Nein, Herr Feldwebel Montaigne! Gegen einen bestimmten philosophisch-soldatesken Ton im Umgang mit dem Tod

Die gestrige Sitzung des Spiritus-Kreises zu Montaignes Essay „Philosophieren heißt sterben lernen“ (I.20) hat zu einer teilweise hitzigen Debatte geführt, in der ich eigentlich Folgendes sagen wollte: Montaigne hat Recht. Man kann versuchen, das Verhältnis von Leben und Tod so zu denken, wie er es vorführt, man kann versuchen, so mit der Todesangst umzugehen und sie so zu beruhigen, zu besänftigen, zu „therapieren“. Das hat seine lebenspraktischen „Vorteile“, auf die er ja nicht müde wird,… Weiterlesen

Umzug des Blogs

Den aktuellen Mitgliedern des Spirituskreises wird es wohl bereits bekannt sein, alle anderen seien hiermit auf den Umzug des offiziellen Weblogs des Spirituskreises von texlabyrinthe.de nach http://spiritusblog.com hingewiesen. Der Anfangspost auf dieser Seite machte es bereits deutlich: das Labyrinth kennt viele Ein- und Ausgänge, und noch mehr Querverbindungen. Die Vernetzung der Texte online legt echte Ausgänge, wie jedes gute Labyrinth, nicht wirklich nahe. In diesem Sinne endet hier auch nichts, sondern geht einfach dort weiter. Was in Zukunft auf… Weiterlesen

Wie gut darf/muß ein Liebesgedicht sein? Oder: In Defense of Orlando Nachtrag zur Diskussion im Shakespeare-Seminar

In Shakespeares „Wie es euch gefällt“ (3. Akt, 2. Szene) schreibt Orlando Liebes-Gedichte und hängt sie an Bäumen im Wald von Arden auf. Sie werden gefunden und (dem Publikum) vorgelesen, vom Narr Touchstone für gut parodierbar und daher schlecht befunden und auch von der im Gedicht Angeredeten offenbar nicht wirklich einer Verteidigung für würdig gehalten; Rosalind wehrt nur den Narr ab („Out, fool“!), der sich über sie lustig macht. Aber verteidigen und aus ihrer puren… Weiterlesen

Die Über-zeugten über-stimmen: Schuld und Chance der Nicht-Wähler

Von Joachim Landkammer „Wenn das Europa ist“, sagen die Anti-Europäer und deuten mit dem Finger auf bestimmte Brüssler Fragwürdigkeiten, „dann wollen wir keine Europäer mehr sein“. Well, gegen ausgestreckte Finger läßt sich schlecht argumentieren. Man könnte stattdessen aber selber den Finger ausstrecken. „Wenn das Demokratie ist“, sagen wir also und deuten auf bestimmte Folgen englischer Volks-Referenden sowie auf bestimmte Parteien in bestimmten bundesdeutschen Landtagen, „dann wollen wir keine Demokraten mehr sein“. Wäre das eine angemessene,… Weiterlesen

Der Mythos von Schuld und Selbstverursachung

von Joachim Landkammer Der Amoklauf von München läßt über die psychologischen Hintergründe solcher Taten spekulieren – auch wenn die sich zu Wort meldenden „Experten“ natürlich beanspruchen, jetzt nach dem Bekanntwerden einiger biographischer Kenntnisse zum Täter mehr als nur Spekulationen (von denen es ja vorher voreilig viele gegeben hatte) zu bieten zu haben. Mit „Depressionen“, an denen laut Peter Langman (dessen Buch Amok im Kopf beim 18-jährigen Täter gefunden wurde) 9 von 10 Amokläufern leiden, würden… Weiterlesen

Carl Schmitt I: Das Freund-Feind-Kriterium, die Ehre und die „Erde“

Zur Plausibilisierung der umstrittenden Reduktion „des Politischen“ auf die bekannte „Begriffsbestimmung im Sinne eines Kriteriums, nicht als erschöpfende Definition oder Inhaltsangabe“ (CS, BdP, 26), also auf die „Unterscheidung von Freund und Feind“ wurden zwei Texte herangezogen, die sich, so die Vermutung, zu dieser Unterscheidung sinnvoll in Beziehung setzen lassen. Hannah Arendt rechtfertigt am Schluß ihres Berichts Eichmann in Jerusalem die für den Angeklagten verhängte Todesstrafe (Martin Buber hatte für die Begnadigung plädiert) mit folgenden Worten,… Weiterlesen

Theorie(-) und Ideologiekritik

I Der Begriff der „Weltanschauung“ oder Welt-Theorie (theoria = Anschauung) ist ein in sich widersprüchlicher Begriff. Aus der ungünstigen Kombination mit einem Weltbegriffs, d.h. eines differenzlosen Allbegriffs, neigen derartige ‚Theorien‘ dazu, ihre eigene Kontingenz und Positionalität mit einer zur Alternativlosigkeit stilisierten Differenzlosigkeit der Welt selbst zu verwechseln oder ganz zu vergessen. Mir scheint jedoch, das Problem liegt tiefer (oder flacher, kommt darauf an). Noch vor der Differenzlosigkeit ist es eine gewisse Positivität, die in Theorien… Weiterlesen

GWFH GdPdR 10: Die „Gediegenheit“ des Helden, oder: Ist Heroismus „dämlich“?

Hegels abschließende Bemerkung zum § 118, wo darauf hingewiesen wird, daß das „heroische Selbstbewußtsein“ (wie es in den griechischen Tragödien, z.B. von Ödipus vorgeführt wird) keinen Unterschied zwischen Tat und Handlung, also zwischen Vorsatz und Folgen, macht, wurde gestern dahingehend interpretiert, daß Hegel damit eine Haltung denunzieren möchte, die auch wir nicht anders als schlicht „dämlich“ bezeichnen könnten. Die „Gediegenheit“, mit der Hegel diese Haltung charakterisiert und die dazu führt, daß der Held „die Schuld… Weiterlesen

GWFH GdPdR 9: Absolutes Zueignungsrecht oder Widerstand der Materie: Hegel vs. Latour

„Ungefähr“ das hatte ich gemeint: als Gegenkommentar zu Hegels idealistischer Allmachtphantasie der Person (§ 44: „absolutes Zueignungsrecht des Menschen auf alle Sachen“) müßte man sich mal den da viel „zurückhaltenderen“ künstlerischen Zugang zur Welt anschauen, so wie er exemplarisch in einer gestrigen Ausstellungsrezension in der FAZ zu Katharina Grosse (in Düsseldorf) zum Ausdruck kommt. Wohl nicht zufällig wird da ja auch das „objektbezogene Denken“ von Bruno Latour erwähnt. Ich bin nicht sicher, ob man den… Weiterlesen

Inszenierung sozialer Fassungslosigkeit

Als Nachtrag zur Seminardiskussion über die Masse als „soziale Fassungslosigkeit“ namentlich des Individuums (Joseph Vogl) im Kontext der Problemgeschichte medialer Ereignisse hier die von mir zunächst mündlich improvisierte These zur Inszenierbarkeit solcher Verluste sozialer Fassung: Entscheidend sind vier Kontextbedingungen: (1) allmähliche Destruktion der öffentlichen Ordnung durch Unterlassung (ein erwartbarer Rechtsbruch wird unerwartet nicht geahndet: ein Brand nicht gelöscht, ein Schlägertrupp nicht aus dem Verkehr gezogen, ein Überfall nicht verhindert, etc.) im Sinne einer Gewöhnung an Negativität: auch unwahrscheinlichste Normverletzungen ziehen keinerlei… Weiterlesen