Die Zeitung von gestern (9)

Chill mit Churchill (30.7.2017)

Der Sportteil der gestrigen Samstags-FAZ (29.7.) bringt – wie immer – auf der letzten Seite Christian Eichlers Doppelkolumne („Chapeau“/“Attaque“). Sie öffnet mit dem Zitat der Antwort, die Churchill angeblich einmal auf die Frage nach dem Grund seines hohen Alters (trotz Zigarre und Whisky) gegeben haben soll: „First of all, no sports“. Zwar hat Christoph Drösser 2005 in seiner „Stimmt´s?“-Reihe in der ZEIT behauptet, die nur im deutschen Sprachraum bekannte Äußerung sei „mit ziemlicher Sicherheit“  erfunden, nicht nur weil sie nicht nachweisbar ist, sondern weil sie kaum zu einem Mann passe, der zumindest in seiner Jugend „Fechter, Schütze, Reiter und Polospieler“ gewesen ist, wie wiederum die Wikipedia weiß. Daß es mit der historischen Authentizität der Langlebigkeitsgarantieformel nicht weit her ist, braucht allerdings den tieferen Sinn der Sport-Abstinenz nicht zu schmälern, den man gern der souveränen, unaufgeregten Gelassenheit des englischen Welt-Politikers zugeschrieben hätte. Eichler spielt in seiner Glosse in der Tat nicht auf den im Zitatzusammenhang gemeinten gesundheitlichen Benefit an, sondern nutzt das Kurz-Motto als Kontrast für das Gebaren heutiger Politiker, die meinen sich auch als Sportler in der Öffentlichkeit zeigen zu müssen: Putin, Trump und jüngst der 46-jährige kanadische Premierminister Justin Trudeau.

Man könnte sich in der Tat fragen, welchen Politikstil und insbesondere welche Vorstellung von seinem „Wahlvolk“ ein Politiker pflegt, der ihm auch in den Kleidungsstücken (bzw. ohne solche wie Putin) und mit den Ausrüstungsgegenständen des Sportlers gegenübertreten will. Nun ist sicher auch einmal das Szepter eines Kaisers oder Königs nichts als ein symbolisierter Schlagstock gewesen; trotzdem macht es einen Unterschied, wenn ein Regierender tatsächlich mit Boxhandschuhen oder im Wrestling-Ring auf- und antritt. Denn symbolische bzw. symbolisch darstellbare Zusammenhänge werden zu gefährlichen Realitäten, wenn sie den Bereich des Zeichenhaft-Symbolischen überschreiten. Gerade weil das Politische immer auch potentielle Gewaltwirkung und Gewaltbereitschaft bedeutet, könnten Politiker es sensiblerweise für angebracht halten, das, was ihr Beruf an Durchsetzungskraft, Stärke, Mut, Ausdauer usw. an den vielen konfliktreichen Verhandlungstischen unweigerlich von ihnen fordert, nicht auch noch in platter pseudo-sportlicher Realform öffentlich zu inszenieren. Die mediale Versportlichung von Politik führt gleichzeitig zu ihrer Verharmlosung und zu ihrer Brutalisierung.

Aber daß Churchills vermutliche Nicht-Aussage trotzdem ihren eigentlichen Sinn wieder auf dem Gebiet der lebensverlängernden Vermeidungsstrategien erhält, zeigt ein Artikel, den man zwei Sportteil-Seiten vorher findet: die Nachricht über das (sportliche) Karriereende des „vermutlich schlauesten Football-Profis“ John Urschel (26), der nun doch lieber seine offenbar vielversprechende akademische Laufbahn am MIT weiterverfolgt, wird unterfüttert mit medizinischen Untersuchungen, die Gehirnschäden als Folgen von Football- und Eishockeyspiel nachweisen (daß ein Eishockey-Puck auch sichtbare Körperschäden anrichtet, kann man schon länger wissen – und sehen). Der fachmännische Begriff der „Dementia pugilistica“ weist auf die Herkunft des Syndroms aus dem Boxring hin; beim Mannschaftssport genügen offenbar „die durch ständige Kollisionen ausgelösten subkonkussiven Schläge“ für Gehirnablagerungen der „lähmenden Substanz Tau“. Kann also der enge Zusammenhang zwischen Sport und Intelligenzmangel, den man als leidenschaftlicher Nichtsportler schon immer gern vermutet hat, nun als wissenschaftlich nachgewiesen gelten? Vermutlich nicht so ohne weiteres und nicht für alle Sportarten; trotzdem wird man die straffe Verzahnung von Sport und Ausbildung, wie sie an amerikanischen Universitäten mit ihren Football-, Basketball-, Baseballmannschaften betrieben wird, für eine nicht-nachahmenswerte Praxis halten; und man wird trotzdem die römische (und dann nationalsozialistische) Sentenz der „mens sana in …“ für eine nicht unbedingt zu sportlicher Betätigung zwingende Maxime halten, genauso wie man heutigen europäischen Studenten wünschen wird, daß sie sich „ständige Kollisionen“ und „subkonkussive Schläge“ nur ganz metaphorisch durch die harte gedankliche Auseinandersetzung mit komplizierten Texten, steilen Thesen und scharfer professoraler Kritik einfangen. „No sports“, in der Tat: aber nicht (nur) aus Trägheit, sondern weil „lähmende Substanzen“ im Gehirn sicher das sind, was wir über den nicht aufhaltbaren biologischen Verfall hinaus sicher am wenigsten brauchen. Oder besser: das, was wir uns im Bedarfsfall dann doch lieber selbstbestimmt und wohldosiert zuführen: mit Zigarren, Whisky und Zeitunglesen.

Die Zeitung von gestern (7)

Kompetitive (In-)Kompetenz (14.07.2017)
von Joachim Landkammer

Schade. Man wäre gern dabei gewesen, auf einer der ganz wenigen Tagungen, die schon im Titel den Begriff nennen, der uneingeschränkte Zustimmung verdient und zu dem beizutragen man sich sofort berufen (und … kompetent?) fühlt:  die erste „Inkompetenzkonferenz“, ausgerichtet von drei Fachbereichen der Goethe-Universität zu Frankfurt (Medizin, Rechtswissenschaft, Didaktik der Biowissenschaften) und unter interdisziplinärer Beteiligung prominenter (und … kompetenter?) Vertreter u.a. aus Philosophie (Konrad Paul Liessmann) und Soziologie (Stefan Kühl).

