Was verfertigen „Kleistsche Flaschen“ beim Reden? „Gedanken“? Wohl eher selten. Eine polemische Vermutung

Wenn man Kleists Aufforderung zum Drauflos-Plappern (denn als solche wollen wir sie hier versuchsweise denunzieren) als ein normatives, allgemeingültiges Rezept zur Gedankenfindung versteht (und nicht als nur fallweise zutreffende Prozeßbeschreibung, wie seine historischen Fallbeispiele nahelegen könnten), dann setzt sich seine anti-rationalistische Lizenz zum freien Reden dem Risiko aus, als relativ zuverlässige Bullshit-Produktionsmethode zu dienen. Kleists Diskursverständnis ist solipsistisch-martialisch, er versteht das Reden-Können als kompetitive Kompetenz des Wort-Ergreifens, und dies möglichst schnell und möglichst vor den anderen. Der hinzugezogene Redepartner ist gar kein solcher, sondern nur ein Sparring-Partner, ein Strohmann (in seinen Beispielen natürlich jeweils Stroh-Frauen!), von dem keinerlei inhaltliche Impulse geschweige denn Erkenntnisse erwartet werden; die reine Präsenz eines beliebigen Anderen plausibilisiert simulativ den Selbstzwang zum Reden und v.a. zum Weiterreden, v.a. dann, wenn man gar nichts zu sagen hat. Denn eine wichtige Frage stellt Kleist bezeichnenderweise nicht: so wie man natürlich gern – auch auf Deutsch – sagt, daß der Appetit beim Essen gekommen sei (um die eigene, völlig unnötigerweise angestoßene Freßlust a posteriori zu legitimieren), so sehr wäre ja zu hinterfragen, ob das ursprüngliche Gefühl, gemäß dem man VOR dem Essen gar keinen Appetit hatte, nicht das richtigere, gesündere und für die Körperfigur zuträglichere Figur gewesen wäre. Analog wäre ja zu überlegen, ob die Rede-Hemmung, die Kleist durch das muntere Drauflos-reden überwinden will, nicht als ein ernst zu nehmendes Indiz dafür hätte gewertet werden müssen, daß man de facto eben nichts zu sagen hat. Daß man erstaunlicherweise – scheinbar! – dann doch etwas zu sagen hat, wenn man diese höchst sinnvolle natürliche Sprechwarnung übersieht, beruht vermutlich auf einer psychologisch gut erklärbaren Selbsttäuschung: jede Leistung, die die eigene Selbsteinschätzung überschreitet, scheint immer viel größer als sie tatsächlich ist (darum kann man ja immer nur gewinnen, wenn man die eigene Leistungsfähigkeit möglichst bescheiden einschätzt; man freut sich, wenn man die eigene Einschätzung überbietet, und vermeidet den Ärger, unter dem eigenen Niveau zurückgeblieben zu sein).
Wenn man die hohe Gedankenwelt der Kleistschen Geistesflüge mit zwei banalen Beispielen aus der Alltagswelt gegen-illustrieren darf: es ist so ähnlich, wie wenn im Auto die Warnlampe anzeigt, daß man eigentlich kein Benzin mehr hat; die spießigen Weicheier unter den Autofahrern biegen dann sofort ab zur Tanke, aber der mutige Kleist-Freak sagt: egal, ich fahr weiter und freu mich über jeden Kilometer, den es trotzdem noch geht; und es geht ja tatsächlich auch mit Tankwarnleuchte immer noch erstaunlich weit… Oder: natürlich braucht fast jedes Projekt eine sog. „Anschubfinanzierung“, damit es „abheben“ kann; damit man sich in den ökonomischen Kreislauf einklinken und in ihm „eigenfinanziert“ mitschwimmen kann, benötigt man ein durch die Ausgangslage zunächst nicht gedecktes Vertrauen eines wohlwollend-gutmütigen Geldgebers. Daß das immer nur gut gehen soll, wie Kleists Optimismus des munteren Risikoinvestors in das eigene Gedankenpotential suggeriert, ist beim Verfertigen von Gedanken beim Reden genauso wenig sicher wie beim Verfertigen von Unternehmen beim Start-Up.
