Radical Chic, oder: Die Welt als Salon

Maren Lehmann

Lunch Talk in der White Box der ZU am 18.10.2017

 

Tom Wolfe (nicht zu verwechseln mit Thomas Wolfe) hat im Juni 1970 einen Artikel im New York Magazine publiziert, der den Begriff geprägt hat, mit dem ich meinem kurzen Vortrag überschrieben habe: radical chic.

Der Artikel beginnt mit einem halb beglückenden, halb entsetzenden Traum, einer »vision«. Lenny (gemeint ist Leonard Bernstein) sei nachts aus unruhigem Schlaf erwacht, durch’s Haus gestreift und habe sich plötzlich vorgestellt, wie er in seinem weißen Smoking auf der Bühne gestanden und neben sich einen Stuhl bemerkt habe, an dem eine Gitarre lehnte (»A guitar! One of those half-witted instruments, like the accordion, that are made for the Learn-To-Play-in-Eight-Days E-Z-Diagram 110-IQ 14-year-olds of Levittown«). Er habe diese Gitarre ergriffen, um dem mit offenen Mündern starrenden Publikum eine »anti-war message« zu überbringen: »I love.« Mehr nicht. Ein Schwarzer sei hinter dem Klavier hervorgekommen, nein: aufgestiegen und habe gesagt, das Publikum geniere sich seltsamerweise; deswegen habe er, Lenny, nochmals wiederholt: »I love. Amo, ergo sum.« Daraufhin habe sich der Schwarze nochmals erhoben und gesagt, das Publikum erwarte, dass er, Lenny, aufstehe und »nach draußen« gehe; man schäme sich seit seinem Aufruf sogar schon dafür, auch nur den Sitznachbarn geschubst zu haben. Darum habe er, Lenny, schließlich eine von Herzen kommende, zu Herzen gehende Antikriegsrede gehalten und sei dann abgegangen.

Aus diesem Traum sei er zunächst berauscht, dann aber erschrocken erwacht. Das Herz sank ihm, weil er nicht wußte, »who the hell« dieser Schwarze gewesen sein könnte, »this superego Negro«, der ihn dazu gebracht hätte, sich wie ein Esel zu benehmen.

Hier wechselt die Szenerie. Man findet sich wieder in einem New Yorker Penthouse bei einer der legendären »aprés concert evening parties« bei Leonard und Felicia Bernstein. Der Hit sind neuerdings nicht mehr die üblichen Celebrities, sondern einige Mitglieder der Black Panther Party, die einen derart glänzenden Eindruck machen, »scharf wie Rasierklingen«, daß den Partygästen die Hormone in Wallung geraten. Das sind nicht die üblichen menschenrechtsbewegten Schwarzen in drei Nummern zu großen grauen Anzügen, das sind richtig wilde, echte Kerle in schwarzem Leder, »real men«. Die Tabubrüche schmecken ganz genauso köstlich wie die Roquefortröllchen im Nussmantel, die zu den Drinks gereicht werden; sie schmecken wie Hostien. Wundervoll, aufregend, mit richtigen Revolutionären anzustoßen. Tolle Typen! Das Elend sieht einfach klasse aus. Alle Nervenenden liegen offen da, bereit, von diesem herrlichen Schauder erregt zu werden. Der ganze Salon ist scharf darauf, sich in diesem klebrigen Plüsch aus künstlicher Primitivität, voyeuristischer Exotik und altjüngferlicher Romantik zu wälzen und »pensées métaphysiques« zu rauchen.

