TWA ND 2

Die Stelle S. 33f. hat zu heftigen Diskussionen Anlaß gegeben, weil A. vorgeworfen wurde, sich hier auf ein krass naturalistisches und biologistisches Argumentationsniveau zu begeben, das seiner eigenen Norm selbstreflektierter, nicht-identifizierender Begriffsverwendung widerspricht und den in den Bann des solchermaßen reduzierten Denkens gezogenen Philosophen wie Kant extrem Unrecht tut. Im Folgenden soll versucht werden, die Stelle gegen diesen Vorwurf zu verteidigen.

A. will hier, mit zugegebenermaßen kruden und stellenweise auch unfreiwillig komischen Metaphern, zeigen, warum sich gegen den Begriff des „Systems“ zu Recht das Bedenken des Gewalttätigen und Vereinnahmenden anführen lässt. Nach der marxistisch-sozialgeschichtlichen Herleitung weiter oben (System und ratio im Dienst des schlechten Gewissen des Bürgertums wegen dessen „unvollständiger“ Revolution) wird hier ein „urgeschichtliches“ und anthropologisches Argument bedient, unter Rückgriff auf traditionelle Philosopheme der politischen Sozialtheorie (Hobbes), v.a. aber der Psychoanalyse, wovon ja der Rekurs auf wichtige Freudsche Begriffe (Überich, Projektion, Sublimierung) deutlich genug Zeugnis ablegt. Analog zu Freuds Spekulationen zur „Urhorde“ wird hier eine mögliche Früh- und Ursprungsgeschichte des bürgerlichen „Geist“-Begriffs skizziert. Die Zurückführung von intellektuellen Leistungen und Kompetenzen auf quasi-animalische Überlebensbedingungen ist anthropologisches Allgemeingut und findet sich bis heute, etwa in der sog. Evolutionären Erkenntnistheorie. Wer das Heideggersche (und Luhmannsche) Verdikt gegen die Anthropologie nicht teilt, kann Überlegungen dieser Faktur ohne hypersensible Berührungsängste begegnen. Dass solche Emotionen wie Wut und Hass als Selbst-Rechtfertigung und zur Beruhigung des eigenen schlechten Gewissens jede Form eines umwelt-vernichtenden Metabolismus begleiten, scheint da nicht besonders weit hergeholt. Das besondere Tier Mensch (und in der Rückprojektion schon das „hungrige Raubtier“ selbst) braucht – und gerade darin besteht dessen (nie ganz gelingende) Trennung vom Tierischen und seine „Humanisierung“ – eine so furcht-bewältigende wie gewalt- und aneignungslegitimierende Zusatz-Motivation. Nur im Paradies lebt man schuldlos-vegetarisch, jeder Fleischverzehr ist hingegen mit Angst- und Schuldgefühlen verbunden (die man sich ja auch oft und gern von militanten Vegetariern auch wieder einreden läßt). Kompensiert bzw. gegengesteuert wird daher mit dem Gefühl des moralischen Rechthabens und der dadurch induzierten „Wut aufs Opfer“ (wahrscheinlich nennen wir ja gerade deswegen unsere Haustiere gern „dumm“: „dummes Schwein“, „dumme Kuh“: weil wir sie dann mit weniger Schuldgefühl auffressen können). Was wir Moral nennen, liefert die zurecht-rationalisierte Begründung für unsere im Grunde immer noch raubtierhaften Gelüste der Weltaneignung: wir haben uns nicht nur unser Überleben, sondern auch unsere Naturbeherrschung, unser Überlegenheitsgefühl („Krone der Schöpfung“) redlich „verdient“, weil all das, was wir dafür eliminieren und für unsere Zwecke zurechtstutzen mußten, „böse“ und „minderwertig“ war. Selbsterhaltung wird verschleiert als „Sieg des Gerechten“ über all das einzuverleibende, aufzufressende Ungerechte. Die humanistisch verklärte Minderwertigkeit des Nicht-Menschlichen (heute formuliert als „Anthropozentrismus“-Vorwurf) kann man bis in die Philosophie Kants verfolgen: die Natur muß bei ihm, wie es an einer bekannten Stelle ja heißt, vor dem „Tribunal der Vernunft“ Rede und Antwort stehen, wird also wie eine Verbrecherin behandelt. Das Aufklärungsprinzip „nichts unangefochten lassen“ lebt von der gleichen Überheblichkeit, hier von A. auch als „menschenverachtend“ gekennzeichnet; wer sich anmaßt, über alles selbst zu urteilen, löst sich aus seiner „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ auf Kosten der von ihm verschuldeten Unmündigkeit aller anderen. Darum ist auch Kants Moralphilosophie im Grunde „menschenverachtend“, weil das Sittengesetz in seiner einsamen (nicht nur von Schiller beklagten) „Unerbittlichkeit“ anderslautende zwischenmenschliche Bindungen einfach kassiert. Der kategorische Imperativ soll, eben anders als etwa „konsequenzethische“ Folge-Abwägungen, unsere natürliche Beißhemmung, unsere Angst vor Fehlentscheidungen unterlaufen und den radikalen, kompromisslosen Zugriff auf das einzig „Richtige“ ermöglichen. Wer sich kantisch für eine Handlung rechtfertigen kann, ist immer auf der sicheren Seite (Kant und KZ ist kein Widerspruch). Die „rationalisierte Wut aufs Nicht-Identische“ liefert eine kaum verzichtbare Begründung für unsere fehlende „Gelassenheit“ zum Anderen, unsere angstgesteuertes Bedürfnis, möglichst schnell mit allem „fertig zu werden“, es in sichere Schubladen „einzusperren“. Bis hinein in die Metaphern des Denkens und Verstehens sind die Spuren dieses Gewaltverhältnisses sichtbar: be-greifen, auf-fassen, etwas „treffen“, „aufspießen“, definieren/eingrenzen, „auf den Punkt bringen“ (wie einen toten Schmetterling auf einen Nadelkopf), etwas „auseinanderlegen“ (wie ein auszuweidendes, erlegtes Tier), usw.

Es mag gut sein, daß für viele heutige, gewitzte, durch den postmodernen Konstruktivismus geläuterte LeserInnen ein solches, eher mit emotionalen und emotionalisierenden Assoziationen und polemischen Überspitzungen arbeitendes Denken abstoßend wirkt und den Eindruck bewirkt, daß hier A. sein eigenes Niveau unterschreitet. Aber vielleicht meint er ja u.a. genau das mit der Aufforderung, Philosophie müsse heute zum „Spiel“ werden und dürfe die Nähe zur „Clownerie“ nicht scheuen. Gerade ein postmoderner Schreibstil müßte doch auch die spielerische Verwendung von solch „grob naturalistischen“ Argumenten billigen. Philosophie, das Allerernsteste, ist nicht nur „so ernst auch wieder nicht“, sie ist auch bei A. von allerhöchstem Niveau, aber „so niveauvoll auch wieder nicht“…