TWA ND 7

Es sei eine relativ „unphilosophische“ Frage an Adornos Text in den Raum gestellt, deren Tragweite für mich schwer abzuschätzen ist (soll heißen: vielleicht ist sie total unwichtig): darf man Adorno eigentlich die Naivität (wenn es denn eine ist) durchgehen lassen, mit der er immer wieder, wenn auch in Halb- und Nebensätzen versteckt, davon ausgeht, daß wir in einer Zeit leben, in der „eigentlich“ eine ganz andere, viel bessere Gesellschaft schon allein deswegen möglich wäre, weil die nötigen technischen und materiellen Voraussetzungen und Ressourcen in einem „für alle“ ausreichendem Maß vorliegen? Ich zitiere vier Beispiele aus der ersten Hälfte der ND:

S. 192: Verdinglichung ist nicht per se anzuklagen, denn „Verdinglichung und verdinglichtes Bewußtsein zeitigten mit der Entbindung der Naturwissenschaften auch das Potential einer Welt ohne Mangel“
S. 203: der „Zweck, der allein Gesellschaft zur Gesellschaft macht, [verlangt,] daß sie so eingerichtet werde, […] wie es den Produktionskräften nach hier und heute unmittelbar möglich wäre“
S. 218: Freiheit wäre „ungeschmälert herzustellen einzig unter gesellschaftlichen Bedingungen entfesselter Güterfülle“
S. 242: „Kontemplation wäre möglich ohne Inhumanität, sobald die Produktivkräfte soweit entfesselt sind, daß die Menschen nicht länger von einer Praxis verschlungen werden, die der Mangel ihnen abzwingt“

Meine Frage wäre: huldigt A. hier und in ähnlichen utopie-antizipierenden Passagen nicht einem stark realitätsfernen Glauben an technische Alles-Machbarkeit, einem typisch realsozialistischen Produktions-Wahn, einer nebenfolgenblinden Fortschrittsgläubigkeit, wie sie sich vielleicht noch ein Marx im „Kommunistischen Manifest“ leisten konnte, aber wie sie einem reflektierten Neomarxisten in den 60er Jahren nicht mehr gut ansteht?
Mir ist klar, daß die Gegenbehauptung der Unüberwindbarkeit von „Mangel“ und „Ressourcenknappheit“ immer auch ein Argument der Besitzenden gegenüber den vom Besitz Ausgeschlossenen ist; aber läßt sie sich auf diese Propaganda ungleicher Verteilung reduzieren? Oder anders: ist nicht die „Entfesselung der Produktivkräfte“ genau das, was die Menschheit heute am dringendsten vermeiden muß?