Die FAZ, auf die man sich aufgrund eigener Absenz wiedermal verlassen muß, hat sogar in zwei voneinander unabhängigen Texten davon berichtet; Hannah Bethke („Volontärin“) durfte am 11.7 in der Rhein-Main-Ausgabe einen vor allem um den Kampfbegriff „Neoliberalismus“ kreisenden Text schreiben, Thomas Thiel hingegen hat zwei Drittel des von ihm geleiteten Ressorts „Forschung und Lehre“ am 12.7. gefüllt. Erst weitere eigene kurze Nachforschungen ergeben allerdings (so viel zur journalistischen … Kompetenz), daß der Tagungstitel den Übertitel „Kompetent in Kompetenz?“ hatte und im Untertitel die Verneinungssilbe „In“ in der „Inkompetenz“ durchwegs in Klammer gesetzt war. Damit wollten die Veranstalter offenbar andeuten, daß hinter jeder gewünschten, geforderten, erwarteten Kompetenz der Inkompetenz-Verdacht lauert, vor allem wohl bei der im Tagungsübertitel genannten Kompetenz zweiter Ordnung: wenn sich nämlich die Frage stellt, wie kompetent diejenigen sind, die über Kompetenz reden (zu dürfen glauben).

Genau das aber ist wohl in Frankfurt ausgiebigst geschehen, und zwar in ausschließlich kritisch-ablehnender Haltung (daher beschreibt die weggelassene Klammer inhaltlich das Thema doch viel genauer). Die Insistenz der „Kompetenzorientierung“ in Lehre und Ausbildung, von der Grundschule bis in die Bologna-Universität, wurde offenbar von allen Vortragenden angeprangert als naives Zugeständnis an Ökonomisierung, Arbeitsmarkt-Anpassung, Meßbarkeitswahn, standardisierte Leistungs-Objektivierbarkeit und an eine sentimental-triviale, küchensozialpsychologische Empathie-Erwartung („Spiegelneuronen“). Damit verbunden sei, so der Tenor, der Ausverkauf von Fachwissen und herkömmlicher Bildung. Die in Frankfurt zusammengekommenen Wissenschaftler verstanden sich wohl als „kämpferische“ (Bethke) Widerstandsgruppe gegen eine Bildungspolitik, der man ein freiheitsfeindliches Erziehungsbild, eine tayloristisch gedachte Vorstellung von Didaktik und daher möglicherweise sogar Verfassungswidrigkeit vorwirft.

Man kann all dem in weiten Teilen nur zustimmen. Trotzdem hätte man sich zusätzlich überlegen können, ob man nicht vielleicht effizienter (und …kompetenter?) der Kompetenz-Inflation entgegentreten kann, indem man bei dem so gehypten Unterscheidungs-Paradigma bleibt und auf das in ihm liegende Freiheitspotential der „Inkompetenz“ verweist. Denn wenn so genau bestimmt werden kann, wer wo wofür welche Kompetenzen haben muß, dann kann man doch immer auch präzise angeben, welche Inkompetenzreste übrigbleiben, die mich im Einzelfall für „inkompetent“, und das heißt ja schlicht für „nicht zuständig“ erklären. Je detaillierter die Erwartungen, desto einfacher ist es, sie zu unterlaufen und sich gut begründbar zu verweigern. Wenn die unerschöpliche Pandora-Büchse der Kompetenzen erstmal geöffnet ist, lassen sich auch leicht die Spezial-Kompetenzen (er)finden, die mich zwar im organisatorisch-arbeitsrechtlich verlangten Sinn leider als „inkompetent“, dafür aber nach so ganz anderem, bewundernswerten Alternativ-Maßstab als geradezu überwältigend „kompetent“ erscheinen lassen müssen.

Nichts anderes hatte ja Odo Marquard im Sinn, als er 1973 berühmterweise das Anforderungsprofil des Philosophen durch die „Inkompetenzkompensationskompetenz“ definierte. Wer dank außer seiner Macht stehender Verschiebungen im Wissensmanagement der Gesellschaft seine Zuständigkeit für autoritative Erkenntnisse (eben seine „Kompetenz“) verloren hat, kann immer noch aus dieser Unzuständigkeit eine Tugend machen. Denn auch diese Unzuständigkeit, also das (Noch-)Nicht-Wissen, die Unsicherheit, das Dilettantische, das (aktuell) Illegitime will verwaltet, betreut, gepflegt werden; freilich nicht „irgendwie“, sondern eben: „kompetent“. Vielleicht sollte man also bei aller – völlig richtigen – Kompetenzbegriffskritik nicht die Kompetenz der Inkompetenz außer Acht lassen. Auch wenn die Gesellschaft dazu tendiert, es zu vergessen: ihre Zustände brauchen auch Unzuständige.

Die Zeitung von gestern (6)

„Die Schanze brennt? Das ist doch Käse! / Geht doch zündeln in Blankenese!“ oder: Das Rote Sancta-Flora-Prinzip
von Joachim Landkammer (12.7.2017)

Viel Kritik, Entrüstung und Verachtung (es droht sogar ein Strafverfahren) hat er schon einstecken müssen, der Anwalt und Sprecher der Roten Flora Andreas Beuth für sein sehr oft zitiertes, wohl etwas unvorsichtig einem Reporter in die Kamera geplappertes Nach-G-20-Statement: dafür, daß man das eigene Viertel, „wo wir wohnen und einkaufen“, verwüste, hätte er dann („bei aller Sympathie“ für den schwarzen Block) doch kein Verständnis; warum man sich nicht stattdessen an Hamburgs vornehme Stadtviertel wie „Blankenese oder Pöseldorf“ gehalten habe?

