Trübe Tübinger Tütenwahrheiten. Zu Boris Palmers Auftritt bei „Seekult“*

Joachim Landkammer

*Der Kommentar nimmt Bezug auf eine als „Podiumsdiskussion“ (und zunächst mit anderen Gesprächspartnern) angekündigte Veranstaltung im Rahmen des studentisch organisierten Kulturfestivals „Seekult“ 13./14.10.2017 in der Kulturcaserne im Fallenbrunnen, Friedrichshafen.

Wie immer sich die Zeitgenossen, die sich eher dem traditionellen Spektrum der Politik zuordnen, ihr künftiges Verhältnis zur neuen Rechten vorstellen mögen: daß man die Frage nach dem „richtigen  Umgang mit der AfD“ für eine, ja: die politikbestimmende Frage der nächsten Jahre hält, könnte ja schon der falsche Ansatz sein. Boris Palmer, grüner Realo-Rechtsaußen und OB in Tübingen, läßt sich seine Haltung jedenfalls durch ein Ausschlußverfahren vorgeben, das zwischen zwei falschen Alternativen den vermeintlich einzig richtigen dritten Weg wählt. Weder ignorieren noch diffamieren sei ernsthaft möglich, also müsse man „das Gespräch“ mit den Populisten suchen – und sei es auf der eigenen Facebookseite. Nun mag man grundsätzlich Zweifel hegen, daß das anonyme Medium des Internets der geeignete Ort für ein sinnvolles politisches „Gespräch“ ist, aber immerhin: als Absichtserklärung klingt das wunderbar demokratisch und konstruktiv. Es sieht aber offenbar naiverweise darüber hinweg, daß nicht jeder, der laut schreit, schon deswegen ein Anrecht darauf hat, gehört und Ernst genommen zu werden. Es vergißt, daß ein „Gespräch“ an jeden Teilhabenden Mindestanforderungen an Anstand, Realitätssinn, Klarheit und Reflexionsbereitschaft stellt. Und es vergißt vor allem, daß wer meint, ein „Gespräch“ unterhalb dieser Minimalanforderungen führen zu können, sich einem Sog der Selbstunterbietung aussetzt, den man nicht unbeschadet übersteht. Wer sich unter sein Niveau begibt, kommt darin um.

So wie diese Gefahr unterschätzt wird, überschätzt es wahrscheinlich den politischen „Sinn“ des AfD-Wahlerfolgs. Zu eruieren bliebe ja immerhin noch die von zahlreichen Beobachtern geteilte Hypothese der reinen Protest-Wahl, die Möglichkeit, daß in vielen Wahllokalen von Leuten, die keinen einzigen eigenen Gedanken ans AfD-Wahlprogramm verschwendet haben (und warum sollten sie auch?), der Wahl- zum „Denkzettel“ gemacht werden sollte. Natürlich gibt es offenbar ewig enttäuschte, frustrierte, ressentiment-geladene Modernisierungsverlierer, die sich immer als Zu-Kurz-Gekommene selbstbemitleiden werden; also ein sozialpsychologisch wohl ähnlich gestricktes Wählerpotential wie das, das 1933 nur noch einer extremistischen Partei zugetraut hatte, endlich für „Ordnung“ zu sorgen und „uns das Land zurückzuholen“. Soll man um diese hochproblematische Wählerschaft nun buhlen? Mit ihr „ins Gespräch gehen“? Sich auf ihren unterkomplexen Sprachstil, ihre archaische Denkweise, ihre unbegriffenen „Ängste“ und „Nöte“ und v.a. auf ihre unverhohlene Aggressivität einlassen?

(Vgl. dazu übrigens auch heute, 15.10.2017, Harald Staun in der FAS: „Mit Rechten zu reden ist ein bisschen wie der Versuch, den Angehörigen hässliche Weihnachtsgeschenke abzugewöhnen. Eine Weile versucht man sie mit Argumenten von ihren furchtbaren Ideen abzuhalten, irgendwann entsorgt man den Müll einfach heimlich“).

Daß Palmer aus seinem „Gespräch“ mit den Rechten nicht mehr ohne Zugeständnisse und intellektuelle und moralische Einbußen herauskommt, zeigt sein Buch und seine Rhetorik. „Wir können nicht allen helfen“ ist eine den AfD-Stammtischen abgelauschte Phrase, in ihrer nichtssagenden Banalität, die gleichzeitig selbstgerechten Idealismus heuchelt („wir haben ja wirklich ALLES versucht“) und alternativlosen Pragmatismus vorschiebt. Daß eine solche nach erfahrungsgesättigter Altersweisheit klingende Botschaft sich heute so gut von einem betont jung, forsch und „cool“ auftretenden Nachwuchspolitiker verkaufen läßt, illustriert nur den miserablen Zustand unserer derzeitigen politischen Vorstellungskraft.

Mag ja auch sein, daß sich Palmers Position nicht auf seinen Buchtitel reduzieren läßt, aber die bei der Diskussionsveranstaltung geäußerten Klagen über „konkrete“ Mißstände und Überforderungen in seinem kleinen Tübinger Reich, die sich offenbar alle nur auf die „Flüchtlingskrise“ beziehen lassen, demonstrieren, wie unkritisch sich hier eine Politik und ein Politiker Werte und Normen von einer pathetisch sakralisierten „Wirklichkeit“ vorgeben läßt. Typisch für das herrschende Klima ist, daß gerade diese angeblich so realitäts- und bürgernahe Haltung als die des „idealen Politikers“ glorifiziert wird; im Publikum beim „Seekult-Festival“ saßen offenbar viele Bewunderer, die sich „einfach mehr Boris Palmers“ in die deutsche Politik wünschten. Auch die studentische Moderation, die sich darauf beschränkte, vorgefertigte Fragekärtchen abzuarbeiten („Danke für die Antwort, Herr Palmer, kommen wir nun zur nächsten Frage“) war kaum in der Lage, dem neuen Kult-Heroen der deutschen Kleinstadt-Politik Paroli zu bieten. Am peinlichsten (und: symptomatischsten) aber war die Vermutung der Veranstalter, eine solche Diskussion ließe sich nicht anders „einmoderieren“ als durch ein Unterschichten-TV-mäßiges „Warm Up“ mit Zauberkunststückchen und einem künstlich hochgeputschtem Claqueur-Publikum, das sich identifizieren sollte mit dem bei einem Zuschauer vorab bestellten Hurraruf „Politik ist geil“ – zu dem sich natürlich auch „unser Boris“ nicht lange bitten ließ.  Wer aus dieser Podiumsdiskussion lernen wollte, welche Folgen der „Umgang mit der AfD“ für das Niveau der politischen Diskussion hat, hätte da bereits – sehr beunruhigt – gehen können.