Spiritusblog

»… daß euer Geist nicht mit euerer Lage verarme« (Jean Paul)

Die Zeitung von gestern (3)

Nicht(s)tun, trotzdem (4.7.2017) von Joachim Landkammer Herfried Münkler spielt in seinem gestrigen Beitrag zur FAZ-Reihe “Weimarer Verhältnisse?” auf ein Bonmot des französischen Diplomaten Talleyrand (1754-1838) an, das immer wieder gern zitiert wird, wenn es um die Frage der Legitimität von Eingriffen in die sog. „inneren Angelegenheiten“ eines Landes durch militärische Operationen eines anderen Landes geht. Wer hier, eben etwa mit der Begründung der „Innerlichkeit“ dieser Angelegenheit, von einer Doktrin der […]

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Die Zeitung von gestern (2)

Ring und Rad, Ringlein und Rädchen (2.7.2017) von Joachim Landkammer Es ist sicher keine geplante Ironie, daß die FAZ am Tag der euphorischen Verkündigung der „Ehe für alle“ auf ihrer ersten Seite mit ihrer letzten lesenswerten Seite (S. 18, „Literarisches Leben“) der nüchternen Politikprosa implizit einen emotionalen Lyrik-Kommentar entgegenstellt: Norbert Hummelt bespricht in der „Frankfurter Anthologie“ Joseph von Eichendorffs Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“. Wahrscheinlich darf man auch nur mit dem […]

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Die Zeitung von gestern

Die kurzen Glossen und Kommentare greifen Text-Anregungen auf, die in mehrfachem Sinn „von gestern“ sein können. Anlaß der Beiträge ist hingegen die Vermutung, daß die angerissenen Fragen und dargestellten Probleme in keinem Sinn wirklich „von gestern“ sind. 30.06.2017 Doppelstandards bei Spaß und Ernst von Joachim Landkammer Man kommt praktisch gar nicht umhin, zwei verschiedene Feuilleton-Beiträge der gestrigen FAZ (29.6.2017) gegen- oder wenigstens nebeneinander zu halten. Patrick Bahners kritisiert das Vorgehen […]

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Nein, Herr Feldwebel Montaigne! Gegen einen bestimmten philosophisch-soldatesken Ton im Umgang mit dem Tod

Die gestrige Sitzung des Spiritus-Kreises zu Montaignes Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“ (I.20) hat zu einer teilweise hitzigen Debatte geführt, in der ich eigentlich Folgendes sagen wollte: Montaigne hat Recht. Man kann versuchen, das Verhältnis von Leben und Tod so zu denken, wie er es vorführt, man kann versuchen, so mit der Todesangst umzugehen und sie so zu beruhigen, zu besänftigen, zu „therapieren“. Das hat seine lebenspraktischen „Vorteile“, auf die […]

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Umzug des Blogs

Den aktuellen Mitgliedern des Spirituskreises wird es wohl bereits bekannt sein, alle anderen seien hiermit auf den Umzug des offiziellen Weblogs des Spirituskreises von texlabyrinthe.de nach http://spiritusblog.com hingewiesen. Der Anfangspost auf dieser Seite machte es bereits deutlich: das Labyrinth kennt viele Ein- und Ausgänge, und noch mehr Querverbindungen. Die Vernetzung der Texte online legt echte Ausgänge, wie jedes gute Labyrinth, nicht wirklich nahe. In diesem Sinne endet hier auch nichts, sondern geht einfach dort […]

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Wie gut darf/muß ein Liebesgedicht sein? Oder: In Defense of Orlando Nachtrag zur Diskussion im Shakespeare-Seminar

In Shakespeares „Wie es euch gefällt“ (3. Akt, 2. Szene) schreibt Orlando Liebes-Gedichte und hängt sie an Bäumen im Wald von Arden auf. Sie werden gefunden und (dem Publikum) vorgelesen, vom Narr Touchstone für gut parodierbar und daher schlecht befunden und auch von der im Gedicht Angeredeten offenbar nicht wirklich einer Verteidigung für würdig gehalten; Rosalind wehrt nur den Narr ab („Out, fool“!), der sich über sie lustig macht. Aber […]

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Die Über-zeugten über-stimmen: Schuld und Chance der Nicht-Wähler

Von Joachim Landkammer „Wenn das Europa ist“, sagen die Anti-Europäer und deuten mit dem Finger auf bestimmte Brüssler Fragwürdigkeiten, „dann wollen wir keine Europäer mehr sein“. Well, gegen ausgestreckte Finger läßt sich schlecht argumentieren. Man könnte stattdessen aber selber den Finger ausstrecken. „Wenn das Demokratie ist“, sagen wir also und deuten auf bestimmte Folgen englischer Volks-Referenden sowie auf bestimmte Parteien in bestimmten bundesdeutschen Landtagen, „dann wollen wir keine Demokraten mehr […]

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Der Mythos von Schuld und Selbstverursachung

von Joachim Landkammer Der Amoklauf von München läßt über die psychologischen Hintergründe solcher Taten spekulieren – auch wenn die sich zu Wort meldenden „Experten“ natürlich beanspruchen, jetzt nach dem Bekanntwerden einiger biographischer Kenntnisse zum Täter mehr als nur Spekulationen (von denen es ja vorher voreilig viele gegeben hatte) zu bieten zu haben. Mit „Depressionen“, an denen laut Peter Langman (dessen Buch Amok im Kopf beim 18-jährigen Täter gefunden wurde) 9 […]

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Carl Schmitt I: Das Freund-Feind-Kriterium, die Ehre und die „Erde“

Zur Plausibilisierung der umstrittenden Reduktion „des Politischen“ auf die bekannte „Begriffsbestimmung im Sinne eines Kriteriums, nicht als erschöpfende Definition oder Inhaltsangabe“ (CS, BdP, 26), also auf die „Unterscheidung von Freund und Feind“ wurden zwei Texte herangezogen, die sich, so die Vermutung, zu dieser Unterscheidung sinnvoll in Beziehung setzen lassen. Hannah Arendt rechtfertigt am Schluß ihres Berichts Eichmann in Jerusalem die für den Angeklagten verhängte Todesstrafe (Martin Buber hatte für die […]

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Theorie(-) und Ideologiekritik

I Der Begriff der „Weltanschauung“ oder Welt-Theorie (theoria = Anschauung) ist ein in sich widersprüchlicher Begriff. Aus der ungünstigen Kombination mit einem Weltbegriffs, d.h. eines differenzlosen Allbegriffs, neigen derartige ‚Theorien‘ dazu, ihre eigene Kontingenz und Positionalität mit einer zur Alternativlosigkeit stilisierten Differenzlosigkeit der Welt selbst zu verwechseln oder ganz zu vergessen. Mir scheint jedoch, das Problem liegt tiefer (oder flacher, kommt darauf an). Noch vor der Differenzlosigkeit ist es eine […]

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