Heidegger, Aristoteles und die Prädikation

1.Der historisch-systematische Bezugspunkt von Sein und Zeit: Die Metaphysik des Aristoteles

Im Unterschied zu Adorno, der sein Denken wesentlich an den Systemen des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Schelling, Hegel) orientiert und an deren Grundbegriffen (Subjekt, Transzendentalphilosophie, Bewusstsein, Selbstbewusstsein, Geist, Dialektik etc.) abarbeitet, motiviert Heidegger die von ihm angestrebte Renaissance der Ontologie, die „Frage nach dem Sinn von Sein“, dem „Sein des Seienden“, „Seinsgrund“ etc. mit nichts weniger als EINER DER Urszenen der abendländischen Philosophie, der von Aristoteles in der Metaphysik ausgearbeiteten Frage, nach „den ersten Prinzipien und Ursachen“, dem „Sein des Seienden“, dem Seienden mit Bezug auf Das Eine, „ dem Sinn von Sein“ (vgl. Aristoteles: Metaphysik).  In eins mit der Seinsfrage exponiert Aristoteles in der Metaphysik die Notwendigkeit der Philosophie als „Frage nach den ersten Prinzipien und Ursachen“, einer „sophia“ (in der Scholastik, etwa bei Thomas v. Aquin dann „prima philosophia“ genannt), die über einzelwissenschaftliche Behandlungen bestimmter Seiender in bestimmten Hinsichten hinaus den Seinsgrund selbst zum Thema haben solle (vgl. Aristoteles: Metaphysik, Bücher I-VI1).                         Heidegger knüpft explizit an die Aristotelische Fragestellung an, verweist an dieser Stelle gleichzeitig auf eine von ihm konstatierte, mindestens zweifache, historisch potenzierte Defizienz des Fragens nach dem „Sinn von Sein“ (vgl. hierzu Heidegger: Sein und Zeit, § 1 Die Notwendigkeit einer ausdrücklichen Wiederholung der Frage nach dem Sein), die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt:

1. Bereits in der Aristotelischen Metaphysik wird die Seinsfrage nicht zureichend gestellt und damit auch nicht zureichend beantwortet (siehe Einleitung § 1. Die Notwendigkeit einer ausdrücklichen Wiederholung der Frage nach dem Sinn von Sein, S. 3 f.). Aristoteles stellt Allgemeinheit (Übersteigung des Begriffs der Gattung, „Sein“ ist keine Gattung, kann keine Gattung sein, da sich die Gattungen-Arten-Logik nach „genus proximum, differentia specifica“ organisiert, die auf den Seinsbegriff nicht anwendbar ist, der vielmehr der Gattungen-Arten-Logik zugrunde liegt), Undefinierbarkeit (hängt mit Allgemeinheit zusammen) und Selbstverständlichkeit (ist in allen Prädikationen enthalten, ist jedem unmittelbar zugänglich, verständlich) als Merkmale des Seins heraus, übersieht dabei jedoch, dass hiermit der Sinn von Sein noch überhaupt nicht aufgeklärt ist, dass hiermit erst eine Art sortierender Vorarbeit geleistet ist, um zum „Grund“ dieser wesentlich der Form der logischen Prädikation entnommenen Charakteristika Allgemeinheit, Undefinierbarkeit, Selbstverständlichkeit vordringen zu können (vgl. ebd., S. 4).

Nach Heidegger fragt Aristoteles in gewissem Sinne zu strukturalistisch, zu sehr verhaftet der prädikativen Logik, zu formalistisch. Nachdem die Unmöglichkeit einer Definition des Seins qua prädikativer Logik festgestellt ist, müsste stattdessen übergegangen werden zu einer fundamentalontologischen Klärung der Grundlage, Bedingung der Möglichkeit einer solchen Ontologie selbst. Dies unterbleibt bei Aristoteles. Heideggers Bemühungen haben ebendies zum Ziel, die Ausarbeitung einer Meta-Ontologie, einer Grundlegung jeglicher Ontologie in einer spezifisch selbstbezüglichen Form, die er „Dasein“ nennt.

2. Trotz der Defizienz der Aristotelischen Ausarbeitung der Seinsfrage war dieser nach Heidegger auf der richtigen Spur einer „prima philosophia“ als Seinswissenschaft schlechthin. Die nachfolgende Tradition hat, indem sie die Ergebnisse der Aristotelischen Metaphysik als ontologische Vorurteile unhinterfragt übernommen hat, im Unterschied zu Aristoteles auf das Fragen nach dem Sein des Seienden ganz verzichtet (Stichwort „Seinsvergessenheit“, vgl. hierzu Sein und Zeit, § 1).