Immer, so fasst Wolfe zusammen, schmücke sich der Radical Chic daher mit dem vermeintlich Primitiven, Archaischen und verachte das vermeintlich Mittelmäßige, Moderate. Er ist erregt vom Wilden, nicht vom Zivilisierten. Er steht auf all die ›Panthers, Jaguars, Tigers‹, deren Anwesenheit noch das langweiligste Loft zu einem Dschungel macht. Unbedingt muss Hauspersonal da sein, ohne Putzfrau und Serviermamsell geht es nicht, weil die Hausdame sich den Wilden andienen will, nicht den Häuslichen. Sie will nicht als Mutti rüberkommen, sondern als Jane. Die Wildnis lockt. Überhaupt ist man eher »friend of the earth« als Lokalpatriot. Man knausert nicht, man hat und gibt Geld, verachtet also Sparsamkeit. Es ist die old society, die sich hier an ihren Schattenseiten berauscht, indem sie sie auf ihre Parties lässt. Immer, so Wolfe, sei der Radical Chic gekennzeichnet durch Doppelgleisigkeit, er fahre immer auf der Spur der »nostalgie de la boue« (einer träumerischen Sehnsucht nach dem Wilden, Elenden, ›Einfachen‹) und zugleich auf der Spur des »high protocol« (den Ritualen der Upperclasses), er sei »radical in style«.

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Die Videoinstallation »New Eelam« reflektiert die Niederlage der »Liberation Tigers of Tamil Eelam« (LTTE) gegen das Militär Sri Lankas im Jahre 2009. Vorausgegangen war ein Bürgerkrieg, in dem sich keine Seite durch irgendeine Art der Zurückhaltung gegenüber irgendeiner Art von Gewaltanwendung ausgezeichnet hätte; auch die ›Tigers‹ tragen ihren Raubtiernamen zu Recht. Mit dem Tod des Führers der ›Tigers‹ gilt deren Organisation als aufgelöst. Man erfährt insgesamt wenig, wie die ›Tigers‹ seit dieser Niederlage organisiert sind. Als organisierten Akteur gibt es sie mutmaßlich nicht mehr. Man nimmt an, dass sie sich weltweit zerstreut haben, dass also das tamilische Eelam – oder: der kriegerische Konflikt um Eelam – sich in der Welt wie in einer Diaspora zerstreut hat. Die ›Tigers‹ könnten überall sein, anders gesagt: Jeder könnte ein ›Tiger‹ sein.

Der tamilische Befreiungskrieg, also: der Krieg um eine tamilische Separatnation in Sri Lanka, hat also möglicherweise nicht aufgehört. Er ist nur in eine kalte Phase eingetreten. In Sri Lanka selbst hat er eine von der Kriegserfahrung nach wie vor terrorisierte, also: eine bleibend in Angst und Schrecken versetzte Bevölkerung hinterlassen. Die globale Kunstwelt hat sich in Colombo einen ›hot spot‹ organisiert, der lokale Beiträge großzügig duldet; anders kann man die Berichte von der Colombo Art Biennale seit 2010 nicht interpretieren, die – so z.B. das Art-Magazin – hinsichtlich der tamilischen Beiträge feststellen, »Kunst ist das wahrscheinlich nicht, aber immerhin … bewegend«. Kriegsopfer sind eben keine Tiger, keine Panther, keine Leoparden oder Löwen; sie sind Schafe, die auf dem kolonial-missionarischen und dem separatistischen Altar geopfert werden, obwohl niemand deren Fleisch essen mag.

Anders deren Blut. Dieses Blut könnte sich weltweit verteilen, es könnte überall einsickern, es könnte Lebenssaft sein wie – das Geld. Ein Medium. Eine Droge auch, die – solange sie fließt – den Verlust der tamilischen Gebiete nicht nur vergessen lässt, sondern sogar attraktiver wird als diese, weil sie flüssiger, liquider ist. Man kann mit einer verlorenen Heimat viel besser dealen als mit einer vorhandenen – man muss nur eine flüssige Ressource aus ihr machen: »liquid citizenship«, die sich wie in einem globalen Aderlass überall dort downloaden lässt, wo ein Netzanschluss vorhanden ist.

