Adventskalender

12

Zwölf

 

Die Ziffer zwölf bietet unzählige Bezugsmöglichkeiten. Nicht nur, dass die Anzahl der Mitglieder des ursprünglichen Hallenser Spirituskreises stets auf zwölf begrenzt war, nein selbst das griechische Götterpantheon bezifferte sich sowohl in seiner Olympischen als auch in seiner Titanischen Gestalt durch sie. Fraglich, wer sich hier durch wen inspiriert wusste. Andere mythographische Optionen der Ausschreibung ergeben sich im Hinblick auf die Prüfungen des Herkules oder der Tierkreiszeichen. Doch all das ist vielleicht zu naheliegend. Zumal wenn es sich um den Advent, sprich um die Ankunft und
Fleischwerdung des Logos, unseres Herrn und Erlösers handelt. Aber die Quersumme der Elemente zu bilden, um dann der Trinität zu huldigen, jenem unglaublichen Theologem, das von alters her den Verdacht nährte, beim Christentum ginge es zuinnerst doch um Vielgötterei und Idolatrie, wer brächte das schon übers Herz?

Also muss man sich womöglich doch der Vivisektion bedienen und auseinander schneiden, was zusammengehört. Die Operation, ein glatter Schnitt mit der linken Hand oder der linken Hirnhälfte vollzogen (man hätte sie wohl selbst zuvor amputieren sollen), stellt einen vor jene unbeantwortete Frage, die man dennoch oder gerade deshalb nie aufgehört hat zu stellen: eins oder zwei, Einheit oder Vielheit, Identität oder Differenz?

Kein Denkender, der hier nicht notgedrungen auf das Problem ihrer Primarität oder Vorgängigkeit getrieben wäre. An diesem Riff können wir seit jeher den Schiffbruch aller ontologischen Grübeleien beobachten. Ihr Vollzug lässt sich gut an. In etwa so: Damit es zwei, also ein differentielles Verhältnis, geben kann, muss schon eins da sein. Klar, die Eins folgt auf die Zwei, so wie die Nacht auf den Tag und ist in ihr sogar verdoppelt. Nur so kann es folglich zur Differenz kommen. Wenn die Identität schon gesichert ist, kommen wir zum Unterschied.

Andererseits — denn ein andererseits muss es ja geben — lässt sich die Geschichte nicht auch umkehren? Wie könnten wir denn überhaupt eins wahrnehmen, ihm Gleichheit mit sich selbst zusprechen, wenn es nicht herausgehoben wäre, sich nicht gerade unterschiede, unterschiede von einem anderen? Damit Identität entzifferbar wird, muss erst Differenz walten. Ja, die Logik der Zahlen ist doch in ihrer Unterscheidbarkeit beschlossen; ihre Sequenzialität, die ja schon von Anfang an impliziert ist, da es sonst keinen Anfang gäbe, sondern eben nur eine isolierte Identität, die nicht einmal als solche bestimmbar sein könnte, erweist das.

Mit Notwendigkeit? Mit Plotin und der ganzen gnostischen Spekulation, an die er sich anschließt, kann man sich auch dem entgegensetzen: die Einheit, die am Anfang war, war noch ohne Bezug auf ihre Zukunft. Sie ist zugleich die Ewigkeit und die Form vor der Form, das reine Sein, das anhypotheton, der absolute Ursprung: das ursprüngliche und eigentlich Seiende. Die Ableitung oder der Rückgang auf das Eine geht bei Plotin über die Denkbarkeit: wir können überhaupt nur das denken, was wir in irgendeiner Weise als eines denken. Was nicht eines ist und deshalb denkbar, kann nichts und nur nichts sein. Das betrifft auch die inhaltliche Bestimmung aller Gegenstände des Denkens. Nehmen wir beispielsweise die Vielheit: auch diese ist ja nur denkbar als geeinte Vielheit, die sich wiederum aus Elementen zusammensetzen muss, die an und für sich Einheiten verbürgen. Der Gedanke des Vielen setzt sowohl die Einheit des Ganzen voraus als auch die Einheit seiner Bestandteile. Die Einheit steht damit über jedem Gegensatz und jeder Differenz und ist damit das Absolute des Denkens selbst, sprich dasjenige, ohne das nichts gedacht werden kann. Was wäre darauf noch zu entgegnen?