Heideggers Fragen ist somit alles andere als „neu“, „die Tradition hinter sich lassend“, „noch mal von vorne Anfangen!“, „los jetzt!“, „das Unbegriffliche ergreifen“, „Jemeinigkeit, Unhintergehbarkeit des je Individuellen“ oder was sonst noch so durch den Äther schwirrte. Vielmehr ist es dem eigenen Anliegen nach ein „In-den-Ursprung-Zurückgehen-der-Philosophie“, ein Sich-Besinnen philosophischen Fragens, ein Zu-sich-selbst-Kommen der Philosophie in einer bestimmten, eben der Heideggerschen, meta-ontologischen Variante. Der Ausgang von der Form der Prädikation ist hierbei alles andere als nebensächlich, vernachlässigbar. Zwar möchte Heidegger nach eigenem Bekunden grundsätzlicher fragen, als die der Form des prädikativen Urteils verhaftete Metaphysik des Aristoteles dies vermochte: Er möchte die Bedingung der Möglichkeit dieser „abkünftigen“ Region „Logik“, den Untergrund der Satzform in/als eine spezifisch selbstbezüglich, modale Verfasstheit des Daseins freilegen: „Die Seinsfrage zielt daher auf eine apriorische Bedingung der Möglichkeit nicht nur der Wissenschaften, die Seiendes als so und so Seiendes durchforschen und sich dabei je schon in einem Seinsverständnis bewegen, sondern auf die Bedingung der Möglichkeit der vor den ontischen Wissenschaften liegenden und sie fundierenden Ontologien selbst (§ 3, S. 11, siehe zur Begründung der Auszeichnung eines spezifisch Seienden, dem Dasein, als dem Fragenden § 2).                                                                        Hierin ist er Meta-Ontologe, Proto-Anthropologe und hierin ist er über die Aristotelische Beschränkung auf die Form des prädikativen Urteils hinaus, da ja die Grundlagen der prädikativen Form diese notwendig übersteigen müssen.     Was jedoch die Grundmotivation seines Fragens und Zweifelns, das Thema, „Sein des Seienden“ anbelangt, bleibt Heidegger nicht nur der Form der Prädikation, sondern auch deren inhaltlicher Interpretation durch Aristoteles alias Ontologie treu. So begründet er unter § 1, 3., weshalb das Sein ein so dunkler, rätselhafter Begriff sei: „Jeder versteht: ‚Der Himmel ist blau’; ‚ich bin froh’ und dgl. Allein diese durchschnittliche Verständlichkeit demonstriert nur die Unverständlichkeit. Sie macht offenbar, daß in jedem Verhalten und Sein zu Seiendem a priori ein Rätsel liegt. Dass wir je schon in einem Seinsverständnis leben und der Sinn von Sein zugleich in Dunkel gehüllt ist, beweist die grundsätzliche Notwendigkeit, die Frage nach dem Sinn von ‚Sein’ zu wiederholen“ (Sein und Zeit, S. 4).

Hier setzt Adornos Kritik des ontologischen Verständnisses der Prädikation Heideggers an. Sein Verweis darauf, dass die Kopula eine Relation und kein Sein indiziere –„Der ‚Sachverhalt’ aber ist intentional, nicht ontisch. Die Copula erfüllt sich dem eigenen Sinn nach einzig in der Relation zwischen Subjekt und Prädikat. Sie ist nicht selbständig“ (Adorno: ND, Copula, S. 106) – rückt sein Denken, wohl unbeabsichtigt, in die Nähe eines neukantianisch fundierten Funktionalismus Cassirers (Begriffe als rein relationale, funktionale Konzepte, siehe hierzu etwa Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen. Bd. 1, Einleitung) oder auch etwa des Logikers Gottlob Frege (Begriffe als ergänzungsbedürftige Funktionen, siehe hierzu etwa Frege: Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien).                                                                                                               An dieser Stelle könnten wir eine grundsätzliche Diskussion einschieben. Berührt ist hier nämlich die Frage nach dem ‚Begriffsbegriff’ selbst. Ich hatte in der ersten Sitzung schon einmal darauf verwiesen, dass mit dem zugrunde gelegten Begriffsbegriff die Adornosche Argumentation für mich steht und fällt, jedenfalls hinsichtlich der Frage, was er dem Idealismus entgegenzusetzen habe.