Dabei muß ja sofort auffallen, daß der aberwitzige Kommentar nur ein altbekanntes linkes Problem reaktualisiert. Beuths neues Rotes St.-Flora-Prinzip ist ja nicht nur eine linksideologisch politisierte Version des gutbürgerlichen St.Florians-Spruchs („Heiliger Sankt Florian / Verschon mein Haus, zünd andre an“ – die Amerikaner sprechen vom NIMB-Denken: „Not In My Back Yard“), sondern operiert ja auch mit jener Unschärfe, die revolutionäre Rhetorik seit den altehrwürdigen Vormärz-Tagen charakterisiert, in denen der Hessische Landbote die Losung „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ ausgegeben hatte.

Daß das bis heute noch nie so recht geklappt hat, weil am Ende dann doch immer ganz viele „Hütten“ und sehr wenige „Paläste“ gelitten hatten, hat offenbar nichts an der Attraktivität des Slogans geändert. Die Illusion, daß sich eine klare Grenze ziehen lasse (jene „rote Linie“, von der merkwürdigerweise immer dann die Rede ist, wenn sie gerade überschritten wurde) zwischen denen, die die Gewalt „verdienen“ und denen, in deren Namen sie ausgeübt wird und die daher von ihr verschont bleiben müssen, hat sich über Jahrhunderte linker Generationen erhalten, trotz massiver historischer Gegenbeweise.  In der Tat war diese Grenze im Eifer des revolutionären Gefechts auch nie wirklich sinnvoll einzuhalten: daß immer mehr Hütten brannten als Paläste, liegt nicht nur daran, daß es immer sehr viel mehr Hütten als Paläste gibt, sondern auch daran, daß man, gerade wegen dieser quantitativen Asymmetrie, immer gern ruhig ein paar kaputte Hütten in Kauf nehmen zu können glaubt, nur damit endlich auch einmal die Paläste mit draufgehen. Das sind dann eben die Späne, die fallen müssen, wenn der revolutionäre Hobel angesetzt wird, die Eier, die man für das Revolutionsomelett eben nun mal zerschlagen muß, die „Opfer“, ohne die „großes Handeln“ nun mal nicht geht (großes Denken übrigens auch nicht: „Wer groß denkt, muß groß irren“, tönt Heidegger, der es ja schließlich wissen muß).

Über die skrupellose Opfer-Logik hinaus darf man aber auch davon ausgehen, daß es leider ziemlich „gute“ Gründe dafür gibt, entgegen dem gut gemeinten, beschwichtigenden Slogan gegen die (eigenen) Hütten sogar als revolutionäres Primärziel vorzugehen. Denn der gefährlichste Feind der Revolution mußte ja schon seit langem viel eher auf jener Seite ausgemacht werden, die man eben nur im vorrevolutionären Dämmerzustand noch für die „eigene“ halten konnte. Jeder auch nur minimal-links sozialisierte Teenager kann heute jenen berüchtigten Reimvers (wenn wir nun schon mal bei solchen sind) ergänzen, der mit der rhetorischen Frage beginnt „Wer hat uns verraten?…“. Seit der Spaltung der Linken in „Halb-“ und „Wirklich“-Linke, seit dem Schisma zwischen Reform und Revolution, ist den radikalen Minderheitslinken klar, wo sie zuallererst ihre mehr oder weniger subtile Überzeugungsarbeit leisten müssen. Die ganze Naivität (oder muß man sagen: die „Autonomie“?) des Autonomensprechers enthüllt sich in der geschichtsblinden Ignoranz, die ihn an der Einsicht hindert, daß die Revolution natürlich nur im Schanzenviertel und eben nicht in Blankenese beginnen kann. Denn während ein brennender Luxuswagen in den wohlhabenden Vierteln nur ein Versicherungsfall und nach ein paar Tagen durch einen neuen, noch luxuriöseren ersetzt ist, führen Zerstörungen im Kleinbürger-Viertel genau zu jener Wahrnehmung sozialen Existenzverlusts, permanenter Bedrohung und auswegloser Hilflosigkeit, die – endlich, endlich – auch noch den optimistischsten Revisionisten in klassenbewußte Revolutionsbereitschaft versetzt, oder: versetzen soll. Denn das zumindest ist das geschichtsblinde Kalkül: daß die bedrohte Petite-Bourgeoise, wenn ihre „Hütte brennt“, stattdessen lieber das ultrarechte Löschkommando ruft und Schutz vor dem schwarzen im braunen Block sucht, könnte man ebenfalls schon lange wissen – und fürchten.

Umsonst ist die Anrufung von Sancta Flora wie die von Sankt Florian. Gewalt ist eben ein kaum lokal zu begrenzendes Phänomen: es nach „Blankenese“ auslagern zu wollen ist so naiv wie die Idee des cleveren Zauberlehrlings, der sich eben mal Wasser für die Badewanne holen lassen wollte. Gewalt ist der Bumerang, der immer wieder zurückkommt und auf die eigenen Füße fällt*; Gewalt ist ein Virus, eine unzähmbare Krake, ein (anti)-zivilisatorisches Urelement, mit dem auch nur zu kokettieren man sich vielleicht heute endlich versagen sollte.

* „that we but teach / Bloody instructions, which, being taught, return / To plague th‘ inventor“ (Macbeth 1.7)

Die Zeitung von gestern (5)

Nachgereichte Legitimation der Gleichzeitigkeit
Von Joachim Landkammer (11.07.2017)

„Nach Hamburg“: mit deutscher Gründlichkeit beginnen am day after unverzüglich die Aufräumarbeiten, auf den Straßen wie im Blätterwald. Die einen kehren beflissen mit Schäufelchen und Besen noch den kleinsten Krümel vom Pflaster des verwüsteten Schanzenviertels (und man wird den Verdacht nicht los, daß das eifrige freiwillige Helfervolk damit nachholend Sühne leistet für jenen versäumten Widerstand gegen die Chaoten, den es, gewaltfasziniert gaffend, am Tag davor hat fehlen lassen). Die anderen räumen auf andere Weise auf – und ab: für sie ist nun die Stunde der großen Bilanzierung, der Nutzen-Kosten-Abschätzung, der Gewinn-Verlust-Rechnung und der Suche nach dem möglichen Positiven gekommen, das sich dem vielfältig medial bebilderten Nicht-ganz-so-Positiven entgegenstellen ließe; Zeit also für Erklärungen und Deutungen, und damit auch für Rechtfertigung, Verklärung und Verharmlosung. Besonders auf der linken Seite des politischen Spektrums ist dieser schönredende Legitimationsdruck zu spüren, muß doch das Desaster der Hamburger Gewalteskalation recht eindeutig mit den erklärten Strategien und Haltungen heutiger linksextremer „Politik“ (wenn man das denn so nennen will) in Zusammenhang gesehen werden.

