Adventskalender

22

FF: Frolicsome Finale? NN: Noch nicht!

Fast schon jovial-feierlaunige „Schnapszahl“-Qualität hat die offizielle Norm-Anzahl von Fußballspielenden (anständiger dilettantischer Kiez- und Kleinfeld-Fußball braucht allerdings viel weniger), auch weil die 22 das Wiederholungs- und Alliterationsspiel mit zwei Zwillingszeichen exemplifiziert (zwei eben: genausoviel wie zur weihnachtlichen Erfüllung noch fehlt!). Man kennt das Verdopplungs-Spiel auch mit Buchstaben, etwa aus Benjamin Brittens (=BB!), mit einem kleinen Orchester (etwa 22 Mitgliedern) gut aufführbarer, ca. 22 Minuten dauernder „Simple Symphony“ (=…), wo jede Satzbezeichnung die Stabreim-Idee weiterspielt: Boisterous Bourrée, Playful Pizzicato, Sentimental Sarabande, Frolicsome Finale. Und weitere „B.B.“-NamensvertreterInnen fallen uns ja auch sofort ein, genauso wie Buchtitel wie „Totem und Tabu“, „Wahrheit und Würde“, „Scham und Schuld“[1]. Damit sind wir auch schon bei „F.F.“, beim 1922 (!) geborenen DD(!)R-Schriftsteller Franz Fühmann und seinem Buch 22 Tage oder die Hälfte des Lebens, 1974 bei Hirnstorff (…storFF!) in Rostock erschienen (und mehrmals neu aufgelegt, das letzte Mal 1999(!), seit 2018 auch als Audio-Book hörbar).

Der im nationalistischen Milieu des sudetischen Riesengebirges aufgewachsene Schriftsteller, von dem Uwe Wittstock 2019 im Deutschlandfunk vermutlich zu Recht befürchtete, daß er „aus dem aktuellen Bewußtsein des Landes verschwindet“ und dessen Geburtstag sich im kommenden Monat das 100. Mal jährt, war zunächst jugendlich-überzeugter Nationalsozialist, dann nach erfolgreicher Gegen-Ideologisierung überzeugter Stalin-Verehrer, verstand sich lange als „Dichter im Dienst“ (DD) des realsozialistischen Aufbaus, arbeitete auf der Warnow-Werft (WW) gemäß den Sozialistischer-Realismus-Maßgaben des „Bitterfelder Wegs“, bis er nach seinem Ausscheiden aus seinen kulturpolitischen Ämtern 1958 und nach der Desillusionierung durch die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 eine Lebens-, Gesundheits- und Schaffenskrise durchmachte, aus der er als ganz eigenständiger, nachdenklicher, auch heute noch wichtiger Autor hervorging.

Fühmanns späte Zuwendung zu alten Mythen und deren Nachdichtung, sein unvollendet gebliebenes grüblerisches Großwerk Im Berg wie seine Beiträge zum Kinderbuch-Genre dürfen als Flucht vor einer zunehmend feindlichen und unerträglichen Gegenwartsrealität gedeutet werden. Das Ungarntagebuch über die 22 Tage, die er Oktober/November 1971 auf Einladung des PEN-Clubs in Budapest verbrachte, ist das literarische Zeugnis dieser vollzogenen Abwendung und Entfremdung, die auch eine von seiner bisherigen eigenen Arbeit und seinem Selbstverständnis ist: dies ist kein „Text“ im herkömmlichen (und schon gar nicht im staatlich gewünschten) Sinn, dies ist eine Sammlung von nur durch die zweiundzwanzig Datumsangaben willkürlich gegliederten Reise-Notizen, Beobachtungen vor Ort, Traumprotokollen, bruchstückhaft abgerissenen Gedanken zur Literatur, zum Übersetzen, zum eigenen Schreiben, die eigene moralische und dichterische Existenz in Frage stellenden Reflexionen (wie hätte ich als hitlertreuer Soldat in Ausschwitz gehandelt?), Fragmente unausgeführter Essays… und jeder einzelne Eintrag versandet „im Nichts“, geht ohne jedes Satzzeichen ins Leere

Unmöglich also, diesem heterogen Konvolut, das seine Trotz-Alledem-Einheit nur durch die gedrängte Raumzeit einer in der (quasi dantesken) Lebensmitte [2] verbrachten Auslands-(Aus-)Zeit von eben 22 Tagen gewinnt, hier irgendwie gerecht zu werden; unser heutiger Jahresend-Vorsatz könnte jedoch lauten, Fühmanns auch in seinem Tagebuch für sein eigenes selbstkritisches Nachdenken zentralen Begriff des „Wandels“ in der Zeppelinjahr-Vorlesung im Fühmann-Jahr 2022 (!) zum Thema „Transformationen“ ausführlich zu behandeln. Hier hingegen darf man vielleicht, mit sehr selektivem Zugriff, auch auf die spielerisch-ironische Dimension der Notizensammlung hinweisen; Fühmanns Aufzeichnungen überlegen sich nicht nur Menü-Folgen mit Speisen, die alle mit D beginnen, spielen nicht nur das Spiel der Rekombination von Sprichwörter-Hälften („Armut findet auch ein Korn“ vs. „Ein blindes Huhn schändet nicht“), sondern enthalten auch folgende kurze satirische Skizze, die man zwar schnell als Kritik am kulturpolitischen Einheitsparteien-Betrieb, wie er ihn kannte und mitgetragen hatte, lesen kann, aber ohne weiteres auf heutige, sehr unsrige Institutionen und Verfahren auch anwenden darf. Unter dem Datum des 27.10. notiert Fühmann:

