Die Zeitung von gestern (6)

„Die Schanze brennt? Das ist doch Käse! / Geht doch zündeln in Blankenese!“ oder: Das Rote Sancta-Flora-Prinzip von Joachim Landkammer (12.7.2017) Viel Kritik, Entrüstung und Verachtung (es droht sogar ein Strafverfahren) hat er schon einstecken müssen, der Anwalt und Sprecher der Roten Flora Andreas Beuth für sein sehr oft zitiertes, wohl etwas unvorsichtig einem Reporter in die Kamera geplappertes Nach-G-20-Statement: dafür, daß man das eigene Viertel, „wo wir wohnen und einkaufen“, verwüste, hätte er dann… Weiterlesen

Die Zeitung von gestern (5)

Nachgereichte Legitimation der Gleichzeitigkeit Von Joachim Landkammer (11.07.2017) „Nach Hamburg“: mit deutscher Gründlichkeit beginnen am day after unverzüglich die Aufräumarbeiten, auf den Straßen wie im Blätterwald. Die einen kehren beflissen mit Schäufelchen und Besen noch den kleinsten Krümel vom Pflaster des verwüsteten Schanzenviertels (und man wird den Verdacht nicht los, daß das eifrige freiwillige Helfervolk damit nachholend Sühne leistet für jenen versäumten Widerstand gegen die Chaoten, den es, gewaltfasziniert gaffend, am Tag davor hat fehlen… Weiterlesen

Die Zeitung von gestern (4)

Denker unter der Kuppel: furchtlos (6.7.2017) von Joachim Landkammer Nachdem bereits im Mai in der FAZ eine Reportage aus London, Amsterdam und Trier zum „Marx-Business“, also zur erinnerungsindustriellen Vermarktung seines Werks und Andenkens erschienen war, legt nun am 5.7. einer der schon vor zwei Monaten beteiligten vier FAZ-Autoren, Stephan Finsterbusch, auf einer ganzen Seite der Beilage „Die 100 Größten“ nach. Er berichtet in kurzen aneinandergereihten Schlaglichtern über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der „Bibel der Arbeiterklasse“,… Weiterlesen

Die Zeitung von gestern (3)

Nicht(s)tun, trotzdem (4.7.2017) von Joachim Landkammer Herfried Münkler spielt in seinem gestrigen Beitrag zur FAZ-Reihe “Weimarer Verhältnisse?” auf ein Bonmot des französischen Diplomaten Talleyrand (1754-1838) an, das immer wieder gern zitiert wird, wenn es um die Frage der Legitimität von Eingriffen in die sog. „inneren Angelegenheiten“ eines Landes durch militärische Operationen eines anderen Landes geht. Wer hier, eben etwa mit der Begründung der „Innerlichkeit“ dieser Angelegenheit, von einer Doktrin der Nicht-Intervention rede, muß sich von… Weiterlesen

Die Zeitung von gestern (2)

Ring und Rad, Ringlein und Rädchen (2.7.2017) von Joachim Landkammer Es ist sicher keine geplante Ironie, daß die FAZ am Tag der euphorischen Verkündigung der „Ehe für alle“ auf ihrer ersten Seite mit ihrer letzten lesenswerten Seite (S. 18, „Literarisches Leben“) der nüchternen Politikprosa implizit einen emotionalen Lyrik-Kommentar entgegenstellt: Norbert Hummelt bespricht in der „Frankfurter Anthologie“ Joseph von Eichendorffs Gedicht „Das zerbrochene Ringlein“. Wahrscheinlich darf man auch nur mit dem Freibrief des lyrischen Sentimentalismus daran… Weiterlesen

Die Zeitung von gestern

Die kurzen Glossen und Kommentare greifen Text-Anregungen auf, die in mehrfachem Sinn „von gestern“ sein können. Anlaß der Beiträge ist hingegen die Vermutung, daß die angerissenen Fragen und dargestellten Probleme in keinem Sinn wirklich „von gestern“ sind. 30.06.2017 Doppelstandards bei Spaß und Ernst von Joachim Landkammer Man kommt praktisch gar nicht umhin, zwei verschiedene Feuilleton-Beiträge der gestrigen FAZ (29.6.2017) gegen- oder wenigstens nebeneinander zu halten. Patrick Bahners kritisiert das Vorgehen der „Aktionskünstler vom Zentrum für… Weiterlesen

Nein, Herr Feldwebel Montaigne! Gegen einen bestimmten philosophisch-soldatesken Ton im Umgang mit dem Tod

Die gestrige Sitzung des Spiritus-Kreises zu Montaignes Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“ (I.20) hat zu einer teilweise hitzigen Debatte geführt, in der ich eigentlich Folgendes sagen wollte: Montaigne hat Recht. Man kann versuchen, das Verhältnis von Leben und Tod so zu denken, wie er es vorführt, man kann versuchen, so mit der Todesangst umzugehen und sie so zu beruhigen, zu besänftigen, zu „therapieren“. Das hat seine lebenspraktischen „Vorteile“, auf die er ja nicht müde wird,… Weiterlesen

Umzug des Blogs

Den aktuellen Mitgliedern des Spirituskreises wird es wohl bereits bekannt sein, alle anderen seien hiermit auf den Umzug des offiziellen Weblogs des Spirituskreises von texlabyrinthe.de nach http://spiritusblog.com hingewiesen. Der Anfangspost auf dieser Seite machte es bereits deutlich: das Labyrinth kennt viele Ein- und Ausgänge, und noch mehr Querverbindungen. Die Vernetzung der Texte online legt echte Ausgänge, wie jedes gute Labyrinth, nicht wirklich nahe. In diesem Sinne endet hier auch nichts, sondern geht einfach dort weiter. Was in Zukunft auf… Weiterlesen

Wie gut darf/muß ein Liebesgedicht sein? Oder: In Defense of Orlando Nachtrag zur Diskussion im Shakespeare-Seminar

In Shakespeares „Wie es euch gefällt“ (3. Akt, 2. Szene) schreibt Orlando Liebes-Gedichte und hängt sie an Bäumen im Wald von Arden auf. Sie werden gefunden und (dem Publikum) vorgelesen, vom Narr Touchstone für gut parodierbar und daher schlecht befunden und auch von der im Gedicht Angeredeten offenbar nicht wirklich einer Verteidigung für würdig gehalten; Rosalind wehrt nur den Narr ab („Out, fool“!), der sich über sie lustig macht. Aber verteidigen und aus ihrer puren… Weiterlesen

Die Über-zeugten über-stimmen: Schuld und Chance der Nicht-Wähler

Von Joachim Landkammer „Wenn das Europa ist“, sagen die Anti-Europäer und deuten mit dem Finger auf bestimmte Brüssler Fragwürdigkeiten, „dann wollen wir keine Europäer mehr sein“. Well, gegen ausgestreckte Finger läßt sich schlecht argumentieren. Man könnte stattdessen aber selber den Finger ausstrecken. „Wenn das Demokratie ist“, sagen wir also und deuten auf bestimmte Folgen englischer Volks-Referenden sowie auf bestimmte Parteien in bestimmten bundesdeutschen Landtagen, „dann wollen wir keine Demokraten mehr sein“. Wäre das eine angemessene,… Weiterlesen