GWFH GdPdR 6: Systemimmanenz vs. Einblickslöcher im Gestrüpp: oder wie zu lesen sei

Nachdem gestern nochmals auch im kleineren Kreis und auf prinzipielle Weise über die Zulässigkeit bzw. Kontraproduktivität bestimmter Herangehensweisen an den Hegel-Text diskutiert worden ist, hier nochmal ein Versuch, meine Vermutung einer notwendigen „Hermeneutik des Mißtrauens“ zu verteidigen.
Das hehre Motto einer „ergebnisoffenen“, völlig unbefangenen und rein verständnisorientierten Lektüre („erstmal verstehen, was da steht“) kann man sich gern zu eigen machen, und sollte das auch „eine gewisse Zeit lang“ tun. Trotzdem kann es sein, daß sie an den eigentlich wichtigen Fragen (z.B. was kann/will/soll Hegel uns heute sagen?) schlicht vorbeiführt, weil sie in ihrer Insistenz auf affirmative Textimmanenz sich von einem „System“ gefangennehmen läßt, zu dem man ja auch eine (kritische, ironische, produktive) Distanz entwickeln sollte. Denn diese angeblich unvoreingenommene Haltung ist insofern eine etwas künstliche Pose, weil sie so tut, als könne man ignorieren, was als „Vorverständnis“ aus unsrer heutigen Hegel-Lektüre ja nicht einfach ausgeblendet werden kann: daß es sich bei seiner Philosophie um ein stark monolithisches Denkgebäude handelt („Idealismus“), das seitdem von vielen wichtigen Nachfolge-Philosophen angegriffen, radikal in Frage gestellt, gekippt und mit guten Gründen gänzlich verworfen worden ist. Die Namen Marx, Kierkegaard, Popper, Carnap mögen eine stark reduzierte Selektion von Denkern darstellen, denen man ja auch nicht einfach pauschal Hegel-Unkenntnis, Hegel-Haß oder allgemeine geistige Beschränktheit vorwerfen kann. Dazu kommt, daß der Text selbst uns ja an verschiedenen Stellen schlaglichtartig Ansichten signalisiert, die als „Ein“-Sichten den Blick durch ein Gestrüpp an schwer entwirrbaren Begriffsverflechtungen auf eine offenbar zugrundeliegende Haltung freigeben, der man kaum ernsthaft zustimmen können wird (nur beispielhaft: „Das Recht ist etwas Heiliges überhaupt„, S. 46; Philosophie als „Gottesdienst“ vgl. S. 17, das „uneingeschränkt absolute“ Recht des „Weltgeistes“ 46, u.s.f.). Ähnlich problematisch kann man auch alle Stellen finden, in denen darauf bestanden wird, daß die angeblich so beschränkte, sich selbst dementierende „Willkür“ eine defizitäre („einseitige“) und daher per Selbstreflexivität zu überwindende Form des Willens darstelle; man darf an Tönnies` Kritik an der „künstlichen“, „individualistischen und mechanischen“ Willkür der kalten Gesellschaft denken, die er dem wahren „Wesenswillen“ der warmen Gemeinschaft gegenüberstellt, um eine Ahnung von der möglichen „totalitären“ Tendenz der abwertenden Ablehnung von „Willkür“ zu haben.
Wenn man über solche Stellen nicht einfach nur „gutwillig“ hinweglesen will, sondern sich eben – auch eingedenk des Vorwissens um die philosophiegeschichtliche Total-Kritik an Hegel – ständig auch fragt, wo die „Fehler“, die „falschen“ bzw. fragwürdigen Weichenstellungen, die „roads not taken“ (R. Frost) dieses Denksystems liegen könnten, dann muß als Ergänzung und Alternative zur „affirmativen“ immanenten Textlektüre auch eine solche mißtrauische, problematisierende, distanz-aufbauende, kritische Herangehensweise erlaubt sein. Nur dadurch, daß man festhält, daß jede nach Maßgabe des Hegelschen „Systems“ angeblich so zwingend festgelegte und von uns ja nicht sklavisch nachzuvollziehende argumentative Entscheidung prinzipiell auch anders und gegensätzlich hätte ausfallen können (vielleicht aus heutiger Sicht sogar: müssen), gewinnt man eine Kontrastfolie, vor deren Hintergrund es dann auch gelingen könnte, Hegel wirklich „zu verstehen“.