Adventskalender

19

Die 19 ist in Misskredit geraten; darüber ärgere ich mich außerordentlich! Ihr ganzer Stolz wird gerade missachtet! Eine Primzahl, die sich nicht unterkriegen lässt und sei der Zeitgeist auch gegen sie!

Es war ja eigentlich die 20, die ihren Nachbarn in diese Lage gebracht hat. Die Macht der Nachfolger, die das Bild ihrer Vorgängerin prägen können…In diesem Fall wurde der Ausbruch einer Krise rückgerechnet und bleibt nun der 19 angehaftet. Auf einmal wird sie damit auch zur Schwelle, zum Wendepunkt. Wie verändert das unseren Blick auf Vergangenes? Markiert die 19 die Zeit eines interregnums? Oder den Beginn der unklaren Verhältnisse?

Dabei ermöglicht die 19 doch ausgerechnet ausgefallene Möglichkeiten der wohlklingenden Temperierung: Bei einer neunzehnstufigen Stimmung sind alle Tonarten im Quintenzirkel ohne Wolfsquinte spielbar. Sowas vermag nur eine Primzahl! Zugegebenermaßen gelang die mathematische Darstellung dieser Temperierungsmethode und Stimmungsform problemloser als die Stimmpraxis und der Bau entsprechender Instrumente…und dennoch waren 19-stufige Cembali im 16. Jahrhundert offenbar recht häufig.

Nun verbinden wir die 19 aber nunmehr nicht mehr mit Wohlklang, sondern mit Unheil und Unbill: Ein Virus, dem im Jahr 2019 sowohl den Sprung auf den Menschen als auch die Übertragbarkeit zwischen Menschen gelingt. Freilich ist die Ausrufung der weltumspannenden Pandemie der 20 zuzuschreiben und dennoch firmiert es überall so: COVID-19

Unsere Sprache ist eine andere geworden und wir alle sind Expert*innen für Dinge geworden, über die wir zuvor rein gar nichts wussten: Testarten (PCR, Selbsttests etc.) und ihre jeweilige Gültigkeitsdauer, R-Faktor, Intensivbettenauslastung und Wocheninzidenz. Die Corona-Warn-App in der Tasche misst jederzeit ihre Umgebung aus und speichert Begegnungen, selbst jene, die uns in der U-Bahn oder andernorts selbst entgehen würden. Und wir führen digitale Impfnachweise mit uns und benutzten sie allzeit, um uns Zugang zu verschaffen: “Félix Guattari malte sich eine Stadt aus, in der jeder seine Wohnung, seine Straße, sein Viertel dank seiner elektronischen (dividuellen) Karte verlassen kann, durch die diese oder jene Schranke sich öffnet; aber die Karte könnte auch an einem bestimmten Tag oder für bestimmte Stunden ungültig sein” berichtet Deleuze (1990) in seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaft. Was wenn unser Impfstatus plötzlich für ungültig erklärt wird? Wenn immerneue Virusvarianten und die automatisch nachlassende Impfwirkung zu einer auf Dauer gestellte Krise führen, in der die Impfung zur Routine und der Verlust des Impfstatus zur dauernden Gefahr wird? Deleuze schreibt weiter: “was zählt ist nicht die Barriere, sondern der Computer, der die – erlaubte oder unerlaubte – Position jedes einzelnen erfaßt und eine universelle Modulation durchführt.” Die Nachverfolgbarkeit unserer Positionen und vor allem unserer Begegnungen ist genauso beunruhigend als auch notwendig geworden. Selig waren wir 2019 und unbesorgt. Wie viele Menschen auf meiner letzten Geburtstagsfeier (im Jahr 2019) waren? Jedenfalls mehr als 19 und sie allesamt waren ungimpift, ungetestet und unbesorgt. Vielleicht können wir durch die Erinnerung an jene Tage die 19 wieder in das Licht rücken, das ihr zusteht?! Als Primzahl lädt sie uns ja ein, sich durch sich selbst erklären zu lassen.

Im Jahr 2019 selbst war jedenfalls nichts von dem sichtbar, was nun durch die fortlaufende Nennung von COVID-19 dem Jahr eingeschrieben wird. Anderes beschäftigte uns, nicht minder drängend, so etwa Hitze- und Dürrewellen und Rekordtemperaturen weltweit. Blickt man in auf eine tabellarische Übersicht der Jahresereignisse, so gelingt es nicht so recht, die 19 von Sorge zu befreien. Krisenstimmung macht sich breit: der Anschlag auf die Moschee in Christchurch, der Brand von Notre-Dame sowie die Niederschlagung der Proteste in Hong Kong. Die warmen, positiven Erinnerungen sind wohl eher die alltäglichen: Unbekümmerte Feiern, die Selbstverständlichkeit des Seminar- oder Theaterbesuchs und spontane Reisen. Aber natürlich auch Gespräche in vollgepackten Zügen und die Alltäglichkeit des flüchtigen Austausches zwischen Unbekannten, den wir hoffentlich inzwischen wieder erlernt und uns zwischenzeitlich versagt hatten. Doch diese Erinnerungen werden überlagert von einer antrainierten Erinnerung…

…ist es ein Zufall, dass ausgerechnet am Jahresende 2019 der Kult-Film Blade Runner spielt? In einer dunkel (und regnerisch) gewordenen Welt beobachten wir Figuren, die Kommunikation gegenüber misstrauisch geworden sind. Kein Wort zu viel. Paranoia macht sich breit angesichts der Ungewissheit über das eigene Sein, der Ununterscheidbarkeit von wirklichen und künstlichen Menschen. Futuristische Polizeiautos, Suchlichter und Kontrollen durchziehen den Film. So dunkel erinnere ich das Jahr 2019 nicht und dennoch bleibt die 19, trotz meiner vielen Versuche womöglich eine Höllenzahl.

Der Koran und die islamische Tradition kennt diese Ziffer als Symbolzahl für die Wärter der Hölle: Die Zabaniyya, 19 an der Zahl, sind Engel der Hölle. Etymologisch ist ihr Name uneindeutig und könnte sowohl darauf stoßen, dass sie jene, die der Hölle zu entfliehen versuchen, zurückstoßen. Jedenfalls hat man die Engel der Gnade, die aus Nur (Licht) erschaffen wurden, von den Engeln der Strafe, jenen 19 Zabaniyya, zu unterscheiden, die aus Nar (Feuer der Hölle) erschaffen worden sind. Kommt es zum Kampf zwischen Licht und Feuer um die Seelen der Verstorbenen, dann wird ein dem Donner gleichender Knall ausgelöst.

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Über Martin Valdés-Stauber

Martin Valdés-Stauber ist Soziologe und Dramaturg. Gegenwärtig leitet er an den Münchner Kammerspielen den künstlerischen Forschungsbereich “Erinnerung als Arbeit an der Gegenwart” und wirkt in seiner Heimatstadt Kaufbeuren als Beauftragter für Offene Gesellschaft.

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