wie Wörter berechnen“, habe ich stattdessen nirgends gefunden. Er stimmt aber auch. Besonders bei einer Zahl wie der 18, mit der nicht so schrecklich viel los zu sein scheint – außer Volljährigkeit, Verantwortlichkeit, Freiheit, FSK, Führerschein und sonstigem Zeugs, das ich in einem ersten Versuch über diese Zahl aufgebauscht habe, bis mir der Text, das Leben und schließlich auch die ganze Welt grässlich schal vorkam und ich abbrach.

Nun strotzen die Digital Humanities so vor Textberechnung. Zeit also, die umgekehrte Aufgabe anzugehen und zu zeigen, dass man Zahlen mindestens genauso gut lesen kann. Sowas darf man nicht den Numerologen überlassen, denn die warnen in Bezug auf die 18 sogar schon vor sich selbst: „18 steht für das Unterbewusstsein, für unsere Schattenthemen und warnt vor Täuschung und Betrug“ (herzvertrauen.de). Lassen wir also besser die Finger davon.

Zahlen lesbar zu machen erfordert, was Ludwig Jäger als Transkription in die Theorie eingeführt hat: die Übersetzung aus einer Ordnung in eine gänzlich andere, die sich nie der Illusion hingeben sollte, eine genaue Übertragung zu sein; sondern vielmehr die Produktivität nutzen, dass etwas völlig Neues dabei entsteht. Mit der 18 kann man da primitiv anfangen. Nazis transkribieren z.B. gerne Buchstaben in Zahlen, um Zensur zu vermeiden und dennoch untereinander erkannt zu werden. Am bekanntesten ist die 88 (H ist der 8. Buchstabe im Alphabet – und HH die Abkürzung für „Heil Hitler“). Die 18 ist natürlich auch im Rennen, da A der erste Buchstabe im Alphabet ist und zudem der Anfangsbuchstabe von Adolf.

Das würde ich auch ungern gelten lassen. Also noch ein Anlauf. Es gab einmal eine Zeit, in der Zahlen sowieso in Buchstaben transkribiert wurden, weil es nämlich noch gar keine anderen Zahlen gab. So verwendete man z.B. das hebräische und das griechische Alphabet. Man hatte dabei unterschiedliche Buchstaben für Einser, Zehner und Hunderter. Etwas primitiver und mathematisch unterlegen (qua imperialer Macht aber ziemlich durchsetzungsstark) waren die römischen Zahlen, die auch für Fünfer, Fünfziger und Fünfhunderter einzelne Buchstaben hatten, aber ansonsten wesentlich umständlicher waren, weil sie Zahlen kompliziert und unabhängig vom Dezimalsystem zusammensetzten. Mit solchen Zahlen konnte man ganz andere Transkriptionsspiele spielen als heute. Die 17 ist z.B. in Italien Unglückszahl, weil sich die Buchstaben XVII zu VIXI (ich habe gelebt – bin also tot) umsortieren lassen. Und wer in Antike und Mittelalter ein guter Verschwörungstheoretiker, Magier oder Zahlenmystiker war, verstand sich mühelos darauf, auch von heiligen Texten in deren Berechnung zu wechseln und umgekehrt. Nun denn: Lese ich demgemäß ιη, also Jota und Eta als jä und führe damit die Transkription zu einem jähen (Augenzwinkersmiley) Ende, dann lässt sich zwar befriedigt feststellten, dass man XVIII oder ιη man niemals in AH transkribiert bekommt. Aber befriedigend ist auch das nicht.

Wenn eine Zahl nicht schon sowieso in einen Text eingebettet ist, dann muss man sehen, wie man sie mit anderen Zahlen ins Verhältnis setzen kann, um irgendwas aus ihr zu gewinnen. Ein Meister in dieser Kunst war Dante Alighieri, und da der heutige 18. Dezember einer der letzten Tage des Dantejahrs, ist, sei der 18. Vers des 18. Gesangs seines Paradiso zitiert: „mi contentava col secondo aspetto“: „Mit dem zweiten Antlitz machte sie mich glücklich.“ Dante sieht hier in Beatrice den Widerschein des göttlichen Antlitzes – daher ist ihr Gesicht das „zweite“. Außerdem sind sie zu zweit. Dante verschweigt, sagt er vorher, was er wirklich empfand, in diesem Augenblick auf dem Mars (der natürlich noch nicht von Mars-Rovern gestört wurde, sondern noch ganz den inzwischen in andere Galaxien vertriebenen erlösten Seelen gehörte). In der Zweiheit mit Beatrice (wörtlich: der Seligmachenden) liegt diejenige Liebe, die sich für ihn erfüllt, nachdem die weltliche Liebe zu ihr stets unerfüllt geblieben war – bloßer Weg ins Paradies, aber niemals Paradies selbst. Nun aber sind Dante und Beatrice zu zweit in Gott, d.h. eigentlich zu dritt und zu zweit zugleich – ähnlich wie Gott seinerseits allein und doch zu dritt ist. Liebe Mathematiker, versucht euch bitte keinen Reim darauf zu machen. Das wird nichts. Erkennt lieber an: die Zahlen gehören nicht euch allein.

Also weitergerechnet. Die Commedia besteht aus 99 Gesängen, d.h. 33 (3×3=9) mal 3 (3+3+3=9) Jenseitsreiche (plus einem Einleitungsgesang): Es läuft alles auf die 9 heraus. In seinem älteren Werk der Vita Nova, dem Neuen Leben, in der Beatrice das erste Mal auftaucht, nennt er sie selbst eine 9, denn 9 ist die Zahl, die die 3 (die Dreieinigkeit) aus sich selbst hervorbringen kann: 3×3=9. Neun ist daher die Zahl des Wunders. In der Commedia ist Dante selbst durch ein Wunder lebendig ins Paradies gekommen, selber eine 9 geworden – und endlich kann seine Liebe zu der anderen 9 erfüllt werden. 9+9=18. Daher steht das „zweite“ Antlitz und damit die 2×9 in diesem Vers.

Das klingt jetzt nach einer völlig abgespaceten Verschwörungstheorie oder zumindest einer Überinterpretation – aber die Commedia stellt sich selbst als Teil einer Art Verschwörung dar: einer Verschwörung der Vorsehung gegen die schlechte Welt, die sich des Dichters bedient, um sich in Worten und Zahlen publik zu machen (was selbst nach 700 Jahren noch recht gut glückt). Die Commedia ist daher so geschrieben, dass Zahlen- und Deutungsspiele (fast) immer aufgehen. Dass dabei trotzdem etwas Vernünftiges herausgekommen ist, ist vielleicht das eigentliche Wunder dieses Textes. Aber adventlicher noch ist das Wunder der göttlichen Liebe als Verschwörung gegen die schlechte Welt – und die Zahl dafür ist die 18.

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Über Jan Söffner

Jan Söffner ist Professor für Kulturtheorie und Kulturanalyse an der Zeppelin Universität Friedrichshafen.

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