Das ist nicht attraktiv für die, die kein Zuhause haben (und vielleicht durch diesen Download eines haben könnten), sondern für die, die eines haben (und vielleicht durch diesen Download mehrere haben könnten). Das Angebot lautet nicht: Existenz, sondern: Verzweigung. Das Verlorene, Fehlende, Ersehnte, das Nichts kann man nicht teilen. Oder doch? Kann man sagen, dass das verlorene Eelam sehr wohl geteilt werden kann, weil man es zwar im Sinne einer Identität hat, aber nicht darüber im Sinne eines Besitzes verfügt? Man müsste dann die Identität beleihen, als letzte Sicherheit eines Kredits. Man müsste die Identität als unverlierbar behandeln, als Substitut eines Grundbesitzes, und könnte sie so als Sicherheit verrechnen, als Pfand, als asset eines Kredits, hier: eines geliehenen Zuhauses, einer befristeten Wohnung. Vom Mieter oder vom Hotelgast wäre dieser Kreditnehmer existentiell unterschieden, denn er setzt keine Zahlung, sondern seine Identität – sich selbst – als Sicherheit ein. Die Tamilen aus Eelam wetten unter dem Label »New Eelam« auf ihr Leben. Wir aber, die wir unsere Identität disponibel halten können, weil wir ein Zuhause haben und uns deswegen wunderbar vorstellen können, wie es wäre, nicht ein festes, sondern viele disponible homes zu haben – wir behaupten, diesen verlorenen Seelen einen gleichrangigen, genossenschaftlichen deal anzubieten, wenn wir mit ihnen in »New Eelam« einziehen. Amo, ergo sum.

Das Unternehmen, das wir mit »New Eelam« vor uns haben, ist eine Bank. Sie setzt vergossenes Blut wie geliehenes Geld und verlorene Sicherheit wie erhofften Kredit ein, um Sesshaftigkeit in Beweglichkeit zu übersetzen und nebenher auch Besitzrechte (das heißt: Staatsbürgertum) durch Umsatzerwartungen zu ersetzen. Nicht zufällig spielt der Name »New Eelam« auf New England an; von New York war schon die Rede. Man hat kein Zuhause mehr, man wird auch von keinem Zuhause mehr gehalten; man zieht aus, lebt zerstreut, sucht sich eine Bleibe (also: eine Frist), von deren Umgebung ein unausgesetzter Sog ausgeht: weiterziehen, nicht bleiben, vernetzen, nicht ausbauen, fließen, nicht stocken. Damit das gelingt, wird man auf die verlorene Identität festgelegt (denn sie ist es, die das asset des ganzen Deals bildet). Eelam ist unbewohnbar geworden, aber man wird es nicht los. Blut wird sich überall und immer finden, hatte Paul Anderson in seinem Film über die frühen Ölbarone Amerikas gezeigt, und es wird immer in Strömen fließen, wie das Öl, wie das Geld. Es muss laufend umgesetzt werden, es darf nicht gehortet werden. Diese Erwartung ist das Geschäftsmodell der Bank namens »New Eelam«. Diese Bank kapitalisiert den Verlust von Eelam, indem sie ein ›Neues Eelam‹ überall und jederzeit verfügbar macht. Banken handeln mit Zahlungsversprechen, hatte Dirk Baecker gelegentlich geschrieben, sie wechseln also Gewinnerwartungen gegen Verlustängste ein (und das heißt: sie ernähren sich von Verlustängsten, sie schüren sie, um sie zu bewirtschaften; und Sloterdijk ergänzt: Mit der Angst schüren sie die Wut, sie kapitalisieren den Zorn). Genau das tut »New Eelam«. Die Bürger dieser Neuen Welt sind heimatlos, aber online; sie haben ein im präzisen Sinne virtuelles Zuhause. In dieses virtuelle Zuhause investieren sie in einem nie endenden Eigenblutdoping ihre Verlustängste. Solange sie das tun, ist der Bürgerkrieg um Eelam nicht endgültig verloren. Und das, genau das bringt die ›Tigers‹ wieder ins Spiel. Sie haben ein Interesse daran, den kalt gewordenen Konflikt wieder anzuheizen und »New Eelam« als Mobilisierungsressource für diesen eines Tages wieder aufflammenden Krieg zu pflegen. Deswegen setzen sie ihr Logo in die Imagefilme der Bank: es erinnert die Schuldner an den Tag der Abrechnung. Diese Bank – das Unternehmen namens »New Eelam« – ist nichts anderes ist als die Kommunikationsmaschine (das ›Internet‹) der in der Diaspora nun nicht mehr zerstreuten, sondern vernetzten Organisation.