Die einfachere Variante, die der „öffentlichen Distanzierung“, empfiehlt sich, obwohl vielfach für sie optiert wird, aus mehreren Gründen eigentlich nicht (wie man in der „Roten Flora“ ja sofort erkannt hat). Denn damit würde man sich von einem möglichen Aktions- und Drohpotential, einem so verschwiegen-verdeckten wie effizienten Verbündeten lossagen, den man bei nächster Gelegenheit gut wieder auf der eigenen Seite gebrauchen kann – und den man vor allem partout nicht als Gegner haben will. Nichts fürchtet man nämlich auf der linken Seite mehr als einen Zweifrontenkrieg, in dem man zwischen „Rechts“ (also bürgerlicher Mitte) und „Ganz-Links“ zerrieben wird. Die Rede von den „Linksfaschisten“, die die peinliche allzu-linke Verwandtschaft geschickt in die rechte Ecke stellen will, würde ebenfalls zur sich daraus ergebenden Taktik der klaren Einheitsfrontlinie passen, ist aber ihrerseits natürlich problematisch, weil sie ja implizit das als alleinige Alternative übrig läßt, was die Linke ebenso, wenn nicht noch mehr perhorresziert: die nicht-extremistische Mitte. Man braucht also – und dafür nimmt man unbequeme Erklärungsnöte in Kauf – die linksautonome Szene, und sei es als Stachel im Fleisch der eigenen Trägheit, als Remedium gegen das eigene schlechte Gewissen aufgrund mangelnder „Radikalität“ und „Durchsetzungskraft“. Eine nicht ganz von der Hand zu weisende Vermutung wäre doch: jede(r), die/der da fröhlich singend im „bunten Block“ mitmarschiert und das lustige Anti-Trump-Plakat hochhält, schämt sich insgeheim über die doch, global gesehen, eher lächerliche Vergeblichkeit des eigenen Tuns und kann sich daher der altbekannten „klammheimlichen Freude“ nicht erwehren, wenn dann abends der schwarze Block wirklich „antikapitalistisch“ zur Sache geht, wenn von den Banken, die man abstrakt für alles Böse der Welt verantwortlich hält, endlich ganz konkret nur zertrümmerte Fensterscheiben und zerstörte Geldautomaten übrigbleiben. Die schwarzen Alliiertentruppen steuern zum „Protest“ gern den Hardcore-Aktivismus bei, zu dem den braven Bunten der Mut fehlt (er reicht bei ihnen nur zu markigen Sprüchen: „Welcome to Hell“); zum Dank dafür dürfen die Chaoten gleich nach ihren Ausschreitungen wieder schöne bunte Mäntelchen über die schwarze Kluft werfen und in der Protest-Light-Menge ihrer halbherzigen Gesinnungsbrüder und -schwestern untertauchen.

Wie? Eine bösartige Unterstellung? Eine perfide Denunziation der ganzen „friedlichen“ Protestkultur? Vielleicht, aber warum fällt dann den Linken die Distanzierung so schwer? Und zwar nicht nur die verbale, die offizielle, post festum propagierte: vereinzelt hatten die Medien am frühen Samstagabend noch gemeldet, daß Umstehende versucht hätten, Tätlichkeiten schwarz Vermummter zu verhindern oder zumindest offen zu kritisieren. Damit war dann aber wohl bald Schluß und man beschränkte sich aufs Zuschauen und Handyzücken (womit sich das Phänomen bestätigt, daß Gewaltausübung immer die Resultante von Aktion der einen und Nicht-Aktion der anderen, der tatenlos-komplizenhaften bystander, ist: damals in Hoyerswerda wie jetzt im Schanzenviertel).

Martin Kaul bietet daher, wenig überraschend, in der taz von gestern (9.7.) statt einer klaren Distanznahme einen „Deutungsvorschlag“ an. „Man kann die Ausschreitungen von Hamburg verurteilen – natürlich“, heißt es da von oben herab. Aber das billige Verurteilen überläßt man lieber dem kleinlichen Spießer, man selbst zielt auf Höheres: „Man sollte sie aber auch verstehen“. Daß, wer sie „verstanden“ hat, sie auch nicht mehr „verurteilen“ kann (man spielt wieder einmal mit der Verwechselbarkeit von comprendre und pardonner), wird in Kauf genommen, es gilt ja offenbar auch als Distinktionsmerkmal.  Worin besteht nun aber Kauls Deutungsvorschlag? Statt einer theoretischen Argumentation werden hier „Augen öffnende“ Momente, Bilder, Evidenzerfahrungen geboten. Durch die Gleichzeitigkeit der Fernsehbilder aus der Elbphilharmonie und der marodierenden Gipfelgegner, der TV-Screenshots, die schon in den sozialen Medien viele fasziniert haben, soll genau jenes „Bild einer Gegensätzlichkeit“ produziert worden sein, „auf das die militante Szene Europas seit Monaten hingearbeitet hat“. Das wird von Kaul als „Erfolg“ gefeiert, als „Erfolg, die Wahrnehmung zu erzeugen, daß die Welt aus den Fugen ist“.

