Die Zeitung von gestern (12)

Der Schlachtruf der Solidarität – Dietmar Daths Beschwörung der linken Weltformel (3.11.2017)

Joachim Landkammer

Er hat es wieder getan. Er durfte es wieder tun. Ab und zu darf der Salon- und Feuilleton-Kommunist der FAZ, Dietmar Dath, nicht nur über Pop- und Rockmusik, sondern auch mal über seine eigentlichen, über richtige Themen schreiben, also über das Böse und das Gute, also über die Bösen und die Guten, also darüber, was „für die Welt wahrhaftig besser“ wäre, und wie das mit der wahren Linken einmal war und wie es mit ihr eigentlich sein sollte. Das ist ganz nett zu lesen (Dath ist feinsinniger Literat und Autor vieler Romane), läßt aber doch den/die um Verständnis und Einsicht bemühte/n LeserIn stark irritiert zurück.

Hintergrund seines langen Feuilleton-Openers vom 3.11. („Der rechte Lohn“) sind die offenbar für seinen Geschmack zu wenig euphorischen Kommentare der ZEIT (i.e. Gerd Koenen) auf die 100 Jahre Oktoberrevolution. Aus „Enttäuschung geschichtsphilosophischer Erwartungen“ (und nichts nähmen „Intellektuelle so übel wie“ solche Enttäuschungen), würde man statt der damals geplanten Weltrevolution heute die „Sozialdemokratisierung des Westens“ für die bessere Alternative halten, obwohl doch gerade die SPD mit ihrem pragmatischen Reformismus genau die „Internationalisierung“ der Arbeiterbewegung sträflich vernachlässigt habe, die heute jenem Teil der Arbeiterbewegung so bitter not täte, der statt internationaler Solidaritätsgesten fremdenfeindliche Pegida- und AfD-Parolen und -Voten von sich gibt.

Daths verschiedene historisch-geographische Volten schlagender Text kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß das zugrundeliegende Denkmuster mindestens so alt ist wie der Jubiläums-Anlaß: der Abfall der gemäßigten Linkem vom wahren marxistischen (?) Glauben 1917 war schon immer die als revisionistisch-opportunistisch gebrandmarkte Ursünde, die für fast alles, was danach für „die Linke“ schief gelaufen ist (und das war ja bekanntlich nicht gerade wenig…), verantwortlich gemacht worden ist. Aber so illusorisch-kontrafaktisch wie dieser Spaltungs-Vorwurf (was wäre nur alles anders gelaufen ohne diese abtrünnige SPD: das Lied mit dem Refrain „Wer hat uns verraten…“ hat ganz viele Strophen), so realitätsblind und pseudo-marxistisch argumentiert heute eine linksradikale Ideologie, die „den“ Arbeitern ihre Interessen zum Vorwurf und stattdessen mit moralischen Schlagwort-Maximen Politik machen will. Denn das hier beschworene Catchword der „internationalen Solidarität“ (einmal gesetzt, es sei möglich, es heute noch ohne die zur Genüge bekannten Übersee-Machtinteressen der ehemaligen Sowjetmacht zu denken, as in „Solidarität mit Kuba“, „Solidarität mit Nicaragua“, „Solidarität mit den Vietcong“ usw.) ist eben keines, das sich ideologiefrei und ohne realitätsverleugnende Indoktrination ausformulieren, geschweige denn: als politischer Richtwert durchsetzen ließe; schon die Debatte um den „Soli“-Zuschlag, den „Solidarpakt“ und alle anderen gängigen Polit-Themen, die auf „Solidarität“ bauen wollen, sollte da doch eher ernüchtern. Dath meint, Marx´Brief an Abraham Lincoln, der von begeisterter Opferbereitschaft und „Blutsteuer für die gute Sache“ schwadroniert, die die europäischen „Männer der Arbeit“ zugunsten der amerikanischen Sklavenbefreiung gern auf sich nehmen würden, liefere ein heute taugliches Vorbild für eine „militante und opferbereite Art des solidarischen Kampfes“. Man mag davon absehen, daß meistens die, die „Solidarität“ lautstark fordern und die, die sie üben und tatsächlich bezahlen müssen, nicht die selben Personen sind (meistens sind es, nur zum Beispiel, eben nicht Marx´“Männer der Arbeit“, sondern die nicht-arbeitenden Frauen, an denen die realexistierende, alltägliche „Solidaritätsarbeit“ in concreto hängenbleibt), aber man hätte doch vor allem fragen müssen, wie sich dieser moralistische Appell, diese idealistische Aufopferungsrhetorik verträgt mit Marx´materialistischen Grundannahmen, mit seiner Sein-regiert-Bewußtsein-These, mit seinem Verweis auf sozial-strukturelle Notwendigkeiten. Ist nicht die sich der konkreten Klassenlage und ihren daraus hervorgehenden pragmatischen Notwendigkeiten anpassende SPD die viel genauere Marx-Interpretin? Daß „Solidarität“ sich eben am besten immer nur abstrakt und intellektuell-kosmopolitisch buchstabieren läßt, zeigt ja auch, daß die einzige, immer nur temporäre reale Gelegenheit dazu der vereinte Kampf gegen einen gemeinsamen Feind liefert, wie das den Artikel zierende Plakat der „internationalen Brigaden“ im spanischen Bürgerkrieg ja sehr gut demonstriert.