Zunächst einmal könnte man Kantisch widersprechen: Plotin setzt voraus, dass die Strukturen des Seins mit jenen des Denkens übereinstimmen; teilt man diese Prämisse nicht, limitiert sich der Geltungsanspruch von Plotins Henologie auf die Theorie der Erkenntnis, muss also jede Prätention darauf ablegen, uns das Seiende in seiner eigentlichen Bestimmtheit näher zu bringen. Dass unser Geist das sozusagen subjektive Bedürfnis hat, die Wirklichkeit unter Einheitsgesichtspunkten zusammenzufassen und zu ordnen, bedeutet aber noch nicht, dass diese tatsächlich so organisiert ist. Das Ding an sich bleibt entzogen. Man darf nicht die Einheit des Selbstbewusstseins in der transzendentalen Apperzeption mit jener der Welt verwechseln.

Plotin selbst antwortet auf diesen Einwand wie folgt: wenn sowohl der Denkakt (nóesis) seine Einheit voraussetzt als auch das Gedachte (nóema) Einheitscharakter haben muss, dann kann nicht das, was schon durch die Einheit bedingt ist, diese erst hervorgebracht haben. Die Einheit kann folglich nicht das Produkt unseres Denkens sein, wenn dieses schon dem Akt des Denkens vorausgehen muss, damit dieser vollzogen werden kann. Die Schwierigkeit dieser plotinischen Ontologie liegt nun jedoch darin, dass sie die Identität des Einen jenseits der Genese des Einen denken möchte. Das Eine ist als anhypotheton schon grundsätzlich und per epistemischem Entscheid davon befreit, selbst wiederum einen Grund zu haben. Man möchte fast meinen, es gleiche eher der Null oder der chôra Platons als einer reinen Potentialität, die lediglich eine Stelle und einen Ort gibt, für das, was wird.

Indem Plotin die Einheit aus jeder möglichen Opposition herausnimmt, setzt er sie als ein absolutes Sein jedem Werden entgegen und entscheidet damit über ihr Ungewordensein. Was nicht geworden ist, das wissen wir von Platon, auch dem Werden nicht weiter ausgesetzt. Was aber, wenn es sich anders verhielte und alles Seiende eigentlich in einem ständigen Werden begriffen wäre und allein die logischen Operationen, die uns die Konjunktion und Disjunktion von Gegenständen unseres Denkens gestatten, starre Designatoren sind? Es ist wahr, das Gleiche selbst — als Designator einer Beziehung, nicht als konkrete, empirische Gleichheit— wird in Bezug auf ganz gleich welchen Gegenstand nicht von sich abweichen. Das Gleiche selbst erscheint uns nicht nur als gleich, es ist es. Selbiges gilt auch für die Unterschiedenheit. Das ändert jedoch nichts daran, dass alles, was uns nur irgendwie vor Augen tritt, alles, was uns in der Welt begegnet, lediglich ist, was es im Verhältnis zu anderem ist. Dabei habe ich hier keineswegs die Wirkung des Kontrasts im Sinn. Es geht mir vielmehr um die Relationalität alles Seienden, die ihre Metastabilität nur aus der Metastabilität der konkreten Berührungspunkte beziehen, die es unterhält. Ein Blatt Papier, das ich mit einer Flamme in Berührung bringe, wird bald schon Rauch und Asche. Genau das bedeutet ja Kontingenz (contingere), dass, wo immer Berührung stattfindet, die Dinge von sich selbst abweichen können. Man darf nur die Zeit nicht ausschalten und sich nicht dem reinen Denken der Arithmologie überantworten, dann lebt aus Differenz und Berührung todlos die Möglichkeit.

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Über Gill Zimmermann

Gill Zimmermann studierte Philosophie und Religionswissenschaft in Heidelberg und Stanford. Gegenwärtig promoviert und lehrt er am Lehrstuhl für Kulturtheorie an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen.

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