Zunächst muß ja verwundern, daß man sich bzw. der „militanten Szene“ als „Erfolg“ zuschreibt, was ja nicht mehr ist als ein relativ banaler regietechnischer Einfall der bürgerlichen Kommunikationsmedien: das Nebeneinanderstellen von Bildern, die nichts gemeinsam haben als die (im übrigen ja nur behauptete, kaum nachprüfbare) Synchronizität. Aber anstatt daraus nun den triftigen Schluß zu ziehen, der zum kleinen Einmal-Eins der Medienkompetenz gehört – daß Realität eben komplex, vielschichtig und uneindeutig ist, und daher aus verschiedenen möglichen, manchmal eben auch gleichzeitigen Perspektiven beobachtet werden muß – wird aus diesen Parallelbildern eine in sich völlig eindeutige unmittelbare „Gegensätzlichkeit“ konstruiert, ein glasklarer „Antagonismus“,  aus dem sich u.a. der binäre „Kontrast zwischen Arm und Reich“ ebenso ergeben soll wie auch der Widerspruch zwischen Beethoven/Schillers  Verbrüderungshymne (die Angela Merkel ihren Gästen als „Erziehungsmaßnahme“ verordnet haben soll) und dem „Sound“ jenes radikal-antikapitalistischen Pamphlets vom „kommenden Aufstand“, auf den nach Kaul die Verwüstung in den Straßen bezogen werden muß. Daß solch verschwurbelte Dialektik, die aus reiner, man würde ja sagen: zunächst vollkommen kontingenter, Gleichzeitigkeit schon ein Argument machen zu können glaubt, einer ziemlich durchschaubar sensationalistischen massenmedialen Bilderlogik unkritisch aufsitzt, ist nur das eine Problem. Das andere ist das Armutszeugnis einer linken Theorie, die sich nicht nur selbst durch solche dem leichtgläubigen TV-Konsum abgewonnene Erleuchtungs-„Momente“ legitimiert fühlt, sondern mit diesen merkwürdigen Erkenntnis-Epiphanien auch gewaltbetrunkenen Marodeuren einen politischen Persilschein ausstellt. Denn die nicht ausgesprochene, aber vermutbar intendierte Aussage soll ja offenbar sein: wenn die einen sich so weltfremd-zweckfrei verhalten dürfen, im Konzertsaal biederste Klassik zu hören, werden doch wohl die andern sich gleichzeitig vergleichbar weltfremd-zweckfrei verhalten dürfen, indem sie sinnlose Gewalt gegen Personen und Sachen zu verüben…

„Post hoc ergo propter hoc“ lautet ein beliebter Fehlschluß, den man im Logik-Proseminar vermeiden lernt: was später als etwas anderes geschieht, ist deswegen noch lange nicht vom Vorausgehenden verursacht. Das Logik-Versagen des linken Gewalt-Legitimations-„Deutungsvorschlags“ rechnet mit einem anderen Temporalitätsverhältnis, das aber genauso falsche Schlußfolgerungen liefert: warum sollte ein Geschehen etwas mit einem anderen zu tun haben, nur weil es gleichzeitig passiert? Daraus, daß die einen eine Beethoven-Symphonie hören, während die anderen Steine auf Polizisten werfen, ergibt sich genau besehen ungefähr soviel sachlich verwertbare Brisanz wie aus der Erkenntnis, daß es in der Parterre-Wohnung Wurstbrot, im 1. Stock hingegen gerade Käsebrot zum Abendessen gibt. Freilich ist die verführerische Scheinplausibilität der Ereignis-Simultaneität ein allseits beliebtes rhetorisches Mittel. Wer etwa sehen will, wie virtuos man dieses jetzt auch von der taz beschworene Pathos der Gleichzeitigkeit ideologisch mißbrauchen kann, darf sich mal – wenn man es denn durchhält – die Rede anhören, die der ultrarechte Vordenker Götz Kubitschek beim „Festkommers der Deutschen Burschenschaft 2015 in Eisenach gehalten hat; auch dort werden beliebig herausgegriffene Realitätsfragmente, die angeblich alle „jetzt in dieser Stunde, in der wir hier zusammen sitzen“ passieren, so miteinander verknüpft und mit übergreifendem Sinn überladen, daß sich aus dieser puren Gegenwarts-Transzendenz eine eindeutige politische Botschaft ergibt. Und sei es nur die des an- und Taten ein-klagenden Appells, in den heute ja Rechte wie Linke gern unisono einstimmen: daß „die Welt aus den Fugen“ sei – was ja angesichts der angeblich so wunderbar stimmig zueinanderpassenden Splitscreen-Bilder wiederum eine unstimmige Diagnose scheint…

Niemand wird die Trivialität abstreiten, daß diese Welt voller Widersprüche, Unstimmigkeiten, Ungerechtigkeiten ist. Aber daß sich Lösungen oder, wie die post-hanseatische Linke á la taz meint proklamieren zu müssen, sogar politische „Erfolge“ derer, die sie beseitigen wollen, schon dann abzeichnen, wenn Ereignisse über den Bildschirm flimmern, deren Synchronizität suggeriert, daß sie sich „irgendwie“ gegenseitig erklären und rechtfertigen, bedeutet dann doch, die Leistungsfähigkeit (auch linker) politischer Theorie weit unter ihrem Niveau zu verkaufen. Vom moralischen Ausverkauf durch die nicht abgeleugnete Komplizenschaft mit aus dem Ruder laufenden Gewalttätern ganz zu schweigen.

Die Zeitung von gestern (4)

Denker unter der Kuppel: furchtlos (6.7.2017)
von Joachim Landkammer

Nachdem bereits im Mai in der FAZ eine Reportage aus London, Amsterdam und Trier zum „Marx-Business“, also zur erinnerungsindustriellen Vermarktung seines Werks und Andenkens erschienen war, legt nun am 5.7. einer der schon vor zwei Monaten beteiligten vier FAZ-Autoren, Stephan Finsterbusch, auf einer ganzen Seite der Beilage „Die 100 Größten“ nach. Er berichtet in kurzen aneinandergereihten Schlaglichtern über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der „Bibel der Arbeiterklasse“, von der vor 150 Jahren nach mehr als 10-jähriger Arbeit der erste Band unter dem Titel „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie“ erstmalig aufgelegt wurde. Über dem Artikel prangt in voller Zeitungsseitenbreite ein heutiges Photo des mythischen Entstehungsorts: die große Kuppel des Lesesaals in Londons British Museum. Im Einklang mit dem Artikel-Titel „Kathedrale des Kapitals“ wird damit ein quasi-religiöser Entstehungskontext evoziert; Mönch Karl erschafft in langen einsamen Bibliotheksstunden, -tagen, -nächten und -jahren ein Jahrhunderwerk, unter dem Schutz der Göttin Wissenschaft und zu höherem Ruhm einer menschheitserlösenden Theorie-Einsicht. In der Tat ensteht Marx´ opus magnum, wie nach alter Kirchenväter-Sitte, aus einer Form höherer Glossierung der bekannten kanonisch-klassischen Werke (Smith, Mill, Ricardo). Weit weg von modernen „research design“-Forderungen nach „Feldforschung“, „teilnehmender Beobachtung“ und „empirischen Datenerhebungen“ findet Marx offenbar fast alles, was er für seine „Enthüllung des ökonomischen Bewegungsgesetzes der modernen Gesellschaft“ braucht, in verschrifteter Form unter der weitgespannten Kathedralenkuppel, wo das damalige Weltwissen – auch in tagesaktueller Form – zusammenlief.