Aber ein romantischer Revolutionär wie Dath hat eben einfach ein unwidersprechbares Faible für die Rhetorik des „Kampfs“, ebenso wie für die benachbarten Kampfvokabeln der „Produktion“ und der „Organisation“. Daher ist der Ausdruck höchster Verachtung, dessen er fähig ist und dem er den neuen Rechten um die Ohren wirft, der des unproduktiven Ideen- und Strategien-Schmarotzertums. Die „Rechte in Europa“ habe „seit 1789 einfach keine eigene Idee hervorgebracht“: das mag richtig sein, aber warum Dath dann im gleichen Atemzug eine transformistische Linke (New Labour, „Schröders SPD“) denunziert, die versucht, veränderten Wirklichkeiten mit neuen Politiken gerecht zu werden, zeigt, daß es auch Dath offenbar nur um das Festhalten an ganz alten und immer noch unerfüllten „geschichtsphilosophischen Erwartungen“ geht. Die Behauptung, eine nach rechts gerückte sozialdemokratische Politik sei Schuld daran, daß heute „Lohnabhängige und Arbeitslose für Pegida auf die Straße“ gehen, vergißt, daß es links von der SPD ja durchaus noch wählbare Alternativen geben würde, daß also der klassisch-marxistische Klassenstatus vermutlich eher wenig mit dem rechtsradikalen Protest zu tun hat. Wer diese rassistisch-fremdenfeindlichen Neo-Nationalisten als verlorene Kinder der Arbeiterpartei versteht, benimmt sich ähnlich weinerlich-selbstbemitleidend wie die Eltern der Villenviertel, die ihre mißratenen Söhne und Töchter im abgeranzten Drogenmilieu wiederfinden: wir haben doch alles für euch getan, wie konntet ihr nur, rufen sie und verstehen nicht, was sie „falsch gemacht“ haben. Aber Dietmar Dath weiß, wie sie zu halten gewesen wären: mit Solidarität und Internationalismus.

Also nicht: mit Politik. Denn die stellt Dath generell unter den Verdacht von Formelhaftigkeit, Starre und Dogmatik. Um seine eigene vetero-kommunistische Glaubenslehre von genau diesem Verdacht freizustellen, weicht Dath am Ende seines Artikels, in seiner letzten von vielen Ausweichungen, aus aufs Moralische und Religiöse, genauer: auf eine auf Moral reduzierte Religion. Kein Geringerer als Jesus habe schon „anständiges Verhalten und die Rechte der Armen“ eingeklagt, und sich so gegen bloße „Lippenbekenntnisse“ und „Schrift- und Ritualgläubigkeit“ ausgesprochen. Der damit verbundene „moralische Vorsprung“, der eingebüßt wird, wenn er zur Staatsreligion wird (und der freilich schon wegen seiner anti-jüdischen Konnotationen fragwürdig ist), soll offenbar für den ethischen Ultra-Mehrwert eines nicht-institionalisierten, nicht-programmatischen, nicht politisch verhandelbaren reinen Ideals stehen. Links ist (nach Dath: nur), wer im ekstatisch-religiösen, urchristlichen Ausnahmezustand bleibt: unbegrenzt solidarisch mit der ganzen Welt. Insofern ist vermutlich auch dieser Feuilleton-Aufmacher das, was das grell-bunte Plakat, das er umfließt, sowieso suggeriert: doch wieder ein Text über Pop und Rock.