Das Publikum der Kunstwelt wird – gerade so, wie wir hier in der Lobby dieser Bank herumsitzen (die Banker sprechen von einer »Erlebnissuite«) – zum Partner dieser Bank. Es ist – um ein Bonmot Max Webers aufzunehmen – revolutionär hochmusikalisch; es ist die Gemeinde, für die der abwesende Krieg ein Gottesdienst ist. Wo immer die »New Eelam«-Bank online ist, taucht dieses Publikum seine Häppchen in die verlorenen Hoffnungen der Abwesenden, in die Ängste der Anderen wie in das Blut des Erlösers, und es erfrischt sich an der Ahnung eines Krieges, der ihm erspart bleibt. Gewalt ist eine politische Möglichkeit, die die Möglichkeit von Politik zerstören würde. Das macht sie für den radical chic des 21. Jahrhunderts interessant, der sich (ich zitiere Dietrich Diederichsen) nicht an der Abwechslung und nicht an der Abweichung, sondern an der Zerstörung delektiert – weil diese allein noch als Inkarnation politischen Protests in Frage komme: als anonyme, namenlose, nichtidentische, symbolische Verkörperung eines »völligen Verlusts« (Marx; Diederichsen diskutiert das am Beispiel des Films »Get rid of yourself«, der das Mach kaputt, was dich kaputt macht in Zerstöre, was dir gefällt übersetzt). Jedesmal, wenn wir in »New Eelam« einchecken, zerstören wir Eelam. Als gehöre es uns.

Die Installation »New Eelam« zeigt uns unsere Zerstörungslust anhand (Zitat der ZU-Webseite) einer »kühl-eleganten«, »hochästhetischen« Inszenierung »verführerischer Großzügigkeit«. Man kann, wenn man hat, noch mehr haben. Das ist zwar ›bewegend, aber keine Kunst‹. Aber man kann mehr als mehr, man kann alles haben, wenn man zu zerstören bereit ist, was man hat. Die Raumausstattungen von »New Eelam« sind so gesichtslos und überflüssig, so glatt und flach, dass man immer weiß: In dieser Suite hat nie jemand gewohnt und nie jemand etwas erlebt. Man weiß immer: Man macht niemanden kaputt, wenn man sie zerstört (und man muss ja dafür auch bloß den Netzstecker ziehen). Radical chic is radical in style. Cool. Uns wird ganz heiß, wenn in den verführerischen Filmen das Logo der Bank auftaucht, die im Blut badenden Tiger. Das erinnert uns daran, worum es geht. Der Krieg taucht als ästhetisiertes Symbolon auf, das einen Abgrund ahnen lässt. Man weiß zwar, dass man zum Komplizen wird. Aber besser Tiger als Zimmerpflanze, besser Terrorist als Monstera. Und man spielt doch nur mit der Möglichkeit, man beißt ja nicht. Man macht doch bloß einen Unterschied. Das »Zentrum für Politische Schönheit« hat ja gerade erst in vollendetem Zynismus selbst solche Tiger als leibhaftigen Zirkusplüsch vorgeführt, dem die Heimatlosen zum Fraß vorzuwerfen wären. Toll, diese Möglichkeit, und noch viel toller, dass man sie für den Moment nicht genutzt hat. Das ist Macht: darauf zu verzichten, etwas zu zerstören. – Und dann doch auch schön, erregt und befriedigt zugleich wieder heimzugehen, in Kneipen und Küchen zu essen, in Garagen und Gärten herumzuwerkeln, sich in Badewannen und Betten zu legen – und vielleicht im Halbschlaf, fast schon im Traum, noch ein wenig zu surfen auf der Suche nach der nächsten Performance, der nächsten Location, nach der nächsten aprés-war party der next society, die immer flüssig ist und immer scharf.