TWA ND 9

Gestern wurde lange über meinen grundsätzlichen Einwand gegen Adornos Haltung zum Verhältnis Individuum-Gesellschaft diskutiert, in dessen Verlauf ich meine Position leider nicht mehr wiedererkannt habe, sicher nur aufgrund eigener intellektueller Defizite. Daher versuche ich nochmal festzuhalten, worum es mir „eigentlich“ ging.
Adorno wirft den in den (aktuellen wie vergangenen) kapitalistischen Gesellschaften lebenden Individuen „Narzißmus“ vor, den Glauben, „sie, die Einzelnen seien das Substantielle“ (306). Die „Engstirnigkeit“, mit der jeder sich selbst bzw. sein Eigeninteresse für „absolut wesentlich“ (wenn man so „proté ousia“, ebd., übersetzen darf) hält, diese „Verstocktheit“ des Partikularen sei aber gerade funktional für den faktischen Vorrang des Allgemeinen, also jenes Ganzen, das wir als „Gewalt“, als „universale Verstrickung“ (ebd.) verstehen müssen. Wenn man das als Faschismus-bzw. Totalitarismus-Analyse liest (und fast alles von Adorno kann als solche gelesen werden…), dann könnte man das empirisch-historisch hinterfragen, nämlich indem man der konträren Vermutung nachgeht, daß anti-totalitärer Widerstand, die Verweigerung gegen das große gemeinsame (nationale, sozialistische oder nationalsozialistische) Projekt viel eher dort zu vermuten ist, wo sich Individuen narzißtisch-verstockt als das „Substantielle“, das sich selbst einzig Wesentliche gerieren. Nur wer ungläubig-eingebildet den Kopf schüttelt, wenn man ihm eintrichtern will „Du bist nichts, dein Volk ist alles“, wer egozentrisch-borniert auf seiner „Selbstheit“ (306) beharrt und sich diese nicht als „Illusion“ ausreden läßt, wie Adorno es hier will, nur der ist wahrhaft „nominalistisch“ gefeit gegen die totalitäre Versuchung des Aufgehens im großen überindividuellen Ganzen (Adornos „Versöhnung“). Die Frage wäre, ob wir nicht den trägen Spießbürger, den schon von den Griechen verlästerten politikfernen Privatmann (den „Idioten“), den realitätsverweigernden, selbstfixierten Narzißten als wichtige Bastion des zwar unheroischen, aber durch Masse wirksame(re)n Widerstands gegen Totalitarismen aller Art rehabilitieren müssen. Die faule couch-potato in ihren Filzpantoffeln geht eben nicht zu Aufmärschen, reiht sich nicht ein in SA und SS, sie agiert subversiv durch Nichtstun. (Und die Nazis wußten recht bald, daß diese spießigen Egoisten, die „Unentschlossenen“, die „Defaitisten“, die nüchternen Opportunisten ihre eigentlichen Feinde waren, nicht die schnell weggesperrten und umgebrachten kommunistischen Aktivisten; darum wurde ja die allgemeine „Beteiligung“ dann als kollektiver Zwang organisiert).
Adorno muß natürlich die vom Narzißten gelebte Vereinzelung als „Schein“ denunzieren, der nur durch die fehlende Einsicht in die bzw. Verdrängung der „realen Gattungsabhängigkeit“ (307) und der sozialen Vor-Konstitutiertheit aller „Bewußtseinsformen und -inhalte“ (307) entsteht. Diese Gegenbehauptung bleibt freilich purer Soziologismus, und ist nicht weit entfernt von der totalitären Indoktrination, die ja auch immer darauf hinausläuft, dem Einzelnen seine letztendliche „Abhängigkeit“ vom Kollektiv (Volk, Klasse) beizubringen. Man wird sich also fragen müssen, ob Adorno mit seinem permanenten (ja nicht nur hier manifesten) Individuum-Bashing („wer ich sagt, lügt“) nicht nur leichtfertig ein wichtiges antitotalitäres Resistenz-Reservoir verschenkt, sondern auch seine eigentliche Intention, die Rettung des „Nicht-Identischen“ verfehlt. (Denn auch der Narzißt ist „nicht-identisch“, er beharrt eigensinnig auf der Wesens-Differenz zwischen sich und allem Anderen).