»[verzagte] Unkraft« und »unkräftige Renaissance«

Beide Möglichkeiten kommen in Betracht. Oben ist Adorno zitiert nach ders., Negative Dialektik, Ffm. 1966, S. 16f., wo er vermutet, die idealistische Dialektik verteidige eine Subjektivität, die „verdrängt [werde] von der Unkraft des erschlaffenden Gedankens, der vor der Übermacht des Weltlaufs daran verzagt, diesen zu konstruieren“. „Eine andere Version von Dialektik begnügte sich mit deren unkräftiger Renaissance: ihrer geistesgeschichtlichen Ableitung aus den Aporien Kants und dem in den Systemen seiner Nachfolger Programmierten, aber nicht Geleisteten“, heißt es zuvor ungenau (a.a.O., S. 16). Verzagtheit und Wiedergeburt stehen allerdings in einem schwierigen Verhältnis zueinander, womöglich im Widerspruch.

Diskutiert haben wir zunächst (vgl. TWA 3), ob der Ausdruck Unkraft kontextindifferent einleuchtet; er müsste dann einen Zustand der Schwäche, ja sogar der Schwächlichkeit bezeichnen, einen Zustand, dem sich hinzugeben keinesfalls Sache des Philosophen oder der Philosophie sein kann. Dass Adorno solcher Hingabe an die Schwäche enträt, ist im bezeichneten Abschnitt offensichtlich. Eine andere Frage allerdings ist es, ob er schlicht abfällig über diese Hingabe an die Schwäche im Sinne resignativer Schwächlichkeit urteilt – oder ob er darüber nachdenkt, ob (und wenn ja: wie) die Gefahr dieser Hingabe zu vermeiden wäre. Mit den bereits diskutierten Raubtieren (vgl. TWA 2) gesprochen: Er kalkuliert das Risiko, als Tiger zwar zu springen („schwierig, oft gefährlich“, a.a.O., S. 31), als Bettvorleger aber zu landen – das Risiko einer unkräftigen Renaissance.

Deshalb haben wir außerdem die Frage diskutiert, ob diese „andere Dialektik“ die beabsichtigte negative Dialektik sei, oder ob sich die Bemerkung auf einen nicht näher bezeichneten vorausgegangenen Versuch einer dialektischen „Renaissance“ beziehen könnte. Diese Frage ist aus meiner Sicht beantwortet – durch den Hinweis „insgeheim liegt es in Kant, und wurde von Hegel gegen ihn mobilisiert“ (a.a.O., S. 15). Die „andere Dialektik“ ist jene Hegels; sie ist allerdings zugleich – und darauf kommt es meines Erachtens an – jene Adornos. Es geht um eine bereits gewagte Renaissance und um eine erst zu wagende Renaissance. Was Hegel „programmiert, aber nicht geleistet“ habe, also das, was „insgeheim“ in Hegel liege, soll nunmehr von Adorno gegen Hegel „mobilisiert“ werden. Ein solches Vorhaben kann scheitern, und es wird um so eher scheitern, je forcierter bzw. kräftiger – also: je unvorsichtiger – dabei vorgegangen wird. Das Unkräftige soll also anerkannt und doch zugleich gegen Hegel eingewandt werden. Unkräftig, um es so zu sagen, sind Mittel, deren Untauglichkeit bereits bekannt ist und die doch die einzigen verfügbaren Mittel sind. Sie sind bereits gescheitert, und sie werden wieder scheitern; „nichts in der verwalteten Welt funktioniert bruchlos“ (Adorno, Marginalien zu Theorie und Praxis; gemeint ist der äußerst ruhmlose Tod Che Guevaras, der eben das Bettvorlegerschicksal – heute: T-Shirt-Schicksal – des Tigers teilt). Das Unkräftige ist das „in der verwalteten Welt“ Gescheiterte, Gebrochene. Es bruchlos einsetzen, zum Beispiel aus dem Dschungel in die Großstadt oder vice versa übertragen zu wollen, wäre lächerlich. Für Adorno gibt es nichts als Abstraktion (von dieser Brüchigkeit, also Anerkennung dieser Brüchigkeit), wenn es darum geht, das Unkräftige der Philosophie dieser Welt dennoch dialektisch zu Grunde zu legen. Was bleibt, ist die „Eiswüste“ (a.a.O., S. 7).

Die dialektisch unverzichtbaren Begriffe sind also gescheiterte, gebrochene Begriffe. Dialektik fußt auf unkräftigen Begriffen – diese Grundlegung ist die einzige Möglichkeit, mithin auch der Preis einer in diesem Sinne kräftigen Philosophie. Dafür spricht dann auch, dass Adorno in der Vorlesung über Negative Dialektik (gelesen im Wintersemester 1965/66, nach Tonbändern und Skripten publ. Ffm. 2007) diese eine „Logik des Zerfalls“ genannt und darauf hingewiesen hat, dass von Dialektik im Sinne der „Fiber des Denkens, seine[r] inneren Struktur: [der] Art, in der der Begriff, mit Hegel zu reden, sich bewegt, nämlich auf sein Gegenteil, das Nichtbegriffliche, hin“ die Rede sein soll (a.a.O., S. 16 und S. 16f.). Es geht um nichts anderes als um eine Strukturtheorie des Denkens im Sinne einer Vernetzung jener gebrochenen Begriffe. Diese Theorie muss unausweichlich unkräftig sein, wird aber gerade dieser ihrer Unkraft ihre Unverzagtheit verdanken. Voraussetzung dafür ist die Verpflichtung darauf, sich nicht zu schonen und sich nichts Heiles einzureden (die Verpflichtung auf den „Schmerz“, wie es ebd. heißt). „Es ist“, sagt Adorno in seiner zweiten Vorlesung, „ein Nervenpunkt … für die Beziehung des Denkens auf Freiheit, ob es ertragen kann zu erkennen, dass eine gegebene Realität sinnlos ist …; oder ob das Bewusstsein so unkräftig geworden ist, dass es ohne sich immer wieder einzureden, alles sei zum besten bestellt, überhaupt gar nicht mehr auszukommen vermag“ (a.a.O., S. 36). Schwäche, die sich selbst betrügt, ist lächerlich; aber das heißt nicht, dass sie vermeidbar wäre – vermeidbar allerdings ist der Selbstbetrug. Zu diskutieren wäre demnach, ob Abstraktion solchen Selbstbetrug vermeiden kann.

Adorno schließt diese Vorlesung mit einem Bekenntnis, das unsere erste Frage nach der „anderen Dialektik“ beantwortet und sie mit einem Hinweis auf die Energie dieser „unkräftigen Renaissance“ verknüpft. „Die ungeheure Gewalt Hegels“, heißt es da (a.a.O., S. 38f.) „das ist die Gewalt, von der wir heute noch so beeindruckt sind und von der, weiß Gott, ich so beeindruckt bin, dass ich mir dessen bewusst bin, dass von dem, dass von den Gedanken, die ich Ihnen hier entwickle, keiner ist, der nicht zumindest tendenziell auch in Hegels Philosophie enthalten ist.“ Auch – oder besser: nur brüchige Begriffe sind belastbare Begriffe.

(Mit Dank an Joachim Landkammer für Kritik an der Erstfassung.)