Aber zurück zu Kleists Ausgangslage: für ihn genügt ja offenbar „irgendeine dunkle Vorstellung“, um schon mal loszulegen. Denn die Erkenntnis folgt schon nach, wenn mal nur mal „dreist“ angefangen hat. Aber warum soll bitte die „dunkle Vorstellung“ schon als Freifahrschein, als Starterlaubnis, als Go-Signal ausreichen? Wo kommen wir da hin, wenn wirklich alle Besitzer „irgendeiner dunklen Vorstellung“ „dreist“ mit dem Reden anfangen? Daß sie das alle gleichzeitig tun könnten, weil sie ja sowieso nicht aufeinander hören müssen, macht das zu erwartende Plapper-Chaos kaum tolerierbarer, genauso wie es kaum dadurch angenehmer wird, daß alle, die da angefangen haben, zu reden, eigentlich nur das Ende ihrer Rede suchen (ungefähr so, wie alle, die in der Stadt mit dem Auto herumfahren, das ja bekanntlich nur tun, weil sie einen Parkplatz suchen). Sie suchen das „Ende“, weil sie sich dann endlich auch am Ende ihres Gedankens, ihrer „Erkenntnis“ wähnen dürfen. Auch dieser Trugschluß, daß ein Ende in der Zeit auch ein Ende „im Sinn“ darstellt, ist leicht zu durchschauen und beruht auf der simplen Verwechslung von Ende und Zweck (ein veralteter deutscher Sprachgebrauch legt dies noch nahe, etwa in Formulierungen wie „Zu welchem Ende studiert man…“; vgl. auch im Italienischen den subtilen Unterschied zwischen „la fine“ und „il fine“). Aufschlußreich ist daher ja auch die Metapher des „Punktes“: wenn jemand zum „Punkt“ gekommen ist, heißt das zunächst nur, daß ein grammatikalisch korrekt geformter Satz zu seinem konventionellen syntaktischen Ende gebracht worden ist; unterstellt wird aber zusätzlich immer auch, es sei nun ein „Punkt“ gemacht, also eine wesentliche und sinnvolle Aussage getroffen, ein „Gedanke verfertigt“ worden.
Weil aber dieser „Ende vom Sinn“ sich dann doch nicht so leicht einstellen will, wird das Reden durch jene von Kleist angesprochenen „die Rede ausdehnenden Kunstgriffe“ genau zu dem, was es für den Zuhörer so unerträglich macht: zu einem langweilenden „Spiel auf Zeit“, und dadurch zu einem asymmetrisch performten Besitz- und Machtritual: wer das Wort hat, hat per se Macht und Recht, und braucht das totgeredete Gegenüber nur, um sich an der ad hoc improvisierten rhetorischen Überlegenheit (z.B. über eine zum Zuhören gezwungene „Magd“) aufzugeilen: eine Art nekrophile Diskurs-Selbstbefriedigung. Nun erlaubt Kleist ja dem Zuhör-Dummy ja gewisse marginale Interaktionsanteile, aber er interpretiert sie psychologisch falsch: denn das Gegenüber „schenkt“ in Wirklichkeit nicht den fehlenden Gedanken; der Blick, der einen „halbausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt“, simuliert nur Verständnis, will aber in Wirklichkeit sagen: komm endlich zu „Ende“, ich glaub dir´s ja eh, damit Ruh‘ ist, oder nur damit ich selbst auch wieder das Wort und die Macht haben darf. Das stumme Gegenüber „unterstützt“ den Redenden nur so, wie man einem Stotternden, oder einen nach einem Wort suchenden Sprecher durch Wortvorschläge auf die Sprünge hilft, damit er endlich mit seinem unerträglichen stockenden Akustikmonopol weiter- und zu Ende kommt (das wäre auch meine Erklärung für die schleiermachersche hermeneutische Anmaßung, den Autor besser zu verstehen als er sich selbst: als Selbstlegitimation dafür, daß man nun statt seiner weitersprechen darf). Dialoge und Unterhaltungen verkommen so de facto zum Kampf um die größtmöglichen Redeanteile, weil man nun – in einem von Kleist provozierten Umkehrschluß – annehmen darf, wer am längsten und am „dreistesten“ vor sich hinredet, habe am Ende auch die besten Gedanken gehabt. Jede Talkshow, jede Politikerdebatte, aber auch alle akademischen Diskussionsrituale bestätigen zweifelsfrei, daß der angebliche Kampf um das „beste Argument“ in Wirklichkeit nur einer um die längste Redezeit ist.
