GWFH GdPdR 3: Der Greif Apollos statt Minervas Eule: Hegels Traum, heute weitergeträumt von der Poesie

Sebastian Kleinschmidt zitiert heute (20.9.) in der FAZ aus Botho Strauß‘  „Gedankenbuch“ (Titel: „Allein mit allen“) eine Passage, die mich an Hegels Anspruch einer philosophischen, weder verstandes- noch gefühlsmäßigen Welterkenntnis erinnert:

„Was für eine Welt, da sich der Dichter noch der Anschauung hingeben durfte, um das Wesen der Dinge zu ergründen! Ein Sommerwald, ein Mineral, ein pockennarbiges Gesicht — und nun in die konturlose Schwingung der Materie verstoßen, da alles Wesentliche im Unsichtbaren geschieht. Seit langem sind Einsichten in die Natur nicht mehr eidetisch, sondern technisch inspiriert. Der Computer ist das Mikroskop der heutigen Naturforscher. Aber ist Sprache dem Unsichtbaren nicht wesensnah verwandt? Hat sie nicht eindrucksvoll vom Numinosen gezeugt, vom Denken selbst und dem geheimsten Gefühl? Nun tritt eine physische Wirklichkeit hinzu, die sich dem Auge entzogen hat. Die Sprache, die von ihr zeugt, entfernt sich von den äußeren Umrissen der Gegenstände, wird Teil des Nebels, der Wolke und des Winds. Der Hof und die Streuung von etwas wird ihr wichtiger als seine >Festigkeit<, seine Feststellbarkeit. Die Anklänge, das Mitverstehen wichtiger als die >konkrete Bedeutung<. Sie spricht gewissermaßen selber hochgradig zerstreut.“

Strauß beschwört (romantisierend?) die poetische Sprache, die gerade durch Unkonkretheit und Vagheit den unsichtbaren „inneren Puls“ (Hegel S. 15) der Wirklichkeit noch zugänglich machen kann. Im folgenden Satz von B. Strauß könnte man „Poesie“ und „poetisch“ durch „Philosophie“ und „philosophisch“ ersetzen, und man hätte eine perfekte Hegelsche Sentenz:

„Allein die Poesie hält die Verknüpfung, welche selbst der ‚komplexen Vernetzung‘ an Dichte überlegen ist. Die poetische Vernunft ist die Führerin des Wissens, das sich selbst erforschen will.“

Sagt die verspätete Eule zum Greif, dem Vogel des für die Dichtung zuständigen Minerva-Kollegen: „Apollo, übernehmen Sie“? Hegels Projekt heute nur noch denkbar als eine poetische Apollo-Mission? Oder als Vogel-„Strauß“-Weltflucht?