Und wo es, das ist nicht zu vergessen, dem stets geldklammen Exilanten kostenlos zur Verfügung stand. Was dort (noch) nicht zu haben war, mußte, wenn es wichtig war, durch ad-hoc-Sponsoring eben angeschafft werden. So hat Marx 1858 durch eine Rezension im „Economist“ von James Maclarens Abhandlung „A sketch of the history of the currency“ (Groombridge 1858) erfahren, die er für „first rate“ hält (und in den sog. Ökonomischen Manuskripten zitiert). Aber, wie er am 31.5.1858 an Engels schreibt: „Das Buch ist noch nicht in der Bibliothek, wie überhaupt die Sachen dort erst Monate nach ihrem Erscheinen auftreten“. Der Text ist aber für Marx unverzichtbar: „Ich muß es natürlich lesen vor meiner Darstellung“. Denn, mit einer bis heute durchaus üblichen, zwischen Arroganz und Vorsicht schwankenden Gelehrteneinstellung:

„Es ist wahrscheinlich, daß für mich nichts Neues in dem Buch steht, allein nach dem Wesen, was der Economist damit macht, und nach den Auszügen, die ich selbst gelesen, erlaubt mein theoretisches Gewissen nicht, voranzugehen, ohne es zu kennen“.

Und deswegen muß der Mäzen „Dear Frederick“ nun um den Betrag per „Post Office Ordre“ angehauen werden, den das Buch kostet, nämlich für Marx und seine von ihm so benannte „Kriegskasse“ unerreichbare „9 sh. 6 d.“.  Laut den Berechnungen, die man heute etwa auf MeasuringWorth.com durchführen lassen kann, entspricht das einem heutigen Warenwert von ca. 50 € (daß diese Angabe relativiert wird durch zahlreiche andere mögliche Bewertungskriterien – Ertragswert, Projektwert und nicht zuletzt „labour value“ – die die gleiche Summe dann einem bis zu 30 mal höheren Wert entsprechen lassen, hätte Marx vermutlich genauso verwirrt wie uns heute). Aber daß nichts ungelesen bleiben darf, was zum Thema gehört, das man selbst beackert, gehört bis heute zum „theoretischen Gewissen“ (und manche sagen: auch zur Prokrastinationstaktik) all derer, die unter der großen Glaskuppel der Wissenschaft arbeiten.

Was heute frappiert, ist neben Marx‘ aufwendiger Forschungsmethode die sehr widersprüchlich erscheinende Art, wie heute mit dem Resultat dieses so langwierig-bedächtig er-schriebenen Lebenswerks umgegangen wird. Da arbeiten zum Einen weltweit Forscher und Editoren daran, jedes Wort, jeden Buchstaben, den Marx irgendwohin gekritzelt hat, peinlich genau zu dokumentieren und zu kommentieren;  die marxsche Scholastik des Texte-Ab- und Weiterschreibens geht also munter weiter und ernährt auch heute noch ganze Wissenschaftler-Cluster. Zum Anderen ist man aber mit dem gewaltigen Werk-Ungetüm auch ganz schnell fertig: der Artikel zitiert kurz einschlägige Aussagen des Talkshow-erprobten Starökonomen Hans-Werner Sinn (die Arbeitswerttheorie sei „eine der größten wissenschaftlichen Fehlleistungen“ und „schlichtweg falsch“ – dabei stammt sie gar nicht von Marx selbst) sowie aus einem von der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichten Text der taz-Journalistin und Buch-Autorin Ulrike Herrmann („Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“ lautet die Einsicht eines kürzlich erschienenen Buchs von ihr): im hier zitierten, durchaus reflektierten und informierten Essay listet sie drei Marxsche „Irrtümer“ römisch 1 bis 3 auf und klopft Marx dann begütigend-bilanzierend auf die Schulter: „Auch ein Genie darf irren“.

Dafür sitzt man also über 10 Jahre lang in klösterlicher Einzelhaft in der Bibliothek, liest und exzerpiert Tausende von Büchern und beschreibt Abertausende von Seiten – um 150 Jahre später mit wenigen Federstrichen von mit der Gnade sehr später Geburt gesegneten Epigonen rasch abgefertigt zu werden: Irrtümer, Fehlleistungen, falsche Prognosen. Selbst der bekannte Spruch, den man gern wohlwollend zitiert, um ihn in Schutz zu nehmen und den auch Finsterbusch sich als Schlußpointe nicht sparen kann („Alles, was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin“), ist ja eigentlich eine nur halbherzig verdeckte Denunziation seines Denkens: denn so wird er als harmloses und irrbares Privat-Individuum vor jeder Verwechslung mit all jenen Vertretern und Verfechtern seiner Theorie bewahrt, die sie (auch politisch) ernst nehmen und damit ihre objektive Richtigkeit erweisen könnten.