Die Funktion der Versprachlichung des eigentlich noch Unfertigen liegt daher einfach darin, diese Unfertigkeit zu dissimulieren und sich dem selbstlaufenden Getriebe des Syntagmas, der Grammatik, der Floskeln und der Diskursformalitäten zu überlassen. Kleist sagt uns praktisch: vergiß deine Probleme mit der Semantik, beginne flott mit der Syntaktik und der Sprachpragmatik (i.S.v. begehe eine Sprechhandlung!), dann kommt die Semantik automatisch nach. Die Metapher von der Sprache als „parallel fortlaufendes Rad“ an der „Achse“ des Geistes, als eine Art Schwungrad des Gedankens, darf wohl übersetzt werden in die Metapher des Laufbands im Fitness-Center, das den armen Probanden natürlich dazu zwingt, stur die täglichen Kilometer und Kalorien herunterzulaufen; wie das tägliche metaphorische Hamsterrad, in das sich psycholabile Menschen gern hineinbegeben, damit sie nur ja nicht ins Grübeln kommen. Mit selbstbestimmtem Laufen, selbstgelebtem Leben und selbstkontrolliertem Denken hat das alles aber nichts zu tun.
Das um so mehr, als die angeblich ordnende, produktive, unterstützende Kraft der Sprache ja spätestens da nicht mehr in Anspruch genommen wird, wo Kleist fordert, sie müsse „mit Leichtigkeit zur Hand sein“, also wenn sie plötzlich nur noch als ein bloßes Instrument fungiert: und in diesem Kontext wird ja dann auch die rein instrumentelle, zur Diskurshegemonie dienstbar gemachte Funktion des leicht fallenden, schnellen Sprechens klar; die rein strategisch einzusetzenden „Truppen“, die man gegen einen Gegner ins Feld führen kann. Spätestens hier wird klar, daß Kleist seine Aufforderung zum Verfertigen des Gedankens beim Reden als Basismoment einer militanten verbalen Angriffstaktik versteht: wer noch Skrupel hat, einfach drauf loszureden, hat schon verloren; Angriff ist die beste Verteidigung, frisch gewagt ist halb gewonnen, usw. Das biedere und primitive Konzept lautet einfach, die „Truppen“ losstürmen zu lassen, ein strategisches Konzept wird sich auf dem Weg („strada facendo“) schon finden, wer bremst, hat verloren, und wer gar noch die altväterliche Devise „erst denken, dann reden“ berücksichtigt, hat in dem von Kleist heraufbeschworenen Diskurskonkurrenzuniversum des allgemeinen Geredes schon gar keine Chance mehr.
Trotzdem wird der Philosoph, sollte auch der Politiker als solcher schon deswegen in die Geschichte eingehen, weil er aufgrund des „Zuckens einer Oberlippe“ einen passenden dreisten französischen Spruch vom Stapel läßt, sich jener alten Weisheit von Boethius erinnern, die auch vielen entladenen Kleistschen Flaschen irgendwann bitter aufstoßen wird: si tacuisses philosophus mansisses.