Kein Einschlafen. Entwerfe zum Spaß Statuten jener von J. J. [!] vorgeschlagenen „Gesellschaft für gegenseitige Bewunderung“… Sie müßte natürlich in Sektionen gegliedert sein, und zwar in Sektionen mit Partizipiennamen: Sektion der Lehrenden, Sektion der Schreibenden, Sektion der Befehlenden, Sektion der Leitenden, Sektion der Richtenden, Sektion der Antwortenden, Sektion der Wirtschaftsführenden, Sektion der Sportausübenden usw.; die Chefs der Sektionen bilden ihrerseits wieder eine Sektion, die Sektion der Bewundernden mit einem Präsidenten, zwei Vizepräsidenten, einem Geschäftsführer und dem Nachwuchsausbildenden, dem Direktor des Instituts für Bewunderung. Monatlich eine Sitzung in den Sektionen mit Reihumbewunderung aller Mitglieder; jährlich eine Großarbeitstagung mit Referaten über Theorie und Praxis des Bewunderns (Vorschläge: Die Höherentwicklung wahrer Ästhetik durch die breite Entfaltung des Bewunderns; Gegen den Formalismus im „Schaffen“ einiger „Bewunderer“; Zu höherer Arbeitsproduktivität durch systematische Bewunderung der Generaldirektionen; Information? Nein, Bewunderung!; Die Herausbildung von Zügen kollektiver Bewunderung in der entwickelten Urgemeinschaft; Neue Meisterwerke der Bewunderungsepik; Unsere Bewunderer sind lebensfroh); ferner eine jährliche Festsitzung mit der Vergabe von je drei Preisen für hervorragendes lyrisches, journalistisches, bildkünstlerisches, musikalisches und darstellendes Bewundern, sowie alle drei Jahre einen Sonderpreis für Positive Satire und Kritik“ [3]

Jeder Hinweis auf die bleibende Aktualität von alldem erübrigt sich. Fühmanns durch überwache Schlaflosigkeit getriebene Hellsichtigkeit identifiziert in den nur durch Reziprozität funktionierenden (und nur durch sie legitimierten) Belobigungs- und Bewunderungszeremonien den eigentlichen Hauptzweck der Kultur-Institutionen, einen Zweck, den man daher eigentlich funktional ausdifferenzieren und selbstreferentiell professionalisieren können sollte – vielleicht sogar mit dem Wunschhintergedanken, man möge sich andernorts dafür wieder der ganz normalen Arbeit widmen… Bis zur Manie der Präsens-Partizipien, die heute zusätzlich aus Gendercorrectness-Gesichtspunkten präferiert werden („Studierende“, „Lehrende“, „Lernende“ usw.) haben wir hier eine exakte Karikatur von uns allen leider allzu bekannten täglichen Exerzitien vor uns; man könnte sich wünschen, daß beim nächsten Mal, daß ein langweiliger Vortrag an der ZU wieder „highly interesting“, „dense“, „intense“ und „inspiring“ genannt wird, zumindest unter ein paar Anwesenden (!) als stummer Kommentar das Geheimkürzel „22FF“ kursiert, als Insider-Verweis auf Franz Fühmanns 50 Jahre – also: „die Hälfte eines Lebens“ – alten und (bewundernswert?) genialen Tagebucheintrag aus seinen 22 Tagen.

[1] Vgl. Franz Fühmann, Wahrheit und Würde, Scham und Schuld, in: Süddeutsche Zeitung vom 23. 11. 1982.
[2] Fühmanns Selbstdeklaration seiner 50 zur „Lebensmitte“ war dezimalzahlenverliebtes wishful thinking: das eigene „mezzo del cammino della nostra vita“ hatte er schon 1953 überschritten, er starb 1984 an Krebs und wurde in Märkisch Buchholz begraben (was für ihn nur heißen sollte: NICHT in Berlin).
[3] F. Fühmann, 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens, Rostock 1974, S. 130. Es ist vermutlich kein Zufall, daß eine zur (Selbst-)Ironie befähigtere Nation wie die englische eine „Mutual Admiration Society“ schon seit 1880 kennt, zunächst als satirische Bezeichnung im „Punch“ für die „aesthetes“ um Oscar Wilde, dann 1912 als selbstgewählte Bezeichnung für eine Gruppe junger Schriftstellerinnen um Dorothy L. Sayers am Somerville College in Oxford. Ein Song aus der Broadway-Show „Happy Hunting“ von 1956 deklariert (sehr nachvollziehbar) die eigene Liebespartnerschaft schlicht zur „Mutual Admiration Society“, womit freilich der Idee der kritische Zahn ganz gezogen wird. Ähnliche Trivialisierung der Idee auch im Roman „The Mutual Admiration Society“ der amerikanischen Bestsellerautorin Lesley Kagen (2017) (dt. Die Gesellschaft zur gegenseitigen Bewunderung, 2017).

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Über Joachim Landkammer

Joachim Landkammer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunsttheorie und inszenatorische Praxis der Zeppelin Universität.

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