Neben der nüchternen „Abrechnung“ mit dem groben Oberlehrer-Rotstift, der trennscharf Richtiges und Falsches sortiert, darf man sich aber vielleicht auch eine anders orientierte Beschäftigung mit dieser intellektuellen Gelehrten-Lebens-Leistung denken und wünschen: eine, die darauf hinausläuft, „nur“ lesen und wiederlesen, verstehen und besserverstehen zu wollen. Als die „Zwerge auf den Schultern von Riesen“, die wir ja alle nach einer ebenfalls schon im Mittelalter geläufigen Formel sind, dürfte eigentlich kaum jemand sich berufen fühlen, mit leichtfertigen „Thumbs up“ bzw. „Thumps down“ über Aktualität und Überholtheit eines vielschichtig-komplex gewobenen Texts zu urteilen. Die Vermutung besteht, daß das, was in 10 Jahre langer Arbeit unter einer mächtigen Bibliotheks-Kuppel entstanden und gereift ist, auch 150 Jahre später mehr verdient hat als die publizistisch so wirksame Primitiv-Binärlogik „stimmt“/“stimmt nicht“. Die Kathedralenkuppel des lesend-schreibenden Denkens bildet einen virtuell in sich geschlossenen intellektuellen Resonanzraum eigener Art, einen Bannkreis der Theorie, der so schnell nicht zu kompromittieren ist. Wer sich mit und nach Marx in solche Kuppelräume begibt, wird auch 150 Jahre später sich mit der simplen Feststellung von „Irrtümern“ kaum zufrieden geben.

Die Zeitung von gestern (3)

Nicht(s)tun, trotzdem (4.7.2017)
von Joachim Landkammer

Herfried Münkler spielt in seinem gestrigen Beitrag zur FAZ-Reihe “Weimarer Verhältnisse?” auf ein Bonmot des französischen Diplomaten Talleyrand (1754-1838) an, das immer wieder gern zitiert wird, wenn es um die Frage der Legitimität von Eingriffen in die sog. „inneren Angelegenheiten“ eines Landes durch militärische Operationen eines anderen Landes geht. Wer hier, eben etwa mit der Begründung der „Innerlichkeit“ dieser Angelegenheit, von einer Doktrin der Nicht-Intervention rede, muß sich von Talleyrand dann so belehren lasse wie jene vorlaute Dame, die ihn einst nach einer Definition dieses Begriffs gefragt habe: ,,Madame, non-intervention est un mot diplomatique et énigmatique, qui signifie à peu prés la méme chose qu’intervention.“

Man kann beiseite lassen, daß der Satz offenbar auf problematische Weise überliefert ist: manche Quellen lassen die Szene in England spielen und den Fragesteller den Dandy-Freund Lord Alvanley sein; in der englischen Version wird das verneinte Substantiv dann auch vom französischen Botschafter, statt „diplomatisch und enigmatisch“, sogar „metaphysisch und politisch“ genannt – was in der Sache nicht viel ändern dürfte. Auch ob man diesen Satz nicht mit dem Wissen um die allgemeine Haltung einer Politikerpersönlichkeit lesen muß, die als geradezu exemplarisch wendehalsig und opportunistisch eingeschätzt worden ist, kann man dahingestellt sein lassen, genauso wie man den (gleichwohl hoch interessanten) Zusammenhang von physischer Behinderung und politischem Ehrgeiz (Talleyrand hatte einen sog. „Klumpfuß“), also das Shakespearsche „Richard III“-Problem, außer Acht lassen darf.

Interessieren soll zunächst nur die Tendenz der mit der Formulierung vermittelten Behauptung, daß es keine Alternative zum „Intervenieren“ gibt. Die zugrundeliegende Vermutung klingt hoch plausibel, weit über jede außenpolitische Strategie hinaus: auch wer nichts tut, tut immer etwas. Man kann nicht nicht intervenieren. Jedes Unterlassen ist immer auch eine Form des Handelns. Wer also wirklich verschiedene, also unterscheidbare Handlungs-Optionen gegeneinander abwägen will, kann das immer nur durch das Nebeneinanderstellen verschiedener konkreter Aktionen tun, während es eine verfälschte Sicht- und Denkweise wäre, man könne (und vielleicht: müsse) sich erst einmal prinzipiell und formal zwischen Handeln und Nicht-Handeln entscheiden.

Aber so ganz kann das ja nicht stimmen. Es leuchtet unmittelbar ein, daß es Situationen gibt, in denen ein mit einem Verdacht oder einer Beschuldigung konfrontiertes Individuum zu Recht sagen kann, es habe „nichts getan“. Das ist natürlich sofort entlarvbar als ein unpräziser Ausdruck für die Aussage, man habe etwas Bestimmtes (nämlich das Vorgeworfene) nicht getan; gleichwohl wäre meine These, daß das „falsche“ nichts hier ja implizit meint: man hat nichts von Belang getan, nichts, was etwas zur Sache tut, nichts, was euch, die ihr mich jetzt hier befragt und anklagt, interessieren darf. „Nichts tun“ könnte nämlich – statt der banalen Unmöglichkeit, „wirklich gar nichts“ zu tun – vielmehr heißen, das nicht zu tun, was gerade gefordert bzw. erwartet wird UND stattdessen etwas Beliebiges anderes zu tun, etwas, das eben durch sein Anderssein, durch seine Unangemessenheit und Unerwartetheit das Erwartete negiert, verleugnet, nichtig sein läßt. „Nichts tun“ wäre dann ein durch die Verweigerung einer aus einem gegebenen Möglichkeitsspektrum wählbaren Handlungsoption alternatives und anderes Tun, dem man wegen dieser faktischen Oppositions- und Verweigerungshaltung die höhere Richtigkeit und Würde zugestehen darf, sich „Nichts“-Tun nennen zu dürfen.

Daß diese „Würde“ zweischneidig ist, spricht nicht gegen sie: wer sich vom Chef den Vorwurf anhören muß, er habe die ganze Zeit im Büro „nichts getan“, ist meist nicht gut beraten, wenn er mühsam aufzählt, was er alles „stattdessen“ getan habe – genauso wie es kaum sehr würdevoll zu nennen ist, wenn man sich gegen einen polizeilichen Verdacht eben nicht mit der stolzen Formel wehrt, man habe „nichts“ getan, sondern mit einer kleinlichen Alibi-Handlungserzählung herausredet. Überdeutlich wird die Relevanz einer beharrlichen „Nichts-Tun“-Formulierung bei allen Zumutungen des Mitmachens bei Kollektiv(un)taten unter totalitären Regimen: wenn hier die Talleyrandsche Formel gälte, daß auch das Nicht-Mittun immer ein Mittun ist, wäre so etwas wie Widerstand, Nonkonformismus, Individualmoral auch schon sprachlich unvorstellbar. Hier würde die opportunistische Nichtunterscheidung zwischen „Intervention“ und „Nicht-Intervention“ nur dazu mißbraucht werden, jedes Mitläufertum opportunistisch zu legitimieren. Die faschistische und realsozialistische Verfolgungswut gegen alle „Nichtstuer“, also gegen alle „Arbeitsscheuen“, „Drückeberger“, „Müßiggänger“ und „Faulenzer“ zeigt das Widerstandspotential all derer, die zwar nicht wörtlich, aber in deutlich anti-staatlich-ideologischem Sinn eben „nichts“ tun.

Damit deutet sich an, daß Talleyrand mit seiner Maxime (und wer sie zustimmend zitiert) offenbar außenpolitische Handlungsalternativen in einer vergleichbaren Zwangslogik präsentieren will: man ist in einem Spiel gefangen, in dem man immer nur mitspielen kann. Jeder Zug gilt als ein Zug innerhalb des Spiels. Vielleicht gibt es aber gerade heute (wieder) gute Gründe, auch der Spielverderber-Position einen Ausweg, eine Exit-Option offenzuhalten. Sie wäre vermutlich nur zu beschreiben – und meinetwegen: nur „metaphysisch und politisch“ – als ein Nicht-Mittun durch „Nichts-Tun“.

Die Zeitung von gestern (2)

Ring und Rad, Ringlein und Rädchen (2.7.2017)
von Joachim Landkammer

Es ist sicher keine geplante Ironie, daß die FAZ am Tag der euphorischen Verkündigung der „Ehe für alle“ auf ihrer ersten Seite mit ihrer letzten lesenswerten Seite (S. 18, „Literarisches Leben“) der nüchternen Politikprosa implizit einen emotionalen Lyrik-Kommentar entgegenstellt: Norbert Hummelt bespricht in der „Frankfurter Anthologie“ Joseph von Eichendorffs Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“. Wahrscheinlich darf man auch nur mit dem Freibrief des lyrischen Sentimentalismus daran erinnern, daß die vielen „Ringlein“, die nun – um im romantischen Diminuitiv-Euphemismus zu bleiben –  zwischen „Männlein und Weiblein“ getauscht werden sollen, keine Garantie auf Beständigkeit haben müssen – auch wenn sie nun per Gesetz eine staatliche Garantie und eine ordnungsgemäße bürokratisch-legalisierte Genehmigung vorweisen können.

Aber Eichendorff wäre nicht der hochreflektierte Romantiker, der er ist, wenn sein Gedicht nur ein konventionelles Klagelied über Flüchtigkeit und begrenzte Haltbarkeit von „Liebe“ wäre. Er stellt in der Tat – und das kommt in Hummelts Kommentar zu kurz – neben das eine Kreissymbol des Rings noch ein anderes, und zwar auf eigentlich viel prominentere Weise: während vom besagten Ring nur in der zweiten Strophe und im Titel die Rede ist, beginnt und endet das Gedicht mit dem „Mühlenrad“, das „geht“. Dieses in sich kehrende, in sich geschlossene Ewigkeitssymbol „bricht“ offenbar nicht:  es kann nicht in Verbindung gebracht werden mit dem als persönliche Schuldzuschreibung vorwerfbaren Versagen einer angeblich „treulosen“ Geliebten. Sondern Mühlräder „gehen“ immer, überall, unaufhörlich – und deswegen „hört“ man sie auch immer und überall (wie es in der letzten Strophe heißt). Mühlräder stehen für – eigentlich: sie gehen für – all das nicht und nie Aufhaltbare, das jeden Einzelnen übersteigende „große Ganze“, die Maschine der Welt: nenne man es nun Gesellschaft, Bürokratie, Gesetz oder Produktion. Also eben jene Maschine „für alle“, in die jetzt auch, dem Bundestag sei Dank, die „Ehe für alle“ feinsäuberlich eingegliedert ist; jenes nimmer stillstehende „eherne Gehäuse“ der Produktion, dem jetzt auch die Lebensgemeinschaften angehören dürfen, die einmal als Gegner und Gegenmodell von biologisch-geschlechtlicher Produktivität angetreten waren (der unter dem Pseudonym „Johannes Gabriel“ schreibende Autor des mittlerweile stark kritisierten „Fremde Federn“-Appells in der FAZ vom 30.6. hat immerhin versucht, auch daran noch einmal zu erinnern).

Man ist versucht, zu denken, daß Eichendorffs mehr als 200 Jahre altes Gedicht versucht, von einer tieferen Einsicht poetisch Laut zu geben: wer sich von einem „zerbrochenen Ringlein“ irritieren läßt und es mit so zweifelhaften Trauerbewältigungs-Ergotherapien wie Kunst (3. Strophe) oder Krieg (4. Strophe) versucht, wird immer und überall wieder nur auf Ringe, Kreise, Räder stoßen, die gerade durch ihrer dröhnend-monotone Unzerbrechbarkeit und Unaufhaltbarkeit das verzweifelt-gesuchte Beständigkeitsideal desavouieren. Wenn das die Alternativen sind, dann muß das lyrische Ich ganz zu Recht zugeben: „Ich weiß nicht, was ich will“ (5. und letzte Strophe).

Ob die Verfechter der „Ehe für alle“ wissen, was sie woll(t)en? Wollen sie nicht vielleicht Rädchen sein, ewig klappernde Mühlräder in der Paragrahen-Welt des BGB, nur damit die auch künftig unweigerlich zerbrechenden „Ringlein“ vor ihrem Bruch eine amtliche Segnung und damit vielleicht eine höhere Haltbarkeitsgarantie erfahren?

Die letzte Gedichtzeile evoziert eine plötzliche radikal andere Umkippsituation, die der Lyriker sich nur im eigenen Jenseits vorstellen kann:

Ich möcht‘ am liebsten sterben,
da wär´s auf einmal still!

Aber vielleicht gibt es ja auch noch Orte für eine Stille vor dem Tod: wo mit allen hämmernden Rädern auch die Zeit stillsteht, wo daher auch keine Treue und keine Versprechen und keine Ringe und keine Ehe für niemand notwendig, sondern alles nur möglich ist: vielleicht